Donnerstagnachmittag, halb drei. Rose Burkard, Monika Spiegelhalter und Mechthild Haas huschen durch den kleinen Laden mit dem gelben Linoleumboden. Sie hieven Gemüsekisten übereinander, stellen Shampooflaschen ordentlich in eine Reihe und hängen kleine Preisschilder an die Regale. In einer halben Stunde öffnet wie jeden Donnerstag der Tafelladen in der Gerwigstraße seine Türen.

Im Tafelladen, der vom "Förderverein Mach mit" getragen wird, werden all diejenigen versorgt, deren Einkommen ansonsten nicht reicht, um über die Runden zu kommen. Fünf Tafelläden betreibt der Verein. Neben dem Laden in St. Georgen gibt es Tafeln in Triberg, Villingen, Schwenningen und in Donaueschingen. "Unsere Philosophie ist es, respektvoll und mit Würde mit den Menschen umzugehen. Wir behandeln die Menschen, die zu uns kommen, nicht als Bittsteller, sondern wie in einem normalen Geschäft als Kunden", erklärt Rose Burkard, während sie eine Kiste Frühlingszwiebeln in Augenschein nimmt.

Rose Burkard, Monika Spiegelhalter und Mechthild Haas von der Tafel in St. Georgen. Für die ehrenamtlichen Helferinnen ist es wichtig, dass ihre Kunden respektvoll und mit Würde behandelt werden.
Rose Burkard, Monika Spiegelhalter und Mechthild Haas von der Tafel in St. Georgen. Für die ehrenamtlichen Helferinnen ist es wichtig, dass ihre Kunden respektvoll und mit Würde behandelt werden. | Bild: Kevin Rodgers

Das Angebot des Tafelladens ist umfangreich. Es reicht von Obst und Gemüse über Milchprodukte, Brot und Nudeln bis hin zu Schokolade und Drogerieartikel. Wüsste man es nicht besser, könnte man sich auch in einem gut sortierten Tante-Emma-Laden wähnen. Die Lebensmittel stammen von Discountern und Supermärkten aus der Region. Sie werden zentral gesammelt und an die fünf Läden im Landkreis verteilt. Was nicht verkauft wird, kommt zurück ins Lager nach Schwenningen, um dann im nächsten Laden angeboten zu werden. So ist sichergestellt, dass möglichst wenige Lebensmittel verschwendet werden. Die Preisgestaltung richtet sich nach dem Angebot in den Supermärkten. "Wir fahren in die Märkte und schauen uns an, was die Lebensmittel kosten. Wir geben unsere Lebensmittel dann zu einem Drittel des regulären Preises ab", erklärt Rose Burkard. So kostet ein Kohlrabi bei der Tafel nur 20 Cent, Brot gibt es für 50 Cent, ein Becher Schmand kostet ebenfalls 20 Cent.

Vor allem Obst, Gemüse und Milchprodukte sind bei der Tafel derzeit reichlich vorhanden.
Vor allem Obst, Gemüse und Milchprodukte sind bei der Tafel derzeit reichlich vorhanden. | Bild: Kevin Rodgers

25 bis 30 Menschen kommen jede Woche zur St. Georgener Tafel, etwa drei Viertel sind Migranten, die nur wenig Deutsch sprechen. Der Tafelladen dient auch als sozialer Treffpunkt, durch die Luft schwirrt angeregtes Geschnatter, meist auf Arabisch. Vielen Menschen sieht man ihre Armut nicht an. Als bedürftig gilt bei der Tafel, wer weniger als 1000 Euro im Monat zur Verfügung hat. Bei Ehepaaren sind es 1300 Euro, pro Kind werden noch einmal 250 Euro addiert. Für viele Menschen kostet der erste Gang zur Tafel trotz der offenen Türen große Überwindung. Dabei geht die Anmeldung ganz einfach. Nach dem Nachweis der Bedürftigkeit über die Lohnabrechnung oder den Sozialhilfebescheid bekommt jeder Kunde einen kleinen Ausweis, mit dem er bei der Tafel einkaufen kann. Einmal im Jahr muss der Ausweis erneuert werden.

