Freifunk – hinter diesem Begriff steckt eine echte Innovation und Besonderheit, die es so sonst nur in wenigen anderen Städten gibt. In St. Georgen ist in den vergangenen Jahren weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ein flächendeckendes WLAN-Netz entstanden, das von jedermann gratis, ohne vorherige Anmeldung und ohne Risiken im Hinblick auf den Datenschutz anonym nutzbar ist. Das Verbreitungsgebiet erreicht aktuell einen Korridor zwischen Technologiezentrum, Bildungszentrum und der Innenstadt bis hinunter zum Bahnhof.

Grundlage ist ein bereits seit etwa 15 Jahren bestehendes Funknetz, das ursprünglich gewerblich genutzt wurde und nun für die Allgemeinheit geöffnet wurde. Es besteht aus aktuell 54 sogenannten Knotenpunkten. Hier liegt die Besonderheit: In St. Georgen werden alle Knotenpunkte zu einem zusammenhängenden Netz verbunden. Das WLAN wird von handelsüblichen Routern bereitgestellt, die von Freiwilligen zur Verfügung gestellt werden. Außer den Anschaffungskosten für das Gerät, die in der Regel bei 25 Euro liegen, bringt das Engagement keine nennenswerten Kosten mit sich.

Initiator des Freifunk-Netzes ist Martin Lehmann. Der St. Georgener IT-Unternehmer hat in den vergangenen Monaten gezielt Bürger und Gewerbetreibende angesprochen und auf das Projekt aufmerksam gemacht. Lehmann übernimmt derzeit die Installation der Geräte und hat auch viele neue Router privat finanziert. Bisher hat ihn sein Engagement nach eigenen Angaben eine fünfstellige Summe gekostet. Er wünscht sich, dass viele weitere Bürger und auch die Stadt bei dem Projekt aktiv werden. Vor allem in den Außenbezirken der Stadt wie etwa auf der Seebauernhöhe sei noch Luft nach oben. Lehmann möchte einen Anreiz setzen, die Stadt vor allem auch für junge Menschen attraktiver zu machen. "Das kann man gut beobachten. Nach der Schule strömen die Jugendlichen auf den Marktplatz, weil es dort WLAN gibt. Das ist heutzutage ein ganz zentraler Punkt", erklärt Martin Lehmann, der sich selbst wie in der Szene üblich als Freifunk-Aktivist bezeichnet. Lehmann ist es zu verdanken, dass die einzelnen Knotenpunkte zu einem flächendeckenden Netz verbunden wurden.

Sorgen, dass das Netz aufgrund seiner Anonymität auch für Kriminelle interessant sein könnte, macht sich Martin Lehmann nicht. "Solche Leute brauchen den Freifunk nicht. Die finden andere Kanäle für ihre Machenschaften." Seitdem die letzte Große Koalition 2017 die Störerhaftung abgeschafft hat, sind die Betreiber aus dem Schneider. WLAN-Anbieter müssen nicht mehr für die Nutzer haften.

Bei den Nutzern kommt die Technik gut an. Mehrere St. Georgener Geschäfte nutzen bereits Freifunk, darunter das Sanitätshaus Knupfer, die Rathausapotheke, das Restaurant Grüner Garten, das Eiscafé Cristallo und Optik Fichter. Das Freifunk-WLAN hat zwei Vorteile. "Wir bieten das WLAN den Kunden an, um damit die Wartezeit zu verkürzen", erklärt Augenoptikerin Vera Lisa Bürkle. "Wir nutzen das Netz aber auch in der Praxis, etwa damit die Kunden sich eine Hörgeräte-App herunterladen können." Auch Walter und Anneliese Draschar sind von der Technik überzeugt. Das Ehepaar betreibt ein Gästehaus und bietet Gästen WLAN über den Freifunk an. "Das erste, wonach unsere Gäste immer verlangen, ist Internet", erklärt Walter Draschar. "Das können wir ihnen so völlig unkompliziert anbieten." Auch seine Frau ist davon überzeugt. "Es funktioniert einwandfrei und wir können es weiterempfehlen."

 

Dieser Aufkleber weist Kunden auf das Freifunk-Netz hin.
Dieser Aufkleber weist Kunden auf das Freifunk-Netz hin. | Bild: Kevin Rodgers

Was ist Freifunk?

Freifunk ist eine dezentral organisierte und nicht kommerzielle Initiative, die sich für den Aufbau eines für jedermann frei verfügbaren Funknetzes einsetzt. Bürger stellen über einen Freifunk-Router ihr privates Netz der Allgemeinheit zur Verfügung. Durch die Trennung der Geräte hat dies keinen Einfluss auf das eigene Netz, eine Mithaftung ist ausgeschlossen. Das Engagement bringt keine kosten mit sich. Wer bei der Initiative mitmachen oder weitere Informationen möchte, kann sich per Email bei Martin Lehmann unter martin.lehmann@martec-bbs.de melden. (kbr)