Ungefähr zur selben Zeit, als in Köln die ersten Modelle des Ford Capri vom Band rollten, wurde an der Alten Landstraße in St. Georgen mit dem Bau des späteren AHG-Autohauses begonnen. Heute sind beide Geschichte – und finden dieser Tage auf ungewöhnliche Weise zusammen. Denn der seit gut einem halben Jahr leerstehende Bau aus den 1970er-Jahren ist jetzt Ausstellungsfläche für vier Kunstwerke aus der Sammlung Grässlin, die ab sofort dort zu sehen sind.

Glanz und Elend früherer Zeit

Passenderweise sind gleich zwei davon Autos, die in den anderen Grässlin-Kunsträumen im Stadtgebiet wegen ihrer Dimensionen nie einen Platz gefunden hatten. „Wir sind froh, wieder einmal etwas Neues präsentieren zu können“, sagt Hannah Eckstein, die Leiterin der Sammlung Grässlin. „Mit diesen Arbeiten haben wir einige legendäre Werke aus der Kunstwelt in unserem Bestand, und die wollen wir den Besuchern natürlich nicht vorenthalten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Eines davon ist der besagte Ford Capri, der jetzt in den Räumen des ehemaligen Autohauses steht. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit der Künstler Martin Kippenbeger und Albert Oehler, die das Kultauto mit einer Dispersionsschicht und Haferflocken überzogen haben. Es ist ein künstlerischer Seitenhieb gegen die damaligen Capri-Fahrer, die Kippenberger als Angeber betrachtete und für ihn für den bescheidenen Glanz wie auch für das gesellschaftliche Elend der damaligen Zeit standen.

Der „Porsche des kleinen Mannes“, wie der Ford Capri auch genannt wurde. Im ehemaligen Autohaus darf er sich wieder den Besuchern zeigen.
Der „Porsche des kleinen Mannes“, wie der Ford Capri auch genannt wurde. Im ehemaligen Autohaus darf er sich wieder den Besuchern zeigen. | Bild: Rolf Hohl

Einen anderen Ansatz wählte der Künstler Tobias Rehberger mit seiner Arbeit „Kao Ka Moo“. Was auf den ersten Blick wie ein ausgeschlachteter Porsche 911 aussieht, ist in Wirklichkeit ein reines Fantasieprodukt. Rehberger skizzierte aus dem Kopf berühmt gewordene Automodelle und ließ sie dann ohne weitere technische Anweisungen in Thailand nachbauen. Er habe damit den Produktionsprozess seiner Kunstwerke bewusst aus der Hand gegeben und die Einflüsse fremder Traditionen und Werte zugelassen, erklärt Eckstein. „Wäre das Auto in Deutschland produziert worden, hätte es danach sicherlich anders ausgesehen.“

Was aussieht wie ein Porsche 911 ist in der Tat ein Fantasieprodukt – wenn auch mit gewissen Ähnlichkeiten.
Was aussieht wie ein Porsche 911 ist in der Tat ein Fantasieprodukt – wenn auch mit gewissen Ähnlichkeiten. | Bild: Rolf Hohl

Für Axel Sauter, Filialleiter der AHG, ist diese Art der Zwischennutzung ideal: „Ich bin selbst St. Georgener und da ist es mir eine Herzensangelegenheit, dass in den leeren Geschäftsräumen nicht einfach nur tote Mücken herumliegen.“ Zudem passe das Gebäude mit seinen bodentiefen Schaufenstern, das noch immer den Geist der 1970er-Jahre atme, perfekt zu den ausgestellten Arbeiten. „So sind die Werke nicht irgendwo versteckt, sondern gut zu sehen für alle Besucher von St. Georgen, die einen Sinn für die Kunst haben“, sagt Sauter.

Kunst an der Ampel

Künftig wird das ehemalige Autohaus damit auch in die Führung zu den rund 20 „Räumen der Kunst“ der Sammlung Grässlin eingegliedert – auch wenn dazu ein kleiner Umweg nötig werden wird. Unklar ist indes noch, wie lange die temporäre Nutzung als Kunstraum bestehen bleiben wird. Die AHG, die sich im Herbst vergangenen Jahres aus dem Gebäudekomplex zurückgezogen hatte, sucht nämlich seither nach einem Interessenten dafür.

Schon jetzt brennt dort aber wieder Licht, denn der neue Ausstellungsraum wird nachts beleuchtet und ist von der Kreuzung auf der Bundesstraße 33 aus zu sehen. Wer also künftig einen unfreiwilligen Halt an der Ampel einlegen muss, kann sich die Wartezeit bequem mit etwas zeitgenössischer Kunst versüßen.