Zum Schluss sagt Erwin Müller, er sei jetzt "einigermaßen sprachlos". So viele herzliche und wertschätzende Worte habe er nicht erwartet. Am 31. März endet beim St. Georgener Softwarehaus M&M eine Ära: Dann scheidet Müller, bis nächste Woche noch 61 Jahre alt, als Geschäftsführer aus dem von ihm gegründeten Unternehmen aus. An diesem Abend verabschieden ihn sein Team, die Geschäftsführer von Mehrheitsgesellschafter Wago, Bürgermeister Michael Rieger und die Fraktionssprecher und weitere geladene Gäste mit guten Wünschen, warmherzigen Ansprachen und mit vielen persönlichen Geschenken. Darunter auch ein Freunde-Poesiealbum, in dem sich in bester Schulzeiten-Manier sämtliche Mitarbeiter verewigt haben – inklusive vieler Anekdoten und Fotos, die 30 Jahre Unternehmensgeschichte illustrieren.

Mitten im Team: Erwin Müller bei seiner Abschiedsrede vor der Belegschaft. Für sie verlässt nicht nur ihr Chef das Boot. "Vor allem für deine Menschlichkeit danken wir dir", sagt Verwaltiungsleiter Stefan Roth.
Mitten im Team: Erwin Müller bei seiner Abschiedsrede vor der Belegschaft. Für sie verlässt nicht nur ihr Chef das Boot. "Vor allem für deine Menschlichkeit danken wir dir", sagt Verwaltiungsleiter Stefan Roth. | Bild: Nathalie Göbel

Dass mit Erwin Müller nicht nur ein Geschäftsführer, sondern auch ein Wegbegleiter und Freund vieler das Unternehmen verlässt, wird in den Laudationes mehr als deutlich. "Du hast deinen Mitarbeitern immer Vertrauen geschenkt und Freiräume gelassen", blickt Co-Geschäftsführer Klaus Hübschle an diesem Abend zurück. 1989 erhielt er selbst das Angebot, als Gesellschafter bei M&M einzusteigen. "Da wusste ich noch nicht, auf was ich mich da einlasse", scherzt er. Zu diesem Zeitpunkt hieß das Unternehmen bereits M&M Software GmbH und hatte ein Jahr zuvor zum ersten Mal den Umsatz von einer Million Mark erreicht.

Fünf Jahre zuvor hatte Erwin Müller seinen Abschluss als Diplom-Ingenieur an der damaligen FH Furtwangen gemacht, zunächst als freier Programmierer gearbeitet und sich mit der Anbindung von Werkzeugmaschinen beschäftigt. Dann ging alles recht schnell: Das Portfolio wurde erweitert, ein Entwickler-Team aufgebaut, bestehend vorwiegend aus FH-Studenten, darunter auch Klaus Hübschle. Eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Furtwanger Bismarckstraße diente als Firmensitz, mit dem Wohnzimmer als Demo-Raum, dem Schlafzimmer als Büro. Im Keller saßen die Entwickler, der Dachboden war der Partyraum. "Hart arbeiten und hart feiern war angesagt", erinnert sich Hübschle. Damit auch die weniger textsicheren Kollegen die Rocksongs mitsingen konnten, wurden Exemplare des legendären "Müllers Gesangbuch" an alle verteilt. Bei ersten Messeauftritten karrte das M&M-Team seine Stände und die dazugehörige Ausrüstung noch selbst im Transporter zu den Ausstellungen, übernahmen Auf- und Abbau selbst.

Ruhiger sei man geworden, bilanziert Hübschle, wenngleich nicht weniger hart gearbeitet werde. Damals wie heute sei es Erwin Müller wichtig gewesen, trotz aller Anforderungen und Zwänge des Alltags ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen. Sei es durch legendäre Betriebsausflüge wie eine Segeltour im Ijsselmeer, aber auch durch das Angebot flexibler Arbeitszeitmodelle für junge Eltern und Mitarbeiter, die Angehörige pflegen oder Zuschüsse zu den Kita-Gebühren.

Mit dem Verkauf der Mehrheitsanteile an das Familienunternehmen Wago vor eineinhalb Jahren habe Erwin Müller die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt, sagt Andreas Börngen, der gemeinsam mit Martin Zähringer und Klaus Hübschle weiterhin das Gesellschafter- und Geschäftsleitungsteam bildet. Bei der Firma Wago ist man glücklich, bei M&M eingestiegen zu sein. "Nicht vielen gelingt es, ein Unternehmen so gut aufzustellen", sagt Sven Hohorst, Geschäftsführer und Mitglied der Eigentümerfamilie. Familiensinn und Gemeinschaftsgefühl seien auch bei Wago wichtige Werte. "Und das soll auch so bleiben."

Müller sei einer der ersten Unternehmer gewesen, die er während seines Wahlkampfs 2008 kennengelernt habe, erinnert sich Bürgermeister Michael Rieger. Er beschreibt den 61-Jährigen als "ganz, ganz wunderbaren" Menschen. "Bei Ihnen gilt noch ein Handschlag." Der gebürtige Tübinger habe stets hinter dem Standort St. Georgen gestanden und sich vielfältig engagiert, etwa als Partner des das Thomas-Strittmatter-Gymnasiums.

Zum Schluss ist Erwin Müller in der Tat einigermaßen sprachlos. "Ohne euch wär's nur halb so schön gewesen", sagt ein sichtlich gerührter Chef zu seinem Team. "Ich war immer stolz auf euch, jede Spitzenleistung hat mich gefreut." Künftig wird er mehr Zeit für seine Familie, Ehefrau Claudia und den Sohn Benjamin, haben. Und vielleicht auch dafür, sein Pilotenschein-Projekt zu beenden. Denn mit dem Wort "Ruhestand" mag sich Erwin Müller nicht anfreunden. "Das klingt so passiv."


Das Unternehmen

M&M Software, 1984 von Erwin Müller und Dieter Moser gegründet, bietet Softwarelösungen an, unter anderem für die Bereiche Fabrik- und Prozessautomation. Im Jahr 2016 wurde ein Umsatz von rund 12 Millionen Euro erwirtschaftet. 2015 wurde ein 60 Prozent-Firmenanteil an das Mindener Unternehmen Wago verkauft, mit dem M&M zuvor bereits lange zusammenarbeitete. In St. Georgen arbeiten derzeit knapp 90 Mitarbeiter, in Hannover zwölf und am Standort Suzhou in China 75. (ath)