Die Kirchen haben ein Problem: Ihnen laufen ihre Schäfchen davon. Seit Jahren lässt sich dieser bundesweite Trend auch in der Bergstadt beobachten. Die Anzahl der St. Georgener, die der evangelischen oder katholischen Gemeinde angehören, nimmt kontinuierlich ab, wie aus den statistischen Jahresberichten der Stadt hervorgeht.

Zählte die evangelische Kirche in St. Georgenim Jahr 2014 noch 5122 Mitglieder, waren es im Jahr 2018 nur noch 4717. Ein Verlust, der gemessen an der Gesamtbevölkerung St. Georgens noch deutlicher wird: Im Jahr 2014 waren noch 39,59 Prozent der Bergstadteinwohner evangelisch, im Jahr 2018 waren es nur noch 36,03 – ein Minus von 3,56 Prozentpunkten.

In der katholischen Kirche geht die Entwicklung in die gleiche Richtung, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt: Die Anzahl der St. Georgener Katholiken schrumpfte zwischen 2014 und 2018 von 4254 (32,88 Prozent) auf 4159 (31,77 Prozent), was einem Minus von 1,11 Prozentpunkten entspricht.

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Das Problem

"Vor allem jüngere Menschen haben oft keinen Bezug mehr zur Kirche", schildert der katholische Pfarrer Paul Dieter Auer. Erst, wenn es um das Thema Tod gehe, spiele der Glaube wieder eine größere Rolle. "Dann sind die Menschen ratlos und brauchen Deutung", erklärt der Pfarrer.

Er habe deshalb schon oft beobachtet, dass Gemeindemitglieder, die viele Jahre lang nicht in die Kirche gegangen seien, im Alter plötzlich wieder regelmäßig zum Gottesdienst kämen. "Da rückt die Religion dann wieder ganz anders in den Fokus."

Von ähnlichen Beobachtungen berichtet auch Lisa Interschick, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde St. Georgen-Tennenbronn. "Für die Generation der heute über Sechzigjährigen ist die Kirche ein viel selbstverständlicherer Teil des Lebens", erklärt sie.

Deshalb seien es mehrheitlich ältere Menschen, die aktiv am Gemeindeleben teilnehmen. Eine Entwicklung, die für die Kirchen zum großen Problem werden könnte, weiß auch die Pfarrerin: "Wir freuen uns natürlich über jeden älteren Menschen, der zu uns kommt", sagt sie, "aber es müssen natürlich auch weitere nachkommen."

Die Gründe

Fehlender Glaube, Kirchensteuer, Entsetzen über Missbrauchsskandale – die Gründe, die die Menschen dazu bewegen, der Kirche den Rücken zu kehren, sind vielfältig. Umso schwieriger ist es, diesen Trend zu stoppen, weiß Paul Dieter Auer.

Schuld an der Entwicklung sei die "Glaubenslosigkeit unserer Zeit", ist er sich sicher. "Der Glaube und die Kirche sind unwichtig geworden und kommen im Alltag der meisten Leute nicht mehr vor."

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Ähnlich wie ihr katholischer Kollege begründet auch die evangelische Pfarrerin Lisa Interschick den Mitgliederschwund in den Gemeinden: "Die Säkularisierung schreitet voran, das ist kein Geheimnis", sagt sie.

Die Kirche gehöre für viele Menschen nicht mehr so selbstverständlich zum Leben wie früher. "Das hängt sicher auch mit der wachsenden Individualisierung zusammen", erklärt Interschick. "Viele Menschen konzentrieren sich eher auf sich selbst und machen ihr Ding – da wird das Engagement für die Gemeinschaft nicht mehr so groß geschrieben."

Während beispielsweise Einschulungsgottesdienste oder kirchliche Hochzeiten immer noch einen hohen Stellenwert für viele Menschen hätten, habe der normale Sonntagsgottesdienst an Bedeutung verloren, schildert die Pfarrerin ihre Beobachtungen.

Daran sei erkennbar, dass viele Menschen den starken Bezug zur Kirche nur noch dann haben, wenn sie mit der eigenen Biografie verknüpft werde. "Außerdem sind Glaubensfragen gerade nicht wirklich angesagt", sagt Interschick. "Wenn sich ein junger Mensch in der Kirche engagiert, gilt das bei Mitschülern oft nicht gerade als cooles Hobby."

Mögliche Lösungen

"Die Kirche muss wieder näher an die Menschen rücken", sagt Paul Dieter Auer. Um die Bedeutung des Glaubens und der Kirche wieder zu stärken, müsste es seiner Meinung nach mehr konkrete Angebote geben, bei denen die Menschen aufeinandertreffen, denn "Seelsorge geht nur von Angesicht zu Angesicht", ist der Pfarrer überzeugt.

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Die aktuelle Entwicklung zu stoppen oder gar umzukehren, hält Lisa Interschick für schwierig. "Der erste Ansatz muss sein, dass wir uns fragen, was die Menschen beschäftigt und welche Fragen und Sorgen sie umtreiben", erklärt die Pfarrerin.

Darauf müsse die Kirche dann eingehen, um wieder als Anlaufstelle in das Bewusstsein der Leute zu gelangen. "Das ist aber nicht einfach", so Interschick, "denn Leute, die nicht in die Kirche kommen, erreichen wir natürlich nur sehr schwer – das ist die große Herausforderung."