Wenn im kommenden Jahr die ersten Kinder in den Kindergarten kommen, dürfte das nicht überall ganz reibungslos ablaufen. Ab März 2020 gilt nämlich die Impfpflicht für Kinder in Kitas und Schulen sowie für deren Mitarbeiter. Dabei sehen die Verantwortlichen in den Schulen und Tagesstätten diese Pflicht durchaus mit gemischten Gefühlen.

„Wenn man sieht, wie viele Masernfälle es in letzter Zeit wieder gegeben hat und was die Krankheit anrichten kann, bin ich schon für die Impfung. Der Zwang stört mich aber trotzdem, das kommt bei den Eltern gar nicht gut an“, sagt etwa Dagmar Bresinski, die Leiterin des Kindergartens Pusteblume in Peterzell. Bessere Aufklärung, so ist sie überzeugt, würde da mehr Verständnis schaffen.

„Wir machen bei jedem Aufnahmegespräch schon heute auch eine Impfberatung, und da hatten wir bisher noch keine Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollten.“ Zudem gebe es nur wenige, die kein Impfheft führten. „Das ist häufig auch eine Bildungsfrage“, sagt Bresinski.

Sinnvoll, aber...

Ähnlich sieht das Heike Eble, die Leiterin des Kindergartens Spatzennest in Langenschiltach. „Ich selbst bin geimpft, aber persönlich denke ich, man sollte nicht zu viel impfen. Der menschliche Körper muss auch selber Abwehrkräfte entwickeln“, sagt sie, betont aber: „Eine Epidemie wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte. Bei Masern bin ich darum ganz klar für die Impfung.“

Bereits jetzt müssten Eltern beim Spatzennest eine Impfbescheinigung mitbringen. Mit dem neuen Gesetz erwarte man darum im nächsten Jahr keine großen Veränderungen.

Einen anderen Aspekt hebt Erzieherin Carina Weißer hervor. Sie arbeitet im Kindergarten Sonnenstrahl in Brigach und erklärt: „Ich finde die Impfplicht sinnvoll, weil auch oft Schwangere hier sind – und für die sind Masern und Röteln besonders gefährlich.“ Zudem seien insbesondere Flüchtlingskinder oft nicht geimpft, was sich mit dem kommenden Jahr ändern dürfte. Denn auch diese werden vom Masernschutzgesetz erfasst, da die Impfpflicht auch für Asylunterkünfte und andere Gruppenbehausungen wie Ferienlager gilt.

Ein Arzt sieht rot

Von dem Gesetz von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist der St. Georgener Arzt Oliver Freischlader trotzdem alles andere als begeistert. „Ich bin entschieden für die Masern-Impfung, aber nicht für eine Pflicht. Denn wenn die Leute dazu gezwungen werden, laden sie ihren Frust nicht bei Herrn Spahn ab, sondern bei uns Ärzten“, sagt er.

„Für das Arzt-Patienten-Verhältnis ist das eine Katastrophe.“ Freischlader kritisiert auch das Bußgeld in der Höhe von bis zu 2500 Euro, das Eltern droht, die ein nicht geimpftes Kind zur Schule schicken. „Wenn jemand bereit ist, das Geld zu zahlen, ist das Kind danach immer noch nicht geimpft.“ Das Gesetz sei lediglich ein „Luftballon“ des Ministers, um in der Öffentlichkeit Eindruck zu machen. In der Praxis hingegen, so der Arzt, bedeute das eine Menge Schwierigkeiten.

An den Schulen herrscht derweil noch Gelassenheit. „Ich habe mich noch nicht eingehend mit der Sinnhaftigkeit der Impfpflicht beschäftigt“, sagt etwa Jörg Westermann, Leiter der Robert-Gerwig-Schule, der Rupertsbergschule und der Grundschule Peterzell. Derzeit warte man noch auf Vorgaben aus den Landesministerien, wie die neue Regelung umzusetzen sei. Vor Ende des Jahres rechne er aber nicht mit großen Veränderungen.

Das sagen die Bergstädter zur Impfpflicht

Ann-Kathrin Luy hält die nächstes Jahr eintretende Impfpflicht für eine gute Idee. „Man schützt damit auch die Kinder, die nicht geimpft werden können“, sagt sie.

Ann-Kathrin Luy
Ann-Kathrin Luy | Bild: Tom Wiesmann

Jessica Richter ist Mutter eines zweieinhalb jährigen Kindes. „Ich finde eine Impfpflicht gut“, sagt sie. Wer nicht impfen würde, gefährde neben der Gesundheit des eigenen Kindes gleichzeitig auch andere Kinder.

Jessica Richter
Jessica Richter | Bild: Tom Wiesmann

Friedlinde Müller, die nur zu Besuch in St. Georgen ist, ist gerade mit ihrem Neffen unterwegs. „An sich find‘ ich es eigentlich gut“, sagt sie. Jedoch besser wäre es vielleicht, wenn man die Eltern durch Aufklärung selbst zum Impfen bringen würde.

Friedlinde Müller
Friedlinde Müller | Bild: Tom Wiesmann

Hanna Weisser ist mit ihrem zweijährigen Sohn David unterwegs. „Ich halte die Impflicht für eine gute Idee“, sagt sie. Es gäbe Krankheiten, gegen die man nichts machen könne und wenn man dann die Chance hätte, gegen andere Krankheiten vorzusorgen durch das Impfen solle man diese Chance auch nutzen. (tmw)

Hanna Weisser
Hanna Weisser | Bild: Tom Wiesmann