Einige Sekunden sehen sie sich an, die Frau im Auto und Christian Pflumm. Sie hatte ihren Kleinwagen gerade rückwärts vor die Hofeinfahrt der Robert-Gerwig-Schule neben die Apotheke geparkt. „Das glaub ich jetzt nicht“, sagt Pflumm. Und während er das sagt, muss bei der Frau die Einsicht gereift sein, dass es womöglich keine sehr gute Idee ist, ihr Fahrzeug dort unter seinen Augen im Halteverbot abzustellen.

Gerade rechtzeitig entscheidet sie sich dann, sich doch lieber ein anderes Plätzchen zu suchen. „Wenn hier jemand in der Feuerwehrzufahrt steht und in der Schule brennt es, können wir die Kinder nicht rechtzeitig rausholen“, sagt Pflumm noch und geht weiter.

„Ich muss doch nur kurz etwas holen“

Christian Pflumm ist Vollzugsbeamter und in St. Georgen das Gesicht der öffentlichen Ordnung. „Stadt-Sheriff“ nennen ihn deshalb manche, aber wer ihn bei der Arbeit begleitet, hat den Eindruck, dass es eher die Autofahrer sind, die sich hier im Wilden Westen wähnen.

„Ich muss doch nur kurz etwas holen“, ist dabei wohl der Satz, den er auf seinen Rundgängen am häufigsten zu hören bekommt, während das Auto der nach Ausflüchten suchenden Fahrer wahlweise im Parkverbot, im Halteverbot oder kreuz und quer auf den Gehwegen steht.

Am liebsten in den Laden hineinfahren

Pflumm sieht diese Entwicklung schon seit Jahren, und er fällt ein harsches Urteil: „Die Leute sind faul und bequem geworden, die würden am liebsten in die Läden hineinfahren, um möglichst wenig weit gehen zu müssen.“ Die Folgen zeigen sich an vielen Stellen der Kernstadt, etwa vor dem Drogeriemarkt Müller.

Hier stünden oft gleich mehrere Fahrzeuge hintereinander vor dessen Eingang auf dem Gehweg, beklagt er, und das ein einer Stelle, die wegen der Kurve dort ohnehin schon unübersichtlich sei. „Dass hier Schilder stehen, die das verbieten, kümmert eigentlich niemanden.“

Szenen wie diese gibt es oft in der Bergstadt: Auf dem Gehweg geparkte Fahrzeuge machen ein Durchkommen für Fußgänger und Autos schwierig.
Szenen wie diese gibt es oft in der Bergstadt: Auf dem Gehweg geparkte Fahrzeuge machen ein Durchkommen für Fußgänger und Autos schwierig. | Bild: Rolf Hohl

Ein ähnliches Bild zeigt sich vor der Sparkasse. „Hier haben sich die Anwohner schon daran gewöhnt, dass sie nicht mehr aus dem Hof rauskommen, weil eigentlich immer jemand vor der Bank steht“, sagt Pflumm. Keine zehn Meter weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite wäre jedoch ein Parkplatz, und auch an der Hauptstraße entlang gäbe es Stellplätze.

Oft, so erklärt er, würden die Autofahrer die Verkehrsregeln aber schlicht nicht kennen. Auf der Gerwigstraße etwa, eine Spielstraße auf der Halteverbot und Schritttempo gilt: „Viele aber glauben, dass es ausreiche, wenn man hier Tempo 30 fährt.“

Elterntaxis sorgen für Chaos

Gerade zu Schulschlusszeiten herrscht dort ein heilloses Chaos, wenn die Elterntaxis dort und auf der Schulstraße auf die Kinder warten, wieder im Halte- und Parkverbot. „Wenn sie mich dann kommen sehen, fahren sie einmal um den Block und stehen fünf Minuten später wieder dort“, berichtet Pflumm.

Angesicht all dieser Widrigkeiten und der Sturköpfigkeit so mancher Verkehrsteilnehmer müsste er eigentlich längst ein verbitterter Mann sein. Aber Pflumm hat sich seinen offenen und freundlichen Umgang mit den Bürgern bewahrt und nutzt den Ermessensspielraum, den er bei seiner Arbeit hat.

Er drückt ein Auge zu, wenn eine Frau vor dem Medizinischen Zentrum parkt, um ihren betagten Mann aussteigen zu lassen. Oder wenn der neue Paketbote noch nicht weiß, wo man kurzzeitig anhalten kann, ohne die Verkehrssicherheit zu gefährden.

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Überhaupt bleibe ihm für regelmäßige Rundgänge oft zu wenig Zeit, wie Pflumm sagt. Denn er muss auch zur Einweisung von Obdachlosen, Unterstützung bei Hausdurchsuchungen oder bei häuslicher Gewalt ausrücken. „Wir Vollzugsbeamten sind hilfsbereit und für die Bürger da, wenn sie uns brauchen“, sagt er noch. „Aber viele sehen nur das Schlechte, wenn wir wieder Strafzettel verteilen müssen.“