Mit einem Lächeln im Gesicht steht Gerhard Oberling vor seinem heimischen Wohnzimmerschrank. Er deutet mit dem Zeigefinger in Richtung des obersten Regalbretts und sagt: "Das ist die Pariser Kathedrale Notre Dame – mein Lieblingsstück."

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Ein schönes Werk, ohne Zweifel. Doch erst als der 82-Jährige die Nachbildung der französischen Sehenswürdigkeit vorsichtig vom Schrank hebt, werden die Ausmaße des Modells deutlich: Die Grundfläche ist fast so groß wie die Platte des Wohnzimmertisches. Es besteht aus 7500 kleinen Holzstäbchen, in etwa so groß wie Streichhölzer. Der Hobbybastler hat sie alle auf die richtige Länge gestutzt und mit Flüssigkleber zusammengeklebt. Aus farbigem Papier entstanden die Kirchenfenster und selbstverständlich ist das Modell von innen beleuchtet, denn "erst dann kommt es so richtig zur Geltung", erklärt Gerhard Oberling.

Auf seinem Dachboden lagert Oberling auch kleinere Modelle wie diese Windmühle.
Auf seinem Dachboden lagert Oberling auch kleinere Modelle wie diese Windmühle. | Bild: Svenja Graf

Er baut alles – vom Eiffelturm über Taj Mahal bis zur Lorenzkirche

Notre Dame war das erste große Modell des Hobbybastlers, aber es blieb nicht das einzige. Zu ihm gesellten sich im Laufe der Jahre unter anderem das Empire State Building, das Brandenburger Tor, der Eiffelturm, Taj Mahal, die Tower Bridge, Schloss Neuschwanstein und die Burg Hohenzollern. Sie alle stehen fein säuberlich aufgereiht in einem Regal auf dem Dachboden. Das Modell, das aus der Vielzahl an Werken besonders heraussticht, ist jedoch keine international bekannte Sehenswürdigkeit, sondern ein St. Georgener Wahrzeichen: die Lorenzkirche.

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Die Enttäuschung sitzt immer noch tief

Als Gerhard Oberlings Blick auf die Nachbildung der Bergstadt-Kirche fällt, verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht. „Die Geschichte hat mir damals einen ordentlichen Hieb versetzt“, sagt er.

Sie sorgte im Jahr 2017 für reichlich Diskussionen: Gerhard Oberlings Nachbildung der St. Georgener Lorenzkirche.
Sie sorgte im Jahr 2017 für reichlich Diskussionen: Gerhard Oberlings Nachbildung der St. Georgener Lorenzkirche. | Bild: Jens Wursthorn

Bis heute kann der 82-Jährige nicht nachvollziehen, dass das Modell, das er 2017 in unzähligen Arbeitsstunden angefertigt hatte und das er gerne zum 150-jährigen Jubiläum der Kirche ausgestellt hätte, vom Ältestenkreis der Lorenzgemeinde abgelehnt wurde. „Nur, weil ein paar Details nicht genau so aussahen wie das Original, hätte das Modell doch trotzdem vielen Menschen Freude bereiten können“, sagt Gerhard Oberling rückblickend.

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Oberling möchte der Stadt etwas zurückgeben

Dass der Hobbybastler im Laufe der Jahre immer wieder St. Georgener Gebäude nachbaute, darunter auch das Schwarze Tor und das Wanderheim Lindenbüble des Schwarzwaldvereins, begründet Gerhard Oberling mit seiner eigenen Lebensgeschichte. „Meine Mutter stammt aus St. Georgen“, erzählt er. Er selbst sei zwar in der Nähe von Halle an der Saale aufgewachsen, habe aber früher mit seiner Familie und später mit seiner Frau regelmäßig Urlaub in der Bergstadt gemacht. "St. Georgen ist für mich auch eine Heimat", erzählt Oberling, "deshalb sind wir im Jahr 2002 dann auch ganz hierher gezogen." Mit seinen Modellen wolle er der Stadt etwas zurückgeben und den Menschen eine Freude machen, erklärt der 82-Jährige. Deshalb sei er auch so enttäuscht darüber, dass die Resonanz auf seine Werke so verhalten ist. "Ich hätte meine Modelle gern einmal ausgestellt", sagt Oberling. "Aber auf meine Anfragen hat niemand reagiert." Immerhin drei seiner Arbeiten stießen in auf Interesse: das Schwarze Tor, das Lindenbüble und eine Nachbildung des alten Krankenhauses wurden gekauft und öffentlich präsentiert.

Auch in die Nachbildung der Burg Hohenzollern investierte der 82-Jährige St. Georgener viele Arbeitsstunden.
Auch in die Nachbildung der Burg Hohenzollern investierte der 82-Jährige St. Georgener viele Arbeitsstunden. | Bild: Svenja Graf

Viele Modelle zu verschenken

Mittlerweile hat Gerhard Oberling ein Platz-Problem. "Ich weiß gar nicht mehr, wohin mit den guten Stücken", erzählt er. Die Regale auf dem Dachboden sind voll und in der Wohnung kann er sie auch nicht alle aufstellen. Deshalb möchte der 82-Jährige seine Schätze nun verschenken. "Vielleicht gibt es Menschen, die Freude daran haben, das wäre toll", sagt er. Nur die Notre Dame soll bleiben – "damit hat immerhin alles angefangen."

Für diese Werke sucht Gerhard Oberling neue Besitzer:

Oben links ein Segelschiff, daneben die Burg Hohenzollern. Unten links ein beleuchtetes Fantasie-Puppenhäuschen und daneben eine typische US-Farm.
Oben links ein Segelschiff, daneben die Burg Hohenzollern. Unten links ein beleuchtetes Fantasie-Puppenhäuschen und daneben eine typische US-Farm. | Bild: Gerhard Oberling
Oben links das indische Taj Mahal, daneben die Londoner Tower Bridge. Unten links der Kölner Dom, daneben Schloss Neuschwanstein.
Oben links das indische Taj Mahal, daneben die Londoner Tower Bridge. Unten links der Kölner Dom, daneben Schloss Neuschwanstein. | Bild: Gerhard Oberling
Oben links eine kleine Windmühle, daneben die Auferstehungskirche von St. Petersburg. Unten links der Pariser Eiffelturm und daneben das Brandenburger Tor aus Berlin. Ganz rechts das New Yorker Empire State Building.
Oben links eine kleine Windmühle, daneben die Auferstehungskirche von St. Petersburg. Unten links der Pariser Eiffelturm und daneben das Brandenburger Tor aus Berlin. Ganz rechts das New Yorker Empire State Building. | Bild: Gerhard Oberling