Kurz vor drei Uhr wird es unruhig. Rose Burkard gibt Nummern aus, damit der Zugang zum Verkaufsraum einigermaßen geregelt vonstatten geht. Alle Kunden passen nicht auf einmal in den kleinen Raum. Obwohl genügend Lebensmittel für alle da sind und die Tafelmitarbeiterinnen für eine gerechte Verteilung sorgen, möchten alle Kunden lieber früher als später in den Tafelladen. Damit das Gedränge nicht überhand nimmt, führen Burkard und ihre Kolleginnen ein resolutes Regime nach dem Motto: hart, aber herzlich.

Der Einkauf an sich ist dank der straffen Organisation meist schnell erledigt. Genauso schnell wird abgerechnet. Sind die Kunden mit ihrem Einkauf fertig, kommen sie an den Kassentresen zu Monika Spiegelhalter und Rose Burkard. Mit atemberaubendem Tempo hackt die gelernte Buchhalterin Burkard die Preise, die Kollegin Spiegelhalter ihr zuruft, in eine analoge Kasse. Beim Bezahlen zuckt mancher Kunde merklich zusammen. Dann wird deutlich, dass nichts von dem, was heute in den Einkaufstaschen landet, verzichtbar ist. Wenn ein paar Euro fehlen, dürfen die Kunden auch mal anschreiben und den Betrag beim nächsten Besuch begleichen.

Das gut sortierte Regal könnte auch in einem Tante-Emma-Laden stehen.
Das gut sortierte Regal könnte auch in einem Tante-Emma-Laden stehen. | Bild: Kevin Rodgers

Gegen Ladenschluss kommt ein Stammkunde, der neben etwas Salat ein halbes Dutzend Becher Schmand kauft. "Was haben Sie denn mit so viel Schmand vor", fragt Mechthild Haas ihren Kunden. "Na, essen natürlich", entgegnet der Kunde trocken. "So ganz ohne nichts?" "Naja, der Hunger treibts rein."

Die Diskussionen um die Essener Tafel werden auch von den Helferinnen und Kunden der St. Georgener Tafel genau verfolgt. Rose Burkard hält die Debatte aus mehreren Gründen für problematisch. "Bei uns gibt es solche Zustände nicht", bekräftigt Burkard. "Nach der großen Flüchtlingswelle 2015 gab es viele neue Kunden, aber das hatten wir immer alles im Griff. St. Georgen ist ja auch keine Großstadt, das kommt noch hinzu." Die Entscheidung der Essener Tafel, einen vorübergehenden Aufnahmestopp für Ausländer einzuführen, stößt bei den Helferinnen auf Kritik. "Bei uns sind alle Menschen gleich. Wir nehmen jeden auf und helfen jedem, unabhängig von der Herkunft. Es spielt doch keine Rolle, ob jemand ein Flüchtling ist oder nicht", bekräftigt Rose Burkard.

Ein Kunde hat eine andere Sichtweise auf die Entwicklungen der letzten Jahre. "Die Deutschen sind bescheiden, kaufen nur das Nötigste und sind mit weniger zufrieden. Die Migranten sind viel anspruchsvoller und packen so viel ein wie nur möglich. Denen stünde etwas mehr Bescheidenheit gut zu Gesicht", findet der Mann, der schon lange zur Tafel kommt. Einen Verdrängungswettbewerb durch die Flüchtlinge sieht er dennoch nicht. Er vermisst vor allem Hilfe von der Politik. "Sobald mal etwas wie in Essen passiert, stehen sie alle vor der Kamera. Aber was tun diese feinen Herren eigentlich dafür, dass es uns besser geht? Für die Flüchtlinge ist Geld da, aber es gibt ja auch immer mehr Deutsche, die in Armut leben." Er fühle sich vergessen von der Politik, so der Mann. "Eigentlich ist es schlimm, dass es in einem reichen Land wie Deutschland Tafeln gibt. Aber ich bin sehr dankbar dafür, denn die Tafel hilft mir, mit meiner Rente zu überleben."