Frau Erchinger, Sie wurden vor kurzem als Schöffin beim Amtsgericht in VS wiedergewählt. Wie schwer ist es, über Schicksale von Menschen zu entscheiden?

Ich habe eine große Verantwortung, die ich mit bestem Wissen und Gewissen erfülle. Ich vertrete in Gerichtsprozessen die Stimme des Volkes. Mir macht das Amt großen Spaß. Manchmal erlebt man aber auch schwere Schicksale.

Kann das Amt also auch eine Last sein?

Man lernt im Laufe der Zeit, mit dramatischen Geschichten umzugehen. Ich muss zwar einfühlsam sein, darf die Schicksale aber trotzdem nicht an mich heranlassen. Wer das tut, wird im Amt unglücklich.

Viele wissen, wie Gerichtsprozesse laufen. Was aber hinter der Bühne passiert, können wir uns nur vorstellen. Wie läuft eine Urteilsfindung ab?

Gemeinsam mit dem Richter ziehen sich die Schöffen zur Beratung zurück. Die Anzahl der Stimmberechtigten muss immer ungerade sein, damit eine Mehrheit gebildet werden kann. Wir sprechen dann über den Fall und tauschen Argumente aus. Was spricht für und was gegen den Angeklagten? Lügt er oder sagt er die Wahrheit? Danach gibt jeder eine Stimme ab: Schuldig oder nicht schuldig. Das Strafmaß entscheidet dann der Richter. Oft sind wir einer Meinung, es gibt aber auch Fälle, in denen die Schöffen den Richter schon überstimmt haben. Wir sind völlig gleichgestellt.

Wie finden Sie heraus, ob der Angeklagte die Wahrheit sagt?

Um ehrlich zu sein: Es geht dabei viel um Bauchgefühl und vor allem um Menschenkenntnis. Ich beobachte, wie sich der Angeklagte vor Gericht verhält, wie er mit dem Richter und seinem Anwalt umgeht, wie er argumentiert und ob die Zusammenhänge plausibel sind. Leider gibt es dafür kein Rezept.

Haben Sie schon einmal das Gefühl gehabt, sich falsch positioniert zu haben?

Ich wäge immer sehr genau ab, damit das nicht passiert. Ich bin eigentlich immer mit mir und meinen Entscheidungen im Reinen gewesen. Aber es gibt manchmal Unterschiede zwischen Recht und Gerechtigkeit. Ich habe Prozesse erlebt, in denen ich mit dem Urteil gehadert habe. Das Strafmaß ist manchmal nicht nachvollziehbar und kann Gewissenskonflikte auslösen.

Wie bereiten Sie sich auf einen Prozess vor?

Überhaupt nicht. Ich soll vollkommen unvoreingenommen bewerten. Ein Beispiel: Ich erscheine um 9 Uhr am Amtsgericht. Ich kenne nur den Termin. Mehr weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Dann gehe ich ins Besprechungszimmer neben dem Gerichtssaal. Dort liegt ein Zettel, auf dem der Name des Angeklagten und der Tatvorwurf steht. Nach fünf Minuten beginnt der Prozess.

Sie sind nicht nur als Schöffin, sondern auch im Gemeinderat aktiv und sind berufstätig. Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?

Man muss sich organisieren können und diszipliniert mit der Zeit umgehen. Es geht inzwischen gut, weil die Kinder aus dem Haus sind. Aber früher hätte ich das ohne meinen Mann nicht geschafft.

Und wie hat Ihr Arbeitgeber damals auf die neue, zeitintensive Aufgabe reagiert?

Das Schöffenamt ist ein verpflichtendes Ehrenamt. Das bedeutet, dass der Arbeitgeber mir die Wahrnehmung des Amts nicht verbieten darf. Ich darf in meinem Beruf nicht benachteiligt werden. Das funktioniert bei mir sehr gut.

Wie sind Sie darauf gekommen, Schöffin zu werden?

Ich wurde vom Gemeinderat vorgeschlagen, weil ich einen guten Leumund habe. Vorher habe ich mich mit Schöffen nie beschäftigt. Ich fand es aber spannend, habe es ausprobiert und bin dabei geblieben. Ich sehe das Amt als eine Bürgerpflicht an. Ich habe bisher ein gutes Leben gehabt und bin in der Gesellschaft angekommen. Für mich ist das Amt des Schöffen eine Möglichkeit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Was muss man mitbringen, um als Schöffe tätig zu werden?

Grundsätzlich kann jeder Bürger zwischen 25 und 70 Jahren Schöffe werden. Die Gerichte sind angehalten, eine Durchmischung der Gesellschaft auszuwählen. Man braucht eine gesunde Portion Empathie.

Warum ist gerade Empathie wichtig?

Bei der Urteilsfindung sind wir per Gesetz dazu angehalten, die Lebensumstände des Angeklagten mit einzubeziehen. Hatte er oder sie eine schwere Kindheit? Ist der Angeklagte allein? Sind Drogen ein Thema? Das sind nur einige wenige Beispiele. Das wirkt sich dann strafmildernd aus.

Wie schafft man es, gerade bei schweren Straftaten bei der Urteilsfindung gerecht zu sein?

Das ist gerade am Anfang wirklich sehr schwer. Man darf sich weder vom Aussehen, noch vom Bildungsstand oder der Herkunft leiten lassen. Ich muss einen Menschen ganz neutral beurteilen. Das erfordert auch Erfahrung. Von Anfang an können das die wenigsten. Deshalb wird man in der Regel auch wiedergewählt.

Gibt es einen Fall, der Ihnen im Gedächtnis bleiben wird?

So komisch es sich auch anhört: Den gibt es nicht. Wenn man das Gerichtsgebäude verlässt und der Fall abgeschlossen ist, dann ist er auch in meinem Kopf abgeschlossen.

Und wenn Sie überstimmt werden?

Auch im Gericht herrscht Demokratie. Als demokratisches Mitglied des Gremiums muss man die Entscheidung mittragen und akzeptieren.

Wurden Sie schon einmal von einem Angeklagten bedroht?

Nein, das ist mir noch nie passiert. Ganz am Anfang, als meine Kinder noch klein waren, hatten sie Angst, dass irgendwann jemand vor der Tür steht und der Mama eins um die Ohren haut. Sie haben aber schnell gelernt, dass man keine Angst haben braucht. Ich habe mir am Anfang darüber auch Gedanken gemacht, aber Drohungen gab es nie.

Gerichtsurteile sind oft eine Gratwanderung zwischen Bewährungs- und Gefängnisstrafe. Wie wägt man da am besten ab?

Fakt ist: Im Gefängnis wird keiner zum besseren Menschen. Man hofft, dass Angeklagte im Gefängnis lernen. Die Praxis zeigt aber leider etwas anderes. Es gibt positive Beispiele, aber der Alltag ist brutal. Im Gefängnis lassen sich viele fallen und akzeptieren ihr Schicksal als Krimineller. Die Einstellung zum Leben ändert sich. Das verhindert Resozialisierung und Eingliederung. Diese Menschen sehe ich dann alle paar Jahre wieder auf der Anklagebank. Deshalb versuchen wir, Gefängnisstrafen so gut es geht zu vermeiden. Es soll das absolut letzte Mittel bleiben.