In einem Regal stehen bunte Tassen mit Weihnachtsmotiven, daneben ein Sammelsurium von Eierbechern in verschiedensten Größen und Farben. An der Kleiderstange gegenüber baumelt ein glitzerndes Prinzessinnenkostüm neben einer Auslage mit Osterdekorationen. Während einige Kunden auf der Suche nach Alltagsschätzen durch die Regale streifen, sitzen drei Senioren an einem der Holztische und unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee. Es sind Szenen, wie sie sich jeden Tag in dem Geschäft am Bärenplatz abspielen, denn hier ist seit mittlerweile zehn Jahren der Name Programm: "Der andere Laden".

Drei CDs für einen Euro: Der Laden ist nicht nur eine Anlaufstelle für Bedürftige, sondern auch ein Paradies für Schnäppchenjäger und Sammler, die Waren spenden und auch selbst kaufen wollen.
Drei CDs für einen Euro: Der Laden ist nicht nur eine Anlaufstelle für Bedürftige, sondern auch ein Paradies für Schnäppchenjäger und Sammler, die Waren spenden und auch selbst kaufen wollen. | Bild: Svenja Graf

Ein sozialer Treffpunkt, der jedem offensteht

"Mittlerweile sind wir so etwas wie ein sozialer Treffpunkt geworden", erzählt Bettina Knieß, die gemeinsam mit ihrem Mann Bernhard den Betreiberverein "Gemeinsam anders leben" leitet. Es gebe viele Stammkunden, die täglich vorbeischauen. "Manchmal kaufen sie etwas, oft genießen sie es aber auch nur, mit anderen zusammenzusitzen und zu reden." Zu ihren Kunden gehören neben Alleinerziehenden, Flüchtlingen und Bedürftigen auch Schnäppchenjäger, die sowohl Waren spenden als auch selbst kaufen. "Unser Laden steht grundsätzlich jedem offen", sagt Bettina Knieß.

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Ein Schicksalsschlag gab den Anstoß

Angefangen hatte alles mit einem familiären Schicksalsschlag. "Unser Sohn ist im Jahr 2005 tödlich verunglückt", erzählt Bettina Knieß. "Das war ein Einschnitt in unserem Leben, nach dem wir unbedingt etwas ändern wollten." Schließlich beschloss das Ehepaar, das zwei Adoptivkinder mit Down-Syndrom hat, sich für Menschen stark zu machen, die Hilfe brauchen. So gründeten Bettina und Bernhard Knieß im Juni 2007 das Wohnprojekt „Gemeinsam anders leben“. Ihre Idee: Alte und junge Menschen mit und ohne Behinderungen sollten in einer Gemeinschaft miteinander leben und voneinander lernen können.

Kinderkleidung wird laut Bettina Knieß besonders viel gekauft. Von der kurzen Hose bis zur dicken Winterjacke hat "Der andere Laden" deshalb alles für die Kleinsten im Angebot.
Kinderkleidung wird laut Bettina Knieß besonders viel gekauft. Von der kurzen Hose bis zur dicken Winterjacke hat "Der andere Laden" deshalb alles für die Kleinsten im Angebot. | Bild: Svenja Graf

"Wir machen uns nicht die eigenen Taschen voll"

"Dann ist das Projekt stetig gewachsen", sagt Bettina Knieß rückblickend. Zunächst wurde die Wohngruppe vergrößert und 2009 schließlich zusammen mit vier weiteren Ehepaaren der gemeinnützige Verein "Gemeinsam anders Leben" gegründet. Es folgten die zwei Gebrauchtwarenläden in St. Georgen und Furtwangen und "Der andere Möbelladen". "Wir machen uns mit den Läden aber nicht die eigenen Taschen voll", stellt Bettina Knieß klar, "auch, wenn uns das schon mehrfach vorgeworfen wurde." Stattdessen finanziert der Verein mit dem Gewinn das Wohnprojekt, in dem derzeit sowohl Menschen mit psychischen Erkrankungen als auch Flüchtlinge untergebracht sind.

