Herr Fichter, welchen Stellenwert hat die Jugendmusikschule für St.Georgen?

Fichter: Die Jugendmusikschule ist außerordentlich wichtig! Nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Stadt und auch als Ausdruck der Kultur in Deutschland. Nachwuchsförderung braucht Breitenförderung! Und die muss finanziell unterstützt werden. Denn sonst können sich nur die reichen Leute den Unterricht leisten.

Dieses Jahr wird die Musikschule 50 Jahre alt. Wie sind Sie mit der Musikschule verbunden?

Fichter: Ich hatte meinen ersten Unterricht mit elf Jahren, Kontrabass und E-Bass. Man konnte in der Musikschule mit anderen Leuten Musik machen. Es gab das Orchester, Kammermusikgruppen und wir haben eine eigene Band gegründet. Und Peter Dönneweg hat mich schon als 17-Jährigen als Lehrer an der Musikschule angestellt. Das habe ich bis 1985 gemacht. Ich habe noch die Anfänge der Musikschule miterlebt, als der Unterricht im Gymnasium stattfand.

2002 ist die Musikschule in die Bahnhofstraße umgezogen.

Fichter: Ich kenne das Gebäude sehr gut. Den Umzug fand ich großartig. Ich kann nur hoffen, dass sowohl der Unterricht als auch das Gebäude langfristig unterstützt werden.

Peter Dönneweg ist der Gründervater der Musikschule. Kennen Sie sich?

Fichter: Wir sind sehr gut befreundet. Dönneweg war mein Musiklehrer. Er hat meinen gesamten Lebensweg bestimmt. Heute verbindet uns eine herzliche Freundschaft und ich bewundere den Mann immer noch.

Wäre die Musikschule ohne ihn überhaupt möglich gewesen?

Fichter: Es ist völlig klar, dass er das Projekt Musikschule vorangetrieben und installiert hat. Peter Dönneweg hat sich immer auch um kleinste Details gekümmert, ob es nun eine Flügelsanierung war oder ein ganzes Gebäude. Er hat unermüdlich darum gekämpft, dass das erhalten und verbessert wird. Ich sehe ihn ganz klar als Motor der Musikschule in St.Georgen.

Zählt Musik zur Grundausbildung eines jungen Menschen oder ist es ein Zusatzangebot?

Fichter: Ich halte es für sehr wichtig, dass man Musik zur Grundausbildung zählt. Die Idee, dass man Musikunterricht in der Schule als Option betrachtet, halte ich für falsch. Musik ist so in unsere Kultur integriert, sodass man nicht sagen kann, dass sei nur ein Wahlfach oder eine Option.

Wie sind Sie zum professionellen Musikmachen gekommen?

Fichter: Ich wusste schon mit 15 oder 16, dass ich Musiker werden wollte. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter es auf sich genommen hat, mich zweimal im Monat nach Norsingen bei Freiburg zum Musikunterricht zu fahren. Das war sehr aufwendig. Ich habe auch relativ früh im Studium schon gearbeitet, beispielsweise als Aushilfe beim Südwestfunkorchester in Baden-Baden. Das ist leider geschlossen worden. Eine ungute Entwicklung in der Rundfunklandschaft, wie ich finde.

Seit 2004 arbeiten Sie in New York. Was ist ihre Aufgabe dort?

Fichter: Als ich 2004 nach New York ging, wurde ich gebeten, die Earle Brown Music Foundation zu leiten. Ich hatte in New York schon einige Freunde, darunter Susan Sollins Brown, die Witwe des Komponisten Earle Brown. Er wurde in den 60er und 70er Jahren in Deutschland sehr bekannt. Sein Streichquartett wurde 1964 in Donaueschingen uraufgeführt. Die Musik wird der „New York School“ zugeordnet, zu der man auch die Komponisten John Cage, Morton Feldmann und Christian Wolff zählt.

Wie sieht die Arbeit als Leiter einer Musikstiftung aus?

Fichter: Ich habe das Archiv von Earle Brown organisiert, digitalisiert und sein Werk neu herausgegeben. Das gesamte Archiv ist im Herbst an die Paul-Sacher-Stiftung nach Basel gegangen. Das hat zehn Jahre gedauert.

Welchen Zweck hat die Stiftung?

Fichter: Die Stiftung hat die Absicht, zeitgenössische Musik zu unterstützen. Daraus haben wir das Time Spans Festival für zeitgenössische Musik gemacht. Zum Festival gibt es fünf Konzerte der besten New Yorker Gruppen für zeitgenössische Musik und einem kanadischen Streichquartett.

