Das mit der Geduld ist ja so eine Sache. Einige haben sehr viel davon, andere viel zu wenig. Es schleicht sich schnell das Gefühl ein, dass die Portionen der Geduld einfach nicht gerecht vergeben wurden. Und diese ungerechte Verteilung führt bei den Ungeduldigen zu großem Einfluss auf den Alltag: Minuten kommen ihnen vor wie Stunden, alles dauert eigentlich zu lange und die Nerven werden strapaziert. Und dann plötzlich – mit einem lauten Knall – reißt der Geduldsfaden durch. Einfach so.

Menschen rundherum hören den Knall nicht, aber sie spüren ihn. Denn die Folgen eines zerissenen Geduldsfadens sind fatal: Die unwissenschaftlich gesehen am häufigsten auftretenden Konsequenzen eines durchtrennten Geduldsfadens sind das Aufregen über Autos, die langsam voraus fahren, der Verlust des netten Umgangs mit Kundendienstmitarbeitern sowie das hektische Hin- und Herhetzen zwischen verschiedenen Supermarktkassen. Natürlich haben sich gerade die Ungeduldigen mal wieder an der falschen Kasse angestellt. Reißt erst einmal der Geduldsfaden, dann sind wir außer Kontrolle. Frei nach dem Motto: Du bist nicht du, wenn dein Geduldsfaden durchgerissen ist.

Auch in der Bergstadt reißt der Geduldsfaden

Erst gestern Morgen wurden einige Geduldsfäden in der Bergstadt überstrapaziert, als ein Kehrfahrzeug des städtischen Bauhofs mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Kilometer pro Stunde durch die Friedrichstraße tuckelte. Obwohl alle Beteiligten auf dem Weg zur Arbeit versuchten, ruhig zu bleiben und sich nicht aufzuregen, dehnten sich die Geduldsfäden aus und dann riss einer nach dem anderen durch – langsam aber sicher. Wieso muss das Fahrzeug denn genau in diesem Moment hier langfahren? Weshalb fahre ich heute durch diese Straße? Wie lang kann eigentlich diese Straße sein? Eben diese Fragen, die sich Menschen mit einem gerissen Geduldsfaden in so einem Moment stellen.

Nun ist es ja aber so, dass der Mensch stets nach Lösungen sucht. Wie also kann das Leben auch mit einem gerissenen Geduldsfaden weitergehen? Einmal tiefdurchatmen, Beruhigungstee trinken oder sich einfach lauthals aufregen sind gängige Methoden. Jedoch sind diese meist nur von kurzer Dauer. Die einzige Lösung scheint zu sein: Mehr Geduld, also ein längerer Geduldsfaden. Der hält, wenn die Ampel mal wieder nicht grün wird, der Anrufer auf sich warten lässt oder der Computer mal wieder langsamer lädt als die Geduld erlaubt. Aber das Problem ist doch ein ganz anderes: Fäden sind gut zum Stricken, zum Häkeln, zum Nähen. Aber eben nicht, um im Leben mal wirklich was auszuhalten. Wer zur Hölle kam eigentlich auf die Idee, dass ein Geduldsfaden die richtige Ausstattung wäre? Kein Wunder, dass ständig Geduldsfäden reißen, wir brauchen Geduldsgummi. Für dehnbare Nerven.