Politisches Kabarett auf höchstem Niveau präsentierte das Theater im Deutschen Haus mit dem Gastspiel von René Sydow. Gestenreich und mit ungeschönten Worten hielt der Kabarettist mit seinem Soloprogramm "Die Bürde des weisen Mannes" dem Publikum den Spiegel der Gesellschaft vor. Was darin zu sehen, beziehungsweise zu hören war, jagte den Zuhörern manchen Schauer über den Rücken.

Es hatte ein wenig etwas von harmlos glitzerndem Geschenkpapier, in das hochexplosiver Sprengstoff eingewickelt ist. Im munteren Plauderton holte sich René Sydow ein politisches Thema nach dem anderen auf seinen verbalen Seziertisch. Großbritanniens "Austritt aus der Vernunft", das zweifelhafte Unterhaltungsprogramm der Kirchen, Bildungspolitik, Internet – an Themen, über die es sich scharfzüngig drüber herzuziehen lohnt, mangelte es Sydow wahrlich nicht. "Einer muss ja die Wahrheit sagen. Auch wenns weh tut", sagte er fast schon entschuldigend. Und es tat weh, wenn der Kabarettist und Träger zahlreicher Kabarettpreise mit bitterer Ironie darüber philosophierte, dass die Elite Europas immer reicher wird, während man den Armen immer nur verspricht, dass es "bald besser würde". "Aber es heißt ja auch Märchen und Sagen und nicht Märchen und Tun", wie er seine schon ans poetische grenzende Erkenntnis zog.

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Nicht nur die Politiker bekamen ihr kabarettistisches Fett weg. Auch über die deutsche TV-Prominenz zog René Sydow herrlich sarkastisch her. Angefangen von Boris Beckers winzigem Rest an Selbstachtung, den er zufällig in der Hautfalte seiner Hand entdeckte, bis zu einschlägigen TV-Formaten, die im Nachmittagsprogramm laufen. "Früher hatten wir Prominente wie Onassis, Kennedy und Beckenbauer. Heute ist jeder Teilnehmer einer Reality-Fernsehshow prominent", bedauerte er den Verfall des Promistatus, von denen nicht wenige "intellektuell mit leichtem Gepäck unterwegs sind". Kultur müsse die Menschen fordern. "RTL zu schauen ist kulturell so, als wenn die Arbeit eines Steinmetz darin bestünde, Kiesel herzustellen."

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Die Pointen, die René Sydow im Tempo einer Maschinengewehrsalve abfeuerte, verfehlten ihre Wirkung nicht. Das Publikum schwankte ständig zwischen loslachen angesichts der Überzeichnung und der Bedrücktheit, weil der Kern der Sache nun mal stimmte. Und daher alles andere als zum Lachen war. So auch im Dialog mit Luzifer, der "nicht an allem schuld sein will". Oder als er den Unterschied zwischen Wissen und Bildung erklärte. "Mit Wissen kann man seine Steuererklärung machen. Mit Bildung kann man dabei auch bescheißen." Schülern würde heute nur noch Kompetenzen statt Wissen und Bildung vermittelt. Und das Internet sei längst nicht die Lösung für alles. "Ja, es gibt Schwarmintelligenz. Aber es gibt auch die Dummheit der Massen."