Wie muss man sich zeitgenössische Musik vorstellen?

Fichter: Das sind Werke, die mit wenigen Ausnahmen alle im 21. Jahrhundert geschrieben worden sind. Ganz neue Werke, ein oder zwei Jahre alt. Ich bin mit den Komponisten und den Gruppen im Dialog und stelle für das Festival ein Programm mit aktueller Konzertmusik zusammen. Das ist Musik, dich ich persönlich interessant und relevant finde.

Welchen Stellenwert hat Musik heute in der Gesellschaft?

Fichter: Musik ist heute viel weiter verbreitet als früher. Jemand, der sich für eine bestimmte Form von Musik interessiert, hat es heutzutage leichter, diese Musik auch zu finden. Als ich 2017 das Time Spans Festival von Colorado nach New York gebracht habe, war jedes Konzert sofort fabelhaft besucht.

Was raten Sie Jugendlichen, die ein Instrument lernen? Warum lohnt es sich, ein Instrument zu lernen?

Fichter: Aus vielen Gründen! Musik eröffnet Welten. Und mein Rat an diejenigen, die schon ein Instrument lernen, ist, den eigenen Interessen zu folgen. Da darf man keinen Stil vorgeben. Denjenigen, die kein Instrument lernen, kann ich nur raten, es auszuprobieren. Und den Eltern kann man sagen, dass sie ihre Kinder dorthin führen müssen! Auch bei mir war es so, dass der Impuls dafür von außen kam. Man muss den Kindern ein Angebot machen.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf die Musikschule zukommen?

Fichter: Ich finde das Gebäude fabelhaft gelungen. Aber es gibt dort ähnlich wie in der Gerwigschule jedoch Feuchtigkeit im Keller. Mir ist bewusst, dass so etwas immer sehr teuer ist. Geld scheint in der Bahnhofstraße jedoch ein allgemeines Problem zu sein. Aber ich kann nur hoffen, dass der Gemeinderat sich darum kümmert, das Gebäude saniert und der Musikschule hilft, damit sie dort weitere 50 Jahre aktiv sein kann.

Also ein Appell an den Gemeinderat?

Fichter: Absolut. Mein Appell an den St. Georgener Gemeinderat ist, die Jugendmusikschule immer ganz oben auf der Prioritätenliste zu haben. Sie hat mehr positive Effekte, als man überhaupt erfassen kann. Und dazu gehört natürlich auch, das Gebäude zu erhalten und zu pflegen.

Wie stark sind Sie noch mit Ihrer Heimatstadt St. Georgen verbunden?

Fichter: Ich bin öfter in St. Georgen unterwegs und besser vernetzt, als man das von einem New Yorker annehmen würde. Und ich habe als fast 60-Jähriger einige Jahrzehnte Perspektive, wie die Stadt sich entwickelt hat. Dadurch, dass ich weg war, habe ich auch einen Blick von außen, der hilfreich ist.

Und was sehen Sie, wenn Sie durch die Stadt gehen?

Fichter: Ich sehe natürlich die Veränderung der Altersstruktur, das ist ganz offensichtlich. Ich sehe die leer stehenden Geschäfte. Ich sehe aber auch, dass ein neues Hotel gebaut wird, da gibt es neue Architektur. Es gibt auch Architektur, die viel schöner ist als die Stadtmitte, die von einer monströsen Hässlichkeit ist. Aber mir scheint, dass es aufwärts geht.

Wo sehen Sie die großen Fragen der Zukunft?

Fichter: Ich verfolge Initiativen wie kostenloses WLAN in der Stadt sehr genau. Das ist ein Verkehrsweg der Zukunft. Das ist auch die Frage nach schnellem Breitbandinternet. Das ist eine Infrastrukturfrage, die einen direkten Einfluss auf wirtschaftliche Entwicklung in der Zukunft hat. Und das heißt im Umkehrschluss auch, dass in Zukunft genügend Steuergelder gibt, mit denen man die Jugendmusikschule unterstützen kann.

Herr Fichter, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fragen: Kevin Rodgers

Zur Person

Thomas Fichter lebt seit 2004 in New York City, wo er als Konzertmanager und Leiter der Earle-Brown-Stiftung arbeitet. Ihm ist es wichtig, dass die Musikschule auch in Zukunft ihre Bedeutung für die musikalische Ausbildung der St. Georgener Kinder und Jugendlichen behält. Das Interview entstand am 7. März bei einem Kurzbesuch Fichters in St. Georgen. (kbr)