Frau Bahsitta, Sie haben erst seit kurzem das Amt der Behindertenbeauftragten inne. Wie haben Sie sich bisher mit ihrer Aufgabe vertraut gemacht?

Bahsitta: Ich muss ehrlich gestehen: Bislang habe ich noch nichts umsetzen können. Eigentlich starte ich erst nächste Woche, weil da die erste Sprechstunde für Behinderte stattfindet. Ich werde sehen, was auf mich zukommt. „Learning by Doing“ ist angesagt. Mir ist wichtig, dass ich nicht nur als Bindeglied zwischen Stadtverwaltung und Behinderten gesehen werde. Ich will für alle körperlich oder geistig Behinderten aus St. Georgen da sein.

Sie haben viel Erfahrung mit Behinderten, weil Sie selbst einen Sohn mit Handicap haben. Was qualifiziert Sie sonst noch für das Amt?

Bahsitta: Ich bin selber auch behindert. Auf dem Papier zu 40 Prozent. Deshalb kann ich mich gut in Behinderte hineinversetzen. Zudem berühren mich die Schicksale sehr. Ich hatte immer schon das Bedürfnis, Menschen zu helfen. Früher habe ich als ehrenamtliche Ausbilderin für Erste Hilfe Kurse beim Roten Kreuz gearbeitet und war Sanitäterin.

Lange: Frau Bahsitta strahlt Vertrauen aus. Das ist in dem Amt sehr wichtig. Sie kann sich besser in meine Situation hineinversetzen, als jemand, der keine Berührungspunkte mit Menschen im Rollstuhl hat.

Bild: Wetschera, Wiebke

Man könnte denken, dass Sie nur auf bauliche Mängel in der Stadt achten. Spielt für Sie das Thema Inklusion auch eine Rolle?

Bahsitta: Natürlich – das ist ein riesiges Thema für mich. Ich habe früher versucht, meinen Sohn in einem Regelkindergarten zu integrieren. Da wäre aber mehr Personal nötig gewesen.

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Finden Sie es denn grundsätzlich besser, wenn Behinderte in einer Sonderschule lernen, oder inklusiv eine Regelschule besuchen?

Bahsitta: Das kommt ganz auf den Grad der Behinderung an. Ein schwerbehindertes Kind, das gefüttert werden muss und ständig umgelagert wird, könnte es in einer Regelschule schwer haben, obwohl es auch dort mit dem richtigen Personal klappen könnte. Trotzdem ist es besser, geschultes Personal mit Therapeuten um sich herum zu haben. Bei Kindern, die sich gut artikulieren können und halbwegs frei bewegen, sollten die Möglichkeit haben, in einer Regelschule unterrichtet zu werden.

Lange: Auch ich finde, dass die Schwere der Behinderung eine große Rolle spielt. Bei mir hing alles von meinen Eltern ab: Ich war in einem normalen Kindergarten und auf einer normalen Schule. Meine Eltern haben dafür sehr viel investiert. Meine Mutter hat mich zwischen den Pausen besucht und von Treppe zu Treppe getragen. Den Luxus haben viele nicht.

Haben Sie dadurch gelernt, sich auch in der Arbeitswelt durchzuboxen?

Lange: Später war die schwere Schulzeit ein Vorteil. Ich bin gereift und kann gut mit schweren Situationen umgehen. Zudem hätte ich den Beruf, den ich heute ausübe, nicht machen können, weil der Abschluss von einer Behindertenschule nichts Wert gewesen ist. Heute ist das bestimmt anders.

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Lassen Sie uns über die Sprechstunde reden, die Sie, Frau Bahsitta, ab nächster Woche anbieten. Welchen Gang nimmt die Kritik der Bürger innerhalb der Stadtverwaltung?

Bahsitta: Wenn jemand mit einem bestimmten Ort in der Stadt Probleme hat, würde ich mir zuerst die Stelle ansehen und mich dann informieren, wer der richtige Ansprechpartner ist. Wenn es die Stadt betrifft, ist das meistens Herr Esterle vom Ordnungsamt, oder das Bauamt. Es gibt keine Vorlage, wohin die Information laufen soll. Ich bin da sehr autark.

