Auf dem Esstisch liegen Kataloge bereit. Die Fensterbank und ein Tisch sind voller Tupperdosen – kleine, große, bunte, einfarbige. Bestecke, Schalen und andere Behälter komplettieren die Auswahl. Alles, was das Hausfrauenherz begehrt, soweit das Klischee, scheint sich dort wiederzufinden. Fünf Frauen sitzen am Esszimmertisch, blättern mal in den Katalogen, dann unterhalten sie sich wieder. Der Duft von Erdbeeren, die auf dem Tisch bereitstehen, steigt in die Nase. „Jetzt gibt es erstmal was zu essen, das beruhigt die Gemüter“, sagt Claudia Reinert, die sich vor dem Tisch voller Tupperware aufgestellt hat. „Heute wird gehobelt, geschnitten und es gibt Schoko-Fondue“, sagt Reinert. So beginnt die Tupperparty am Freitagabend um 20 Uhr auf der Seebauernhöhe. Und damit die Reise in die Welt von Tupperdosen.

Claudia Reinert ist seit Januar 2017 Partymanagerin im Schwarzwald-Baar-Kreis. Und damit Markenbotschafterin des Unternehmens Tupperware, das Küchen- und Haushaltsartikel aus Kunststoff herstellt. Etwa zweimal pro Monat ist die dreifache Mutter im Zuge ihrer Tätigkeit in St. Georgen, Mönchweiler, Villingen sowie anderen Orten unterwegs. Ihre Aufgabe: Die Tupperware mitbringen und den Partygästen vorführen. Im Nachhinein zählen dazu auch die Aufnahme der Bestellungen, Abholung der Ware im zentralen Lager in Donaueschingen sowie die Auslieferung an die Gastgeberin. Die Gastgeberin ist diejenige, bei der die Party stattfindet. Die Partymanagerin kümmert sich um die Präsentation der Ware. An diesem Abend übernimmt die 34-Jährige sowohl die Aufgabe der Gastgeberin, als auch die der Partymanagerin. Sie gehört zu denen, die das System Tupperware möglich machen.

Reinert füllt heißes Wasser in eine Schale, dann setzt sie einen Einsatz mit Schokolade oben drauf. Langsam beginnt die Schokolade zu schmelzen. Währenddessen beginnt Reinert Apfelscheiben zu raspeln. „Möchte jemand mal versuchen?“, fragt sie in die Runde. „Ja, gerne“, sagt Sarah Schäfer und nimmt die Reibe in die Hand. Dann schneidet sie den grünen Apfel in feine Scheiben. Die Gäste sind begeistert vom Schokofondue. „Ich habe einen Schokobrunnen, aber das rentiert sich nicht“, sagt Sarah Schäfer. „Das ist etwas Kleines für uns Frauen“, sagt Reinert. „Mein Mann würde sagen: entweder Obst oder Schokolade. Aber ich finde, man kann Obst besser essen, wenn man Schokolade dazu isst.“

Das Prinzip der Partys ist einfach: Eine Partymanagerin führt die Produkte vor. Für ihre Arbeit bekommen sie eine Provision, in der Regel 24 Prozent des Umsatzes. Bei einem Umsatz von 500 Euro wären das 120 Euro für die Tupperparty. In den ersten 13 Wochen, der sogenannten Einarbeitungszeit sind es 20 Prozent. Dafür müssen auch Abholung und Auslieferung erledigt werden. Auch Kosten, beispielsweise die anteilige Bezahlung eines Willkommensgrußes, sowie Steuern und Abgaben sind hier noch nicht mit eingerechnet.

„Es ist meistens eine Sache, die praktisch vorgeführt wird“, sagt Reinert. Das ist auch das Konzept, was dahintersteht, so Marketingchef Dominic Stenzel: „Die Partys sind der Vertriebsweg, mit dem Tupperware gewachsen ist“, sagt er. Ein Abend zuhause in gemütlicher Atmosphäre soll zum Kauf anregen: „Die persönliche Komponente ist entscheidend“, sagt Stenzel. „Das hier ist kein steriler Verkaufsraum.“ Und das Konzept geht auf, wie Reinert berichtet: „Zu 99 Prozent würde ich behaupten, dass jeder Gast etwas kauft.“ Dabei unterscheidet sich die Verkaufsart nicht wirklich von der Vorführung am Messestand. Im Vordergrund steht immer noch der Verkauf der Ware, daran kann auch der Ort nichts ändern. Tupperware scheint mit den Partys vor allem eine Zielgruppe ansprechen zu wollen: die klassischen Hausfrauen. Ein gesellschaftliches Bild, das mittlerweile eigentlich längst überholt wurde. Der Erfolg aber ist auf der Seite des Unternehmens, seit mittlerweile rund 56 Jahren in Deutschland.

