Feierabend. Ein Glas Rotwein, vielleicht auch zwei – soll ja bekanntlich sogar gesund sein. Auf Partys wird mit Cocktails, Longdrinks und Kurzen gerne mal über die Stränge geschlagen. Ist ja auch nichts dabei, machen doch alle so. Und in den meisten Vereinsheimen ist Alkohol sowieso nicht mehr wegzudenken. Er ist in unserer Gesellschaft eben allgegenwärtig. Aber auch gefährlich – nämlich dann, wenn das Genussmittel zur Sucht wird. Laut Drogenbeauftragter der Bundesregierung, konsumieren rund 9,5 Millionen Deutsche Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Nur etwa 10 Prozent unterziehen sich einer Therapie.

Kindheit oft mitverantwortlich

Zu denen, die sich Hilfe geholt haben, gehört Mario Forderung. Der trockene Alkoholiker leitet die Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes e.V. in St. Georgen. Er spricht aus Erfahrung, wenn er sagt: "Alkoholsucht ist weiter verbreitet, als viele denken."

Forderung bezeichnet sich selbst als Musterbeispiel eines Süchtigen. "Mein Vater war Alkoholiker und hat meine Mutter psychisch fertiggemacht. Auch ich habe unter ihm sehr gelitten." Als später der Leistungsdruck, erst in der Schule, dann in der Arbeit, zu groß wurde, benötigte Forderung ein Ventil. Alkohol – ausbrechen, benebeln, die Welt vergessen. Sein Körper und sein Geist gewöhnten sich an die trügerische Flüssigkeit, bis er die Flasche täglich brauchte. "Irgendwann habe ich angefangen zu zittern", sagt Forderung. Der Körper brauchte den Alkohol, um zu funktionieren. So kämen auch Polizeikontrollen zustande, in denen der Fahrer noch volle Kontrolle über sein Auto hat und mühelos den Zeigefinger auf die Nasenspitze richtet, obwohl er zwei oder drei Promille ins Röhrchen pustet.

1977 absolvierte Forderung seine erste Entwöhnung in einem Kloster. Forderung blieb zehn Jahre trocken, ehe er 1987 rückfällig wurde. Während seiner zweiten Entwöhnung im Jahr 1999, wurde er aufs Blaue Kreuz in St. Georgen aufmerksam. Forderung schöpfte neue Kraft, Selbstwertgefühl und Stärke durch spirituelle und religiöse Werte. "Ich lernte, dass meine Seele krank war und blieb trocken", sagt er. Manchmal reichen Kleinigkeiten aus, um rückfällig zu werden. Oft sind es aber auch Schicksalsschläge, die für trockene Alkoholiker gefährlich werden können. Forderung hat eine ganz eigene Methode entwickelt, um in solchen Situationen nicht zur Flasche zu greifen. "Ich habe immer ein Taschentuch dabei. Das erinnert mich an ein einschneidendes Erlebnis in meiner Kindheit", berichtet er. Als er eines Tages mit seiner Schwester nach Hause kam, stand seine Mutter weinend mit einem Taschentuch am Fenster. Mal wieder sei sie von ihrem Ehemann verletzt worden. "In schwierigen Momenten hole ich das Taschentuch heraus und sage mir: So will ich nie sein."

Wann beginnt Alkoholismus?

Manche bezeichnen das tägliche Feierabendbier bereits als Sucht. Andere hingegen denken, dass Alkoholiker jeden Tag volltrunken sein müssen. Die deutsche Hauptstelle für Suchtfragen definiert Alkoholsucht abstrakter. Die Abhängigkeit entwickle sich über einen langen Zeitraum. Sie werde in der Regel dann diagnostiziert, wenn unter anderem mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sind:

Es besteht ein starker Wunsch oder Zwang, Alkohol zu konsumieren. Es besteht eine verminderte Kontrollfähigkeit, wann und wie viel man trinkt. Es sind immer höhere Dosen erforderlich, um die gewünschte Wirkung hervorzurufen. Andere Vergnügungen oder Interessen werden zugunsten des Alkohols vernachlässigt. Sich einzugestehen alkoholsüchtig zu sein, ist laut Forderung Grundlage für die Genesung. Erst danach folgt der Entzug und dann die Nachsorge, in Form der Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes. Deshalb rät Forderung allen Teilnehmern der Gruppe, reinen Tisch zu machen. "Wahrheit und Klarheit sind für mich die Schlüssel zum Erfolg. Erzählt es Freunden und Familie, dass ihr süchtig seid", appelliert er. Durch die Offenheit fühlen sich Betroffene nicht nur selbst befreiter, sondern können dadurch auch vom sozialen Umfeld unterstützt werden. "Wir bieten den Angehörigen an, mit in die Gruppensitzungen des Blauen Kreuzes zu kommen und zu lernen", sagt Forderung, denn oft seien auch sie mit der Sucht überfordert.

Verein an über 400 Standorten aktiv

Für den Gruppenleiter ist der Glaube an Gott keine Voraussetzung, um an der Selbsthilfegruppe teilzunehmen – auch wenn der Verein ein christlicher Suchthilfeverband ist. Er ist deutschlandweit aktiv, besteht aus rund 400 hauptamtlichