Über das Verhältnis von Mann und Frau wurden schon ganze Bücherregale gefüllt. Nahezu vermessen also für Wolfgang Schergel und Viktoria Wehrle, dieses Mit- und Gegeneinander in einen dreistündigen Abend zu pressen. Vom Gelingen war dann auch das Publikum der dritten Suppenlesung 2017 überzeugt. Ganz kurzweilig gestalteten sich jüngere Gedichte, Äußerungen der alten Meister, Satire, Ausflüge in die Hirnforschung oder Rechtssprechung und am Ende sogar ein Loriotartiger Sketch zu dem, was den Zauber dieser Abende im Gasthaus Stadt Frankfurt ausmacht. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Ein bisschen aus der Zeit gefallen. Natürlich sind es die in fünf bis sechs Sitzungen gesammelten Texte, dann ist es der Kontrast der Vortragsweisen: hier die Frau mit Kurzhaarschnitt, schneller Zunge und impulsiver Gestik, dort der groß gewachsene Schwarzwälder, der, ganz der alte Lehrer, am Pult auf handgeschriebene Zettel und die Überzeugungskraft seiner sonoren Stimme setzen kann. Kein Multimedia, kein Mikrofon. Wie wie eine Familienfeier wirkt der literarische Abend. 44 Gäste an drei Tischreihen. Mehr passen nicht rein ins Gasthaus. Und sie wollen auch gar nicht anderswo hin. Gäste und Protagonisten im Saal können sich auf ihren Verbündeten in der Küche verlassen. Auch dieses Mal hat Wolfram Morath ein Menü kreiert, dessen leckeren Gänge idealerweise weitere Sinne als das Gehör ansprach.

Schwache, triebhafte Geschöpfe seien die Frauen, den Mann daran hindernd, ein gottgefälliges Leben zu führen.Provozierende Ansichten der Kirchenväter, augenzwinkernd vorgetragen von Wolfgang Schergel. Aber auch Schiller und Goethe hielten die züchtige Hausfrau im behüteten Leben hoch. Dass die Emanzipation der Frau ein junges Thema ist, wies Schergel mit Blick in die Gesetze nach. Bis 1977 durften Ehefrauen nicht ohne Erlaubnis des Gatten arbeiten, erst 1993 stand die tatsächliche Gleichberechtigung im Grundgesetz. Interessant auch die Erkenntnissee aus der Hirnforschung. Typisch Mann und typisch Frau ist nämlich weniger angeboren als anerzogen. Neigungen und Talente müssen gefördert werden", so der Appell des Pädagogen. Ein Gedicht aus einem Bändchen des gebürtigen St. Georgeners Bruno Wendt verortete Adam als Skeptiker: "Denn tut ein Fräulein noch so willig, die Sache wird bestimmt nicht billig." Zeitlos eifersüchtige auch die Gloria in einer Satire von Ephraim Kishon.

Viktoria Wehrle nahm in ihren Kurzgeschichten typisch männliche Charakterzüge aufs Korn. Köstlich die persönliche Beichte eines Ehemanns im Angesicht des weihnachtlichen Geschenkestress. Was im Januar ganz locker übers ganze Jahr verteilt wird, endet an Heiligabend mit einem eruptiven "Her damit" im Schmuckgeschäft. Persönliche Erfahrungen ließ die in Titisee wohnhafte Autorin in eine Autofahrergeschichte einfließen: Um im Kurvenslalom im Höllental mit dem 70-PS-Fiesta vor "dem Dicken mit dreimal mehr PS" zu bestehen, verschmilzt der männliche Protagonist Gaspedal und Bodenblech zu einer festen Einheit.

Sieg im imaginären Rennen. Bremspedal. Süffisantes Lächeln: "Hier gilt die Geschwindigkeitsbegrenzung."

Am Ende Blumen, Applaus. Paarweise schieben sich die meist im Rentenalter angesiedelten Gäste am Altbürgermeister vorbei. Ein Händedruck, ein "gute Nacht". Die Suppe ist ausgelöffelt.

Zum achten und letzten Mal luden Viktoria Wehrle und Wolfang Schergel zur Suppenlesung. Die quirlige Hanseatin verlässt die Volkshochschule und will sich stärker auf eigene Kleinkunstprojekte konzentrieren. In der Region könnte sie demnächst mal im Rösslekeller in Furtwangen-Neukirch zu sehen sein. Die Suppenlesung war über Jahre die erfolgreichste VHS-Veranstaltung. (wur)