Sei es das Postulat des lebenslangen Lernens, sei es der Anspruch, junge Menschen sich in einer passenden Umgebung in Lebenskompentenz entwickeln zu lassen: Man könnte meinen, der Lebenslauf des neuen Realschulreaktor Hubert Ilka sei die Blaupause für einen modernen Schulleiter. Der 58-Jährige hat in seinen beruflichen Stationen Schulen und Schularten kennengelernt, unterrichtete im Ausland, absolvierte zahlreiche Fortbildungen, brachte sich in Sachen Prävention, Gesundheit und Erlebnispädagogik selbst als Fortbildner ein, pflegt den Kontakt mit Schulleitern in der Raumschaft und Kollegen in Finnland und ist ein glühender Verfechter des europäischen Austauschprogramms Erasmus plus.

"Ich fände es großartig, wenn jedes Kind mindestens zwei Wochen lang ein anderes Land kennenlernen würde", nennt Ilka einen Vorschlag, der – den Gegenbesuch eingeschlossen – der Entwicklung junger Menschen guttäte. Der Pädagoge sähe hier den Präventionsgedanken in Zeiten nationalistischer Tendenzen sinnvoll eingesetzt. "Kinder sind in diesem Alter empfänglich für Vorurteile, aber ebenso auch für den Gegenbeweis." Eine Immunität gegen "Rattenfänger" lasse sich nur erzielen, wenn die jungen Leute auch mal den "Bau verlassen".

Dieser "Bau" ist für Ilka dann doch eher ein Ort, in dem 487 Kinder und Jugendliche ihr schulisches Zuhause haben sollen. "Wohlfühlen" sagt der Schulleiter, ohne den Begriff mit behaglichem Zurücklehnen zu befrachten. "Die Lernumgebung muss stimmen", justiert er den Rahmen einer pädagogischen Arbeit, die den Absolventen nach sechs Jahren alle Komponenten für die eigene Lebenssteuerung an die Hand geben soll. Und an diesem Rahmen schraubt der im privaten Bereich begeisterte Haus-Handwerker bereits. Beispiel Raumsituation. Schlichtweg ungesund ist es, 30 Schüler in den kleinen Klassenzimmern alter Bauart zu unterrichten. Abhilfe schaffen zwei neue 90-Quadratmeter-Klassenzimmer mit Platz für Unterricht und Freiarbeit, die dank des Entgegenkommens des Gymnasiums aus vier alten Klassenzimmern entstanden sind.

Gutes Lernen in Gruppenarbeit mit Bewegungsmöglichkeiten außerhalb der engen Schulbänke ergeben sich für alle Schüler demnächst durch Lernkojen und Lerninseln auf dem Flur im ersten Obergeschoss. Vor der praktischen Umsetzung benötigt dieses später nahezu ohne Lehreraufsicht umsetzbare pädagogische Projekt aber Platz. Ilka verbannt dafür die sperrigen orangefarbenen Spinde in einen Bereich auf der gleichen Stockwerk, an dem sich momentan noch zwei inzwischen ungenutzte Filmräume ohne natürliches Licht befinden. Ein richtiger Bäckerei-Verkaufsstand in der Aula, eine Leseecke, ein Baumstamm aus dem Stadtwald als Sitzmöglichkeit, ein Teich oder das Grüne Klassenzimmer gehören ebenso zu einer positiven Lernumgebung, die auch die Gymnasiasten nutzen.

Zwei Schulen unter einem Dach, sechs – die Grundschulen eingerechnet – im Schulnetzwerk. Hier findet für Ilka die gedankliche und strategische Arbeit statt. Er hält der Zusammenarbeit der Schulleiter und der der Unterstützung durch die Stadt ebenso große Stücke wie vom Grundgedanken des Netzwerks: "Alle Kinder haben in St.Georgen ihr schulisches Zuhause. egal in welchem Gebäude." Das bedeutet die Durchlässigkeit der Schularten. Wenn sich Kinder langsamer oder schneller entwickeln als ihre Mitschüler oder wenn das Lernen durch Pubertät oder schwierige Familienverhältnisse schwerfällt, können Schüler ohne bürokratische Formalien zwei Wochen lang die andere Schule testen. Seit etwa 18 Monaten ist das möglich, die Erfahrungen sind überwiegend positiv: auch wenn die Gespräche zwischen Orientierungsberatern, Eltern und Schülern mitunter nicht sofort zu einer Veränderung führen. Natürlich gelte es dabei Versetzungsvorschriften einzuhalten, aber "die interpretieren wir so frei wie möglich für das Kind". Das sagt ein erfahrener Pädagoge, der gelernt hat, dass es die Schule selbst ist, die sich kümmern muss.

Zur Person

Hubert Ilka (58) ist verheiratet und lebt in Beffendorf im Kreis Rottweil. Drei Töchter sind zwischen 17 und 22 Jahre alt. Der gebürtige Ravensburger ist begeisterter Handwerker und Sportler. Er fuhr früher Radrennen und hat Lizenzen als Skilehrer und Volleyballtrainer. Als Lehrer arbeitete er von der Grund- und Hauptschule über die Förderschule bis zur Realschule seit 1980 an mehreren Schulen im Landkreis Rottweil. Von 1991 bis 1994 hatte er einen Lehrauftrag in England. Zu Tätigkeiten und Qualifikationen gehören der Fortbildner in Erlebnispädagogik, den er 14 Jahre ausübte, ein berufsbegleitendes Studium Schulentwicklung, Schulmediator seit 2010 sowie Lerncoach und Präventionsbeauftragter des Landes Baden-Württemberg jeweils seit 2012. (wur)