Für den Abiturjahrgang des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums wird es bald ernst: Am 30. April starten die Schüler mit dem Fach Deutsch in die schriftlichen Abiprüfungen. Das bedeutet Stress – sowohl für die Gymnasiasten als auch für die Lehrer. Denn in diesem Jahr läuft vieles anders als bisher. Das baden-württembergische Kultusministerium hat ein neues Verfahren zur Verteilung der Prüfungsaufgaben beschlossen, nachdem es in der Vergangenheit zu mehreren Pannen gekommen war.

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Um diese künftig zu vermeiden, sollen die Prüfungsbögen nun verschlüsselt auf einem USB-Stick an die Schulen geschickt werden. Ralf Heinrich, Leiter des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums in St. Georgen, sieht diese Lösung kritisch. "Das Abitur ist der Höhepunkt der gymnasialen Bildung", sagt er und fordert: "Das sollte zentral geregelt werden." Bisher habe die Schule die Pakete mit den gedruckten Aufgaben einige Wochen vor den Prüfungsterminen erhalten und im Schulsafe gelagert. "Nun bekommen wir den USB-Stick geschickt und müssen diesen dann ebenfalls erst mal im Safe einschließen", erzählt Heinrich. Der Datenträger sei dann zwar verschlüsselt, hundertprozentige Sicherheit garantiere aber auch das nicht. Denn dass Erwachsene ein Verschlüsselungssystem erfinden, das motivierte Jugendliche nicht knacken können, hält Heinrich für unrealistisch.

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Welchen Mehr-Aufwand Pannen auslösen können, hatten zwei Vorfälle in den vergangenen Jahren gezeigt. In einem Gymnasium in Stuttgart-Weilimdorf wurden im Jahr 2017 Mathematik- und Englischaufgaben gestohlen, im Jahr darauf im niedersächsischen Goslar ebenfalls die Matheprüfungen. Alle Gymnasien, die zentrale Aufgaben hatten, mussten diese daraufhin in den betroffenen Fächern austauschen.

Neues System ist fehleranfälliger

Auch die Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, hatte das neue Verteilungsverfahren zuvor scharf kritisiert. „Die Gefahr von Pannen wird um ein Vielfaches größer, wenn jede Schule ganze Sätze von Abituraufgaben kopieren und sortieren muss“, schrieb Moritz an die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

"Die Gefahr von Pannen wird um ein Vielfaches größer, wenn jede Schule ganze Sätze von Abituraufgaben kopieren und sortieren muss." Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende
"Die Gefahr von Pannen wird um ein Vielfaches größer, wenn jede Schule ganze Sätze von Abituraufgaben kopieren und sortieren muss." Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende | Bild: Bernd Weissbrod, dpa

Diese Meinung teilt auch Ralf Heinrich. Die Anzahl der möglichen Fehlerquellen steige automatisch, wenn die Schulen am Prüfungsmorgen erst die Aufgaben entschlüsseln und dann für alle Schüler kopieren und sortieren müssen, ist sich der Schulleiter sicher. Das neue Verfahren betrifft die Fächer Deutsch, Englisch, Mathe und Französisch, da diese aus einem zentralen Pool der Kultusministerkonferenz kommen. "Alleine im Fach Deutsch sprechen wir von tausenden Seiten, die am Morgen vor der Prüfung gedruckt werden müssen", erklärt Heinrich. Diese Aufgabe müsse von den entsprechenden Fachlehrern übernommen werden, die sich mit der Materie auskennen. Nur so sei zu gewährleisten, dass die einzelnen Seiten richtig sortiert und Prüfungssätze richtig zusammengestellt werden.

Viele neue Herausforderungen

Das stellt das Gymnasium vor eine personelle Herausforderung, da die Abiturprüfungen parallel zum laufenden Schulbetrieb stattfinden. "Mathematiklehrer rechnen beispielsweise am Morgen vor der Matheprüfung einmal alle Aufgaben durch", sagt Heinrich. "Wenn sie nun zusätzlich das Kopieren und Sortieren übernehmen müssen, kostet das natürlich mehr Zeit und das zieht Unterrichtsausfälle in den anderen Klassenstufen nach sich."

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Nicht zuletzt muss auch die Technik mitspielen, denn die beste Organisation nützt nichts, wenn am Prüfungsmorgen der Kopierer streikt oder Tonerkartuschen leer sind. "Wir haben drei Geräte, die müssen rund laufen", sagt Ralf Heinrich. Er müsse darauf bauen, dass die Technik den Anforderungen gewachsen ist. "Sonst wird es wirklich eng." Man könne schließlich nicht extra für die Abiprüfungen mehrere neue Drucker anschaffen, die eine Menge Geld kosten.

Der Schulleiter ist nicht begeistert von dem neuen Verfahren und hält es für einen "Schnellschuss, den man besser hätte planen können". Trotzdem versichert er, dass er gemeinsam mit seinen Kollegen alles dafür tun wird, damit die diesjährigen Abiturprüfungen störungs- und pannenfrei über die Bühne gehen können.