An einem heißen Dienstagabend wird im dritten Stock eines unscheinbaren Industriegebäudes in Villingen die Queue-Spitze mit Kreide bedeckt. Lothar Schwarz schleicht einmal um den mit blauem Tuch bespannten Billardtisch. Über ihm hängt eine Lampe, die grelles Licht abwirft und die Kugeln zum Funkeln bringt. Schwarz blickt angespannt mit beiden Augen auf die Kugelformation. Er scannt den Tisch konzentriert – eine Augenbraue zuckt von oben nach unten.

Plötzlich bleibt Schwarz stehen, beugt seinen Oberkörper nach vorn und richtet den Queue auf die weiße Kugel aus. Währenddessen wechselt sein Blick zwischen Kugel und Zielort hin und her. Drei oder viermal lässt Schwarz den Queue durch seine Finger gleiten, die wie eine Spinne geformt, auf dem Tisch liegen. Nach einem kräftigen Schwung und einem lauten klappern, rollt die Kugel mit hoher Geschwindigkeit über den Tisch und prallt auf die anderen Kugeln, die wie ein Dreieck geformt sind, zu. Wie ein bunter Blumenstrauß verteilen sich die vollen und halben Kugeln auf der gesamten Spielfläche. Schwarz nickt – guter Schlag.

Billard ist Kneipensport? Dieses verklärte Image ist den Mitgliedern des Billardvereins St. Georgen (BSC) ein Dorn im Auge. "Der Sport wird oft nicht als richtiger Sport angesehen. Viele denken, wir schwingen den Queue, trinken ein paar Bier und gehen nach Hause. So ist das aber nicht", sagt Klaus Maier, Sportwart beim BSC. Neben hoher Konzentrationsfähigkeit gehört die nötige Ruhe und vor allem taktisches Verständnis zu den Voraussetzungen, um in den höheren Ligen mitzuhalten.

Bild: Küster, Sebastian

"Strategie ist alles", sagt Vorstand Lothar Schwarz und erklärt, was im Kopf eines Billard-Spielers vor sich geht. "Kneipenspieler denken nur daran, eine Kugel nach der anderen zu versenken. Wir hingegen denken von hinten nach vorn." Das heißt: Nach dem Anstoß legen sich Billardspieler eine Strategie zurecht, eine möglichst gute Ausgangsposition zu erreichen, um die letzte Kugel, die schwarze "8", zu versenken – im Fachjargon: Zu stellen. Die anderen Kugeln, die sie in die Löcher spielen, dienen als Handwerkszeug, die weiße Kugel nach und nach in Position zu bringen. "Poolbillard ist wie Schach auf dem Tisch", sagt Maier. Und das macht für die Mitglieder des BSC die Faszination des Sports aus. "Wir müssen weit vorausdenken, aber gleichzeitig die Konzentration auf den jetzigen Stoß hoch halten", erklärt Günter Götz, stellvertretender Vorstand im Verein. Genau wie Lothar Schwarz, gehört Götz zu den Gründungsmitgliedern des BSC.

Der Verein wurde laut Götz im Jahr 1997 von sieben Personen gegründet, die sich regelmäßig im ehemaligen Billard Café in St. Georgen zum Poolbillard getroffen haben. "Die Idee kam irgendwann auf. Wir wollten alle besser werden", sagt Götz, denn der BSC ist "kein Spaßverein", wie Lothar Schwarz bestätigt. Zwar stehe die Freude im Vordergrund, auch die Familie und Arbeit gehe vor, jedoch sind alle ambitionierte Ligaspieler.

Lothar Schwarz (von links), Klaus Maier, Günther Götz und Daniel Naumann trainieren in der Niners Billard Lounge in Villingen, bis das Lokal Schützen fertig renoviert ist.
Lothar Schwarz (von links), Klaus Maier, Günther Götz und Daniel Naumann trainieren in der Niners Billard Lounge in Villingen, bis das Lokal Schützen fertig renoviert ist. | Bild: Küster, Sebastian

Beim Poolbillard gehört das richtige Outfit ebenso zu einem Turnier, wie die Kugeln, die Queues und die Billardtische. "Wir tragen schwarze Schuhe, schwarze Hosen und Polos mit dem Vereinswappen drauf. Hauptsache alle sehen gleich aus. Das muss schon so sein", sagt Klaus Maier.

Der BSC besteht derzeit aus drei Poolbillard-Teams: Die erste Mannschaft ist in dieser Saison aufgestiegen und wird in der Landesliga die Queues schwingen. "Auf diesen Erfolg sind wir sehr stolz", sagt Schwarz. Die zweite Mannschaft spielt in der kommenden Spielzeit in der Bezirksliga und die dritte in der Kreisliga. "Auch wenn die dritte Mannschaft aufsteigen könnte, würden wir das nicht machen. Die Gruppe dient dazu, Neulinge für den Sport zu begeistern", sagt Schwarz. Zu Beginn könne es frustrierend sein, wenn man bei Turnieren häufig verliert. Deshalb will der Verein, dass neue Mitglieder möglichst oft Erfolge feiern. "Wer besser wird, kann in der zweiten oder ersten Mannschaft spielen", sagt Schwarz.

Obwohl der Billardverein St. Georgen nicht mit akuten Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, sind neue Mitglieder immer willkommen. Der Mitgliedsbeitrag kostet 25 Euro im Monat. Mitgliedsverträge können auf die Bedürfnisse des Spielers angepasst werden, wie Vorstand Lothar Schwarz betont: "Egal ob man ambitioniert bei Turnieren mitspielen will, nur trainieren möchte oder in den Sport hineinschnuppert – bei uns ist alles möglich."