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Beschäftigen Sie sich auch mit Problemen aus dem Privatleben der Menschen?

Bahsitta: Ich versuche, auch zu vermitteln, wenn es Probleme gibt, die nichts mit der Stadt zu tun haben. Ich könnte mir zum Beispiel auch vorstellen, mich bei einem Arbeitgeber zu melden und mir dort Problemsituationen anzuschauen und dann zu versuchen, eine einvernehmliche Lösung mit der betroffenen behinderten Person zu finden. Ich bin für alle Behinderten da. Das ist eine Herzensangelegenheit.

Überfordern Sie sich damit nicht etwas?

Bahsitta: Ich arbeite ja nur fünf Stunden am Tag. Wenn jemand Hilfe braucht, dann bin ich auch für solche Angelegenheiten da.

Sie sind auch Gemeinderätin und darauf aus, Anträge schnell umzusetzen. Verzögert sich der Prozess jetzt durch ihr neues Amt?

Bahsitta: Es wird bereits alles behindertengerecht geplant. Deshalb verlieren wir auch keine Zeit bei der Umsetzung.

Frau Lange: Wenn Sie bei der Behindertenbeauftragten einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Lange: Ich habe früher schon einmal kritisiert, dass der Behindertenparkplatz in der Innenstadt nicht ideal ist. Ich bin Autofahrerin und kann nicht richtig aussteigen. Da soll bald etwas passieren. Letztes Jahr war ich bei einem Vortrag des Bürgermeisters zur Innenstadtsanierung. Da habe ich gefragt, wie sich der OB das ganze behindertengerecht vorstellt. Danach kam er zu mir und hat sich für den Input bedankt. Er sah das dann aus einem anderen Blickwinkel.

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Ist das die Reinform einer inklusiven Gesellschaft? Automatisch, alles aus dem anderen Blickwinkel zu sehen?

Bahsitta: Das ist gut auf den Punkt gebracht. Ich habe mit manchen Behinderten gesprochen und habe sie gefragt, was verändert werden sollte. Das wird irgendwann vielleicht nicht mehr nötig sein. Ich würde mir zudem wünschen, dass man Behinderte nicht mehr aussondert und unterschiedlich behandelt. Behinderte sollten die Möglichkeit haben, an allen Veranstaltungen teilzunehmen. Behinderung sollte nichts besonderes mehr sein. Manche bezeichnen Rollstuhlfahrer sogar als nicht ganz sauber, oder als Krüppelchen. Das geht nicht und muss sich ändern.

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Lange: Mein Traum: Die Hemmschwelle zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung sollte verfallen. Man sollte sich normal unterhalten. Wenn Leute mich als Kind behandeln, wenn sie mit mir sprechen, dann reagiere ich giftig.

Wie kann man diese Barriere im Kopf überwinden?

Bahsitta: Da hat sich in den vergangenen Jahren schon viel verändert. Wir brauchen mehr Vorbilder, Leuchttürme, Ikonen. Wie etwa Wolfgang Schäuble. Er beweist, dass es kein Unterschied zwischen Handicap und Normal gibt.

Lange: Das sehe ich auch so. Samuel Koch, der Mann, der bei „Wetten, dass...?“ gestürzt ist und im Rollstuhl sitzt, ist ein weiteres gutes Beispiel. Damit die Hemmschwelle sinkt, spreche ich einfach Leute an, wenn ich Hilfe brauche. Die Hemmschwelle und Berührungsangst sinkt dadurch.

Gibt es Städte, die beim Thema Inklusion und behindertengerechten Zugängen schon weiter sind?

Lange: Es gibt Städte, die weiter sind. Trotzdem fühle ich mich hier wohl und möchte auch etwas bewegen. Ich möchte am Gestaltungsprozess teilhaben. Mein Mann sagt immer: „Tu der Stadt Gutes“.

Bild: Wetschera, Wiebke