Es ist Montag und pünktlich ab 17 Uhr schallen Musik, schnelle Schritte und lautes Lachen durch den Gymnastikraum an der Halle des St. Georgener Turnvereins. Trainerin Tanja Palmer heißt dieses Mal elf Teilnehmer in ihrer Rehasportgruppe willkommen. Eine gute Stunde lang werden sie nun ein leichtes Training absolvieren, das den Körper wieder auf Vordermann bringen und die Beweglichkeit verbessern soll. Mithilfe von Schaumstoffbällen und Fitnessbändern werden außerdem Koordination und Gleichgewicht geschult.

Einmal kräftig drücken: Mithilfe von Schaumstoffbällen werden Koordination und Ausdauer geschult.
Einmal kräftig drücken: Mithilfe von Schaumstoffbällen werden Koordination und Ausdauer geschult. | Bild: Svenja Graf

Die Teilnehmer der Rehasportgruppe können sich glücklich schätzen, dass es solch ein Angebot nun auch in der Bergstadt gibt. Bis vor einigen Monaten hätten sie dafür noch einen weiteren Weg auf sich nehmen und bis nach Königsfeld oder Bad Dürrheim fahren müssen. "Die Situation war für die Betroffenen natürlich unpraktisch", sagte der Vorsitzende des Turnvereins, Gerhard Mengesdorf, vor einigen Wochen im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Deshalb sei es ihm ein dringendes Anliegen gewesen, das Angebot des Vereins um zwei Rehasportgruppen zu erweitern. "Wir sehen uns als Turnverein auch ein Stück weit in der Verantwortung, etwas für die Gesundheit der St. Georgener zu tun", so Mengesdorf. Außerdem sei er davon überzeugt, dass der Rehasport in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird, weil die Menschen im Durchschnitt ein immer höheres Alter erreichen.

Tanja Palmer, Martina Koch und Gerhard Mengesdorf (von links) hoffen auf viele Teilnehmer für die Rehasportkurse.
Tanja Palmer, Martina Koch und Gerhard Mengesdorf (von links) hoffen auf viele Teilnehmer für die Rehasportkurse. | Bild: Svenja Graf

Jeder so, wie er kann

Im Kurs von Tanja Palmer wird jedoch schnell klar: Rehasport ist weit mehr als Bewegungstraining für betagte Menschen. Die Gruppe ist bunt gemischt, Männer und Frauen im Alter von Mitte dreißig bis Mitte sechzig haben hier zusammen Spaß am Sport. Sie alle haben ein gemeinsames Ziel: fitter werden.

Doch die Intention der Verantwortlichen des Turnvereins geht darüber hinaus, wie Tanja Palmer erklärt. "Der Rehasport soll nicht nur den Körper, sondern auch das Selbstbewusstsein der Teilnehmer stärken", sagt sie. "Für viele kann es der erste Schritt sein, damit sie im Alltag wieder besser zurechtkommen und wieder viel mehr am Leben teilhaben." Deshalb ist es der Kursleiterin auch besonders wichtig, dass die Teilnehmer sich nicht unter Druck setzen. Es sei vollkommen normal, dass Manche eben eingeschränkter sind als Andere und jeder seine eigene Belastungs- und Leistungsgrenze habe. "Deshalb versuche ich auch immer, die Übungen so zu gestalten, dass sich der Schwierigkeitsgrad je nach Kursteilnehmer variieren lässt."

Auch Fitnessbänder kommen in der Rehasportgruppe zum Einsatz.
Auch Fitnessbänder kommen in der Rehasportgruppe zum Einsatz. | Bild: Svenja Graf

Und dieses Konzept geht auf: Die elf Männer und Frauen, alle unterschiedlich alt und auf verschiedenen Leistungsniveaus, absolvieren die einzelnen Übungen so gut, wie sie eben können. Es gibt keinen Wettbewerbsgedanken, aber gegenseitige Unterstützung. Die Atmosphäre ist gelöst und es wird viel gelacht.

Mit viel Geduld erklärt Gruppenleiterin Tanja Palmer ihren Kursteilnehmern die Übungen so lange, bis alles richtig sitzt.
Mit viel Geduld erklärt Gruppenleiterin Tanja Palmer ihren Kursteilnehmern die Übungen so lange, bis alles richtig sitzt. | Bild: Svenja Graf

Zwei verschiedene Schwerpunkte

Die Rehasportgruppe von Tanja Palmer ist für Menschen mit orthopädischen Defiziten gedacht. Sie richtet sich an Teilnehmer mit Gelenk-, Wirbelsäulen- oder Haltungsschäden, Osteoporose oder Endprothesen. Daneben gibt es noch eine weitere Gruppe für Menschen mit Erkrankungen der Lunge und der Nieren, mit Diabetes, peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder Krebserkrankungen. Diese Gruppe leitet Martina Koch. Auch ihr ist es wichtig, dass die Teilnehmer nicht nur in Bewegung kommen, sondern auch Selbstbewusstsein tanken. Der Sport soll eine "Hilfe zur Selbsthilfe" sein, sagt sie. Während die Orthopädie-Gruppe inzwischen fast voll ist, lässt der Ansturm auf die Gruppe von Martina Koch noch auf sich warten. "Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass Bewegung auch bei inneren Erkrankungen sehr viel bewirken und gut tun kann", vermutet die Trainerin.

Den Körper zu dehnen und zu strecken gehört ebenfalls zum Rehasportprogramm.
Den Körper zu dehnen und zu strecken gehört ebenfalls zum Rehasportprogramm. | Bild: Svenja Graf

Die Teilnehmerzahl beider Gruppen ist zunächst auf jeweils 15 beschränkt. Sollte sich langfristig jedoch zeigen, dass der Bedarf in St. Georgen weitaus höher ist, könne darüber nachgedacht werden, eine weitere Gruppe ins Angebot des Turnvereins aufzunehmen, stellte Gerhard Mengesdorf in Aussicht.

"Man muss nichts beweisen"

Tanja Palmer ist 48 Jahre alt und leitet die orthopädische Rehasportgruppe des Turnvereins.

Warum ist es so wichtig, dass es in St. Georgen nun auch Rehasport gibt?

Im Rahmen des Projekts "Bewegte Kommune" wurde ja schon sehr viel gemacht – vor allem für Kinder. Allerdings ist Bewegung auch und gerade im Alter wichtig und da war das Angebot ausbaufähig.

Welche Ziele verfolgen Sie in Ihrer Gruppe?

Ich möchte erreichen, dass die Teilnehmer den Spaß an der Bewegung finden, im Alltag wieder besser zurechtkommen und im besten Fall auch noch neue Kontakte knüpfen. Ich könnte mir zum Beispiel gut vorstellen, dass sich Kursteilnehmer, die sich in der Rehasportgruppe kennengelernt haben, später in einem anderen Sportkurs zusammentun oder sich vielleicht sogar die eine oder andere private Freundschaft daraus entwickeln kann – das wäre doch schön.

Warum wollten Sie eine dieser Gruppen leiten, was gefällt Ihnen so am Rehasport?

Ich habe ja vorher schon andere Kurse gemacht und meine B-Lizenz als Übungsleiterin gemacht. Darauf konnte ich dann mit der Zusatzausbildung für den Rehasport aufbauen. Ein bisschen Eigennutz ist natürlich dabei – man wird ja auch nicht jünger. In der Gruppe macht es einfach Spaß, es geht um die Freude am Sport und keiner muss irgendwem etwas beweisen – das macht es so entspannt und schön.

Fragen: Svenja Graf