Myrta Stieber hat aus einem bunten und abenteuerlichen Leben viel zu erzählen. Heute, Freitag, 28. Oktober, feiert die gebürtige St. Georgenerin ihren 90. Geburtstag. Was ihre Schulzeit angeht, betitelt sie sich selbst als mittelmäßige Schülerin. Am Gymnasium waren für die junge Myrta Übelhardt ihre Lieblingsfächer Deutsch und Geschichte, während sie mit Fächern wie Chemie und Physik eher weniger gut zurechtkam. Die Jubilarin absolvierte ihr Abitur während des Krieges in der in der Villinger Immelmann-Schule – dem heutigen Gymnasium am Romäusring. Danach erwartete sie eine Vielfalt an Tätigkeiten: "Durch den Krieg musste man dort arbeiten, wo es gerade nötig war", erklärte sie zurückblickend.

Damals sei es unmöglich gewesen, ein Studium oder eine Ausbildung zu beginnen, da man ständig neu verteilt wurde. Nach dem Abitur wurde sie also in St. Georgen die heutige Firma Kundo eingewiesen, die damals noch "Kieninger und Obergfell" hieß. Dort musste sie an Maschinen arbeiten. Danach kam sie zum Reichsarbeitsdienst. Die Teilnahme war für alle männlichen und weiblichen Arbeitskräfte im Alter von 18 bis 25 Jahren Pflicht. Beim Reichsarbeitsdienst wurde man immer für jeweils sechs Wochen an unterschiedliche Orte geschickt. Insgesamt arbeitete Stieber ein halbes Jahr beim Reichsarbeitsdienst. Sei es beim Bauern, in einer kinderreichen Familie, in der Apotheke oder in einer Trikotfabrik, Myrta Stieber musste bis zum Kriegsende schon in den ein oder anderen Beruf einsteigen. Trotz allem bereut sie keinen einzigen Tag: "Ich bin froh, wie alles abgelaufen ist, weil ich somit aufs Leben vorbereitet wurde".

1948 heiratete sie Walter Stieber. 1960 eröffnete Myrta Stieber zusammen mit ihrem Mann ein Elektrogeschäft in der Roßbergstraße. 15 Jahre später verlegten sie ihr Elektrogeschäft in das Gebäude, in dem sich heute das Elektrofachgeschäft "Heizmann und Draschar" befindet. Weil das Elektrogeschäft der Stiebers das einzige in St. Georgen war hatte es immer viel Kundschaft:"Wir gehen zum Stieber" habe es damals immer geheißen, erzählt das Geburtstagskind stolz. Laut Stieber soll das Geschäft riesengroß gewesen sein, sechs Gesellen und drei Lehrlinge arbeiteten damals zusammen mit ihnen. Bevor Myrta Stieber 1989 in den wohlverdienten Ruhestand ging, arbeitete sie noch acht Jahre im Einkauf beim Tochterunternehmen der Firma "Kundo und Staiger" in Hardt.

Zwischen 1963 und 1970 erlebte die St. Georgenerin eine erlebnisreiche Zeit. Zusammen mit ihrem 1994 verstorbenen Mann und Sohn Gerd unternahmen sie viele Reisen: Kenia, Ceylon (heutiges Sri Lanka), Nepal und Hong Kong gehören zweifellos zu den spannendsten Zielen. Von der Kenia-Reise 1964 berichtet Stieber heute noch total begeistert: "Der Tourismus war zu der Zeit noch an den Anfängen, es gab keinen Luxus und man erlebte alles so ursprünglich", erzählte sie lächelnd. Ganze 29 Stunden flogen sie mit einer Propellermaschine nach Kenia und verbrachten dort vier Wochen in einem kleinen Gasthaus.

Abgesehen vom Reisen hatte Myrta Stieber ein weiteres Hobby, das sie von klein auf begleitete: "Als Schülerin habe ich immer vor mich hin gedichtet. Schon immer habe ich gerne Gedichte geschrieben, sei es für Hochzeiten oder Klassenfeste", so Myrta Stieber. Ihre Gedichte im St. Georgener Dialekt handeln von wahren Geschichten und Geschehnissen der Ur-St. Georgener. Diese seien laut Stieber zwar verschlossen und zynisch gewesen, jedoch nicht bösartig. Zudem hätten sie Gefallen daran gehabt, Leute aufs Kreuz zu legen. Der Dialekt sollte laut der 90-Jährigen nicht verloren gehen und schrieb deshalb Gedichte in der originalen Mundart. "Ich liebe meine Mundart und hoffe, dass sie mit meinen Gedichten erhalten bleibt", so die stolze Bergstädterin.

Die Autorin

Myrta Stieber hat zwei Bändchen mit Gedichten veröffentlicht. Ihr erstes Buch erschien 1999 und heißt "Von de alde Zit un de luschtige Lit". Das zweite erschien etwa zehn Jahre später und heißt "Alde Gschichtle un Gedichtle zum Lache un Bsinne". (esp)