Jeden Donnerstag zwischen 19.30 und 23 Uhr rauchen in einem kleinen, unscheinbaren Stüble im Keller des Roten Löwen die Köpfe. 30 Quadratmeter, viel Holz, Fliesen und Plastikblumen verzieren den Raum. An einer langen Tafel sitzen zwei gestandene Herren. Die Köpfe liegen in ihren aufgestützten Armen. Die Stimmung wirkt angespannt. Gebannt blicken beide auf ein Schachbrett und warten auf den nächsten Zug. Ein wahres Drama um schamlos geopferte Bauern, Springer, die zur Hilfe reiten, Türme, die ins Wanken geraten und Königinnen, die ihren Ehemann verteidigen. Schach kann mehr sein als zehn Minuten Witz mit wilden Zügen. Beim Schachclub St. Georgen-Schonach geht es zwar um Spaß, aber auch um die Ehre.

Vorurteil macht Spielern zu schaffen

Wer Thomas Hummel fragt, wie er Menschen begegnet, die behaupten, dass Schach kein Sport sei, wird immer die gleiche Antwort bekommen: "Ich lade jeden ein, auf eine Partie vorbeizukommen. Nach stundenlanger Konzentration erübrigt sich dann meistens dieses Vorurteil." Hummel kam schon früh mit dem königlichen Spiel in Berührung, weil sein Vater ein leidenschaftlicher Schachspieler gewesen ist. "Ich spiele seit Ende der 70er-Jahre Schach", sagt er und betont: "Beim Spiel geht es um Taktik und Eigenverantwortung. Meistens hat nicht der Gegner Schuld daran, wenn man verliert, sondern ich selbst." Zudem sei das Spiel abwechslungs- und variantenreich. Kein Spiel sei wie das andere. Viele unterschiedliche Eröffnungszüge, die den Charakter eines Spielers symbolisieren, treibt die Schachspieler zu konzentrierten Höchstleistungen.

Eine Schach-Begegnung in einem Israel-Urlaub geht Thomas Hummel nicht mehr aus dem Kopf: Im Hotel beobachtete Hummel zwei Männer beim Schachspielen. Nach der Begegnung winkte der Sieger Hummel herbei und bot ihm wie selbstverständlich eine Partie an. Schach sei ein kultureller und sprachenübergreifender Sport. "Man braucht nur die Regeln. Egal ob dick oder dünn, groß oder klein, jung oder alt, Frau oder Mann. Schach verbindet", sagt Hummel.

Bernd Suhm (links) und Helmut Föhrenbacher, langjährige Mitglieder im Schachklub, denken angespannt über ihren nächsten Zug nach. Sie bereiten sich immer Donnerstagabend auf ihren nächsten Wettkampf vor.
Bernd Suhm (links) und Helmut Föhrenbacher, langjährige Mitglieder im Schachklub, denken angespannt über ihren nächsten Zug nach. Sie bereiten sich immer Donnerstagabend auf ihren nächsten Wettkampf vor. | Bild: Küster, Sebastian

Für Helmut Föhrenbacher, Vereinsmitglied beim Schachclub, ist vor allem eines entscheidend: Theoretisches Wissen. "Das ist das A und O. Wer nicht bereit ist, sich mit viel Fleiß in Büchern einzulesen, der hat keine Chance", sagt er. Auch deshalb trainiert Föhrenbacher in seiner Freizeit gegen einen Computer. Da könne man gut analysieren, welche Fehler einem unterlaufen sind. "Es gibt unterschiedliche Schwierigkeitsstufen. Der Computer ist aber unschlagbar", so Föhrenbacher.

Zeitmanagement ist gefragt

Vor und während des Spiels legen sich die Spieler einen Schlachtplan zurecht. Hummel und seine Schachpartner denken immer mindestens drei bis vier Züge voraus, ehe sie eine Figur bewegen. Ziel ist es, den Gegner schachmatt zu setzen, also den König unabwendbar anzugreifen. Dafür versucht man sich während des Spiels Stellungsvorteile zu verschaffen, indem man beispielsweise eigene Spielfiguren opfert, um den Gegner eine Falle zu stellen. Auch Zeitmanagement spielt eine wichtige Rolle, denn: Insgesamt haben beide Spieler bei einem Wettkampf drei Stunden Zeit. Eine Uhr misst, wie lange ein Spieler am Zug ist. Wie man sich die 180 Minuten einteilt, entscheidet jeder Spieler selbst. "Wer am Anfang zu lange braucht, wird durch die Zeit im Laufe des Spiels immer weiter unter Druck gesetzt. Dann passieren meistens die entscheidenden Fehler", sagt Hummel.

Sportler treten gemeinsam an

Der Vorstand bezeichnet sich selbst als bedingt offensiven Spieler. Es gebe viele, die auf volle Offensive setzen, oder nur versuchen, den eigenen König zu schützen. Für Hummel sei die Mischung der Weg zum Erfolg. Ähnlich sehen das auch die anderen Mitglieder des Schachclubs St. Georgen-Schonach. Bei Mannschafts-Wettkämpfen treten sie zu acht gemeinsam an. Im Schnitt müssen sie sich einmal im Monat mit anderen Teams messen. Gespielt wird eine Hin- und eine Rückrunde. Der Verein ist Mitglied beim Deutschen Schachbund und beim Badischen Schachverband Schwarzwald. Derzeit hat der Verein 13 aktive Spieler.

Der Schachclub blickt auf eine lange Geschichte zurück. 1920 war die Gründung im Café Kammerer in St. Georgen. Sieben Gründungsmitglieder waren eingetragen, der erste Vorsitzende war damals Hermann Henninger. Ende der 1940er-Jahre hatte der Verein seine sportlichen Höhepunkte. Bei den deutschen Meisterschaften trat der Club als Vertreter Südbadens an und verlor gegen Frankfurt. Mehrfach wurde der Verein Schwarzwaldmeister. Seit 2008 treffen sich die Spieler donnerstags um 19.30 Uhr im ehemaligen Gasthaus Roter Löwen. Wie alle anderen Vereine, müssen sie das Gebäude zeitnah räumen und suchen derzeit nach einem neuen Domizil. Im Frühjahr 2016 fusionierten die beiden Schachvereine Schonach und St. Georgen und bildeten einen gemeinsamen Club.

Kein Nachwuchs in Sicht

In den 1980er-Jahren betreuten die Schachspieler aus St. Georgen eine eigene Jugendmannschaft. Seit 1999 gibt es keine Nachwuchsspieler mehr. Vorstand Thomas Hummel trauert den alten Zeiten aber nicht hinterher: "Heute legen die jungen Leute auf andere Dinge Wert. Die Zeiten ändern sich." Es gebe viele Kinder, die von ihren Eltern Schachspielen lernen, dem Verein beizutreten sei jedoch eine Hürde, die in St. Georgen lange keiner mehr nahm.