In heimischer Atmosphäre stehen zahlreiche Tupperwaren schon zu Beginn der Party bereit. Die Gastgeberin lädt einige Freundinnen und Bekannte ein. Reinert war schon auf Abenden mit drei, aber auch mit 20 Gästen. „Der Schnitt liegt irgendwo dazwischen“, erklärt Stenzel. Das Klientel ist größtenteils weiblich. An diesem Abend sind vier der fünf Besucherinnen Mütter. „Es ist ein frauenlastiges Geschäft“, sagt Stenzel. Das sei aber nicht verwunderlich. Doch auch einige Männer fühlen sich in der Tupperware-Welt Zuhause. „Es gibt sehr erfolgreiche Männer“, sagt Stenzel. So ist beispielsweise der erfolgreichste Partymanager in der Region Süd ein Mann. „Männer können einige Produkte besser verkaufen“, sagt Reinert.

Als Nächstes steht ein Kräuterbaguette auf der Tagesordnung. „Wollt ihr Knoblauch?“, fragt Reinert in die Runde. „Lieber nicht“, kommt die Antwort fast einstimmig zurück. Butter, Petersilie und Gewürze stehen schon auf dem Tisch bereit. Reinert nimmt einen Zwiebelschneider und zerkleinert die Petersilie. Nach einigen Zügen an der befestigten Schnur, ist die Petersilie klein genug. „Mich hat mal ein Mann gefragt, wie viele Umdrehungen der Zwiebelschneider pro Minute schafft“, sagt Reinert. Eine Antwort habe sie darauf nicht gewusst: „Ich habe mir nur gedacht: Was wollen die Männer von mir?“, sagt Reinert. Die Gäste lachen. „Sowas fragt dich aber keine Frau“, sagt Jacqueline Dieterle.

Es ist mittlerweile still geworden. Nur das Rascheln der Hände durch die Kataloge ist zu hören. Manchmal auch das Flüstern der Sitznachbarinnen untereinander. „Was kannst du gebrauchen?“, fragt Dieterle. „Vieles habe ich schon“, sagt Elisabeth Bopst und zeigt auf einige Produkte im Katalog. „Die Schränke sind voll, oder?“, erwidert Dieterle. Dann widmen sich beide wieder ihrem Katalog und schreiben Bestellungen auf das Papier. Währenddessen ist das leise Knuspern des Baguettes beim Zerbeißen zu hören, der Geruch von selbstgemachtem Wurstsalat liegt noch in der Luft. Reste vom zubereiteten Essen gibt es genug. Tupperdosen dafür ebenso.

Ein Vertriebsweg, der nicht nur Gewinner kennt

Das System Tupperware ist nach wie vor erfolgreich – seit über 50 Jahren in Deutschland. Der Vertriebsweg ist jedoch speziell. Die Verkäuferinnen tragen eine hohe Eigenverantwortung, manche tappen in die Schuldenfalle

  • In Eigenregie: Tupperware wird über sogenannte Partymanager, also Berater und Gastgeber, verkauft. Sie tragen eine hohe Eigenverantwortung, müssen beispielsweise die Produkte direkt bei Tupperware beziehen, bevor sie dann verkauft werden. Sie vertreiben die Plastikprodukte mit Tupper-Lizenz, aber auf eigene Rechnung. Sie werden nach Umsatz entlohnt.
  • Kritik: Dieses Prinzip stößt hin und wieder auch auf Kritik. Der Grund: Das hohe Risiko. Steigt eine Partymanagerin beispielsweise in der Hierarchie auf, rückt sie damit unter Umständen in Verantwortung für einen Umsatz in Millionenhöhe. Kaufmännische Kenntnisse oder Eigenkapital sind nicht vorausgesetzt. Diese Struktur kann dazu führen, dass Verantwortliche sich überschulden und in der Privatinsolvenz landen. Vielfach ist das in Deutschland passiert. Auch, weil sie verpflichtet sind, einen gewissen Umsatz zu generieren und entsprechende Produkte abzunehmen. (pga)