Die Sechzigerjahre haben den Geist des Umbruchs in die Bundesrepublik getragen. Auch in St. Georgen hat diese Zeit viele Neuerungen mit sich gebracht. Die sind nicht nur gesellschaftlicher Natur: Auch baulich und politisch hat sich in der Bergstadt viel gewandelt. Das Erscheinungsbild der Stadt ist in Stein gefasster Zeuge dafür. Einiges aber verschwindet in dieser Zeit von der Bildfläche, etwa die alte katholische Kirche.

Der SÜDKURIER greift in diesem Sommer in der historischen Serie „Gedächtnis der Region“ die 1960er-Jahre auf und die Redaktion sucht nun Fotos aus den Jahren von 1960 bis 1969 zu besonderen Geschehnissen und Themen. Auch Zeitzeugen sind gefragt, die aus erster Hand etwas über die bedeutenden Dinge erzählen können oder damals in der Bergstadt und ihren heutigen Stadtteilen aufgewachsen sind.

In St. Georgen startet das Jahrzehnt damals mit einigen bemerkenswerten Veränderungen. Die katholische Kirche wird 1960 abgerissen. Viele St. Georgener blickten damals mit Wehmut auf den Abriss des Gebäudes mit dem markanten Turm. Ein Jahr später folgte dann der Neubau. Bürgermeister Paul Leuchtenmacher spricht davon, dass die katholische Gemeinde "ein neues Wahrzeichen unserer Stadt" geschaffen hat.

Um den Bürgermeister Leuchtenmacher gab es nur kurz darauf unschöne Schlagzeilen und ein politisches Auf und Ab, das in der Nachkriegsgeschichte der Bergstadt bis heute einmalig ist. Der Gemeinderat beantragte am 23. Februar 1962 ein Dienststrafverfahren mit dem Ziel, den Bürgermeister seines Amtes zu entheben. Nach Ansehen aller Stadträte habe Paul Leuchtenmacher das Ansehen der Stadt schwer geschädigt. Gegen Zahlung einer Abfindung trat der Bürgermeister zurück. Die kurz darauf ausgeschriebene Bürgermeisterwahl gewann Bürgermeister a.D. Leuchtenmacher wiederrum, im zweiten Wahlgang. Der Gemeinderat erklärte die Wahl für ungültig, eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Freiburg folgte. Alt-Bürgermeister Emil Riemensberger übernahm 13 Monate lang als Amtsverweser, ehe Helmut Dahringer als Amtsverweser folgte, dann aber auch die Bürgermeisterwahl im April 1964 gewann. Er blieb Bürgermeister bis 1968 als Günther Lauffer gewählt wurde, er leitete die Geschicke der Stadt über drei Amtszeiten.

Die Stadt hat Mitte der 1960er-Jahre rund 11 500 Einwohner. St. Georgen ist auf Wachstumskurs, kauft in dieser Zeit das Gelände des Seebauernhofs, das für knapp eine halbe Million Mark erschlossen wird. Ein Umgemarkungsvertrag mit der Gemeinde Peterzell sichert die bauliche Entwicklung der kommenden Jahrzehnte. 1966 beschließt der Gemeinderat den bis dato größten Haushaltsetat der Nachkriegsgeschichte. Auch die Sanierung des Klosterweihers wird stetig vorangetrieben. Für die Herstellung des Stadtgartens sind damals 100 000 Deutsche Mark angesetzt.

Die Stadt St. Georgen befindet sich Mitte der 1960er-Jahre in einer ähnlichen Situation wie heute. Die wirtschaftliche Situation ist zwar gut, die Aufgaben der Stadt aber sind groß und nehmen zu. Man müsse die Bauvorhaben nach ihrer Dringlichkeit sortieren, sagte Bürgermeister Dahringer. Das bedeutet: "Bei sparsamer Wirtschaftsführung die vorhandenen Mittel zu konzentrieren." Die Stadt muss unter anderem in ein Altenheim und in naher Zukunft auch in Schulhaus-Neubauten investieren. Zu diesen Erinnerungen an ein Jahrzehnt des Umbruchs sucht die Lokalredaktion St. Georgen nun Bilder und Zeitzeugen aus den Jahren 1960 bis 1969.