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Einzelne wissen das Engagement nicht zu schätzen

"Der andere Laden" ist mehr als nur ein Paradies für Schnäppchenjäger und Anlaufstelle für Bedürftige. Bettina Knieß kennt die meisten ihrer Kunden gut und hat immer ein offenes Ohr für sie. "Es kommen auch oft Menschen, die Probleme mit Anträgen oder Behördenbriefen haben", erzählt sie. "Da helfe ich dann weiter, so gut ich kann." Um so mehr trifft es die engagierte Bergstädterin, dass einzelne Menschen all den Aufwand nicht zu schätzen wissen. "Wir bieten die Waren hier schon so günstig an wie es geht", erklärt sie. "Und trotzdem gibt es immer wieder Kunden, die verhandeln wollen oder uns sogar beklauen." Das sei dann schon frustrierend, aber glücklicherweise eher die Ausnahme.

Von der Baby-Schwimmhilfe bis zur Spielesammlung – das Sortiment in dem Geschäft am Bärenplatz ist groß.
Von der Baby-Schwimmhilfe bis zur Spielesammlung – das Sortiment in dem Geschäft am Bärenplatz ist groß. | Bild: Svenja Graf

Geschäfte bieten auch eine berufliche Perspektive

Außerdem schafft der Verein berufliche Perspektiven. "Die Idee ist, Menschen zu beschäftigen, die sonst Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden", erklärt Bettina Knieß. Derzeit arbeiten in den drei Läden in St. Georgen und Furtwangen rund 20 Mitarbeiter. Eine von ihnen ist Manjula Rameshkumara. Die Tamilin kam vor sechs Jahren aus Sri Lanka nach Deutschland und fand in St. Georgen mithilfe des Ehepaars Knieß eine neue Heimat. "Ich bin sehr froh, dass ich in dem Laden arbeiten kann", sagt sie und ihre Augen beginnen zu strahlen. "Hier ist kein Tag wie der andere und es gibt immer etwas zu lachen." Zu ihrer Chefin Bettina Knieß pflegt sie ein freundschaftliches Verhältnis. "Es macht einfach Spaß, Menschen helfen zu können und das tun wir hier jeden Tag", sagt Manjula Rameshkumara mit einem breiten Lächeln im Gesicht, während sie das Prinzessinnenkostüm glatt streicht und die Eierbecher geraderückt.

Tassen, Teller, Töpfe und mehr: "Der andere Laden" bietet alles, was man im Haushalt braucht.
Tassen, Teller, Töpfe und mehr: "Der andere Laden" bietet alles, was man im Haushalt braucht. | Bild: Svenja Graf

So funktioniert das Konzept der Läden

  • "Der andere Laden": Das Geschäft am Bärenplatz in St. Georgen hat ein breites Sortiment. Von Kleidung und Spielwaren über Geschirr und Haushaltszubehör bis hin zu CDs und Büchern werden Gebrauchtwaren zum kleinen Preis angeboten. Jeder, der so etwas zu Hause hat und nicht mehr benötigt, kann es in dem Laden abgeben, sofern die Gegenstände in gutem Zustand sind. Zum Dank gibt es einen Kaffee-Gutschein.
  • Was nicht gespendet werden darf: Es gibt einige Gegenstände, die "Der andere Laden" grundsätzlich nicht annimmt. Dazu gehören beispielsweise Drucker, Computer, Lampen, Fernseher, Schallplatten, Inliner, Skier und Bücher, die älter als zehn Jahre sind.
    Nicht alle Waren werden im Laden angenommen. Eine Liste an der Kasse gibt Auskunft.
    Nicht alle Waren werden im Laden angenommen. Eine Liste an der Kasse gibt Auskunft. | Bild: Svenja Graf
  • "Der andere Möbelladen": In dem Geschäft in der Hauptstraße werden Gebrauchtmöbel wie Tische, Sessel oder Schränke zu günstigen Preisen angeboten. Die Möbelstücke beziehen die Betreiber aus Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen. Außerdem bieten sie Hilfe bei Umzügen an.

Weitere Informationen zum Verein "Gemeinsam anders leben" sowie die Öffnungszeiten der beiden Geschäfte finden Sie im Internet auf www.gemeinsam-anders-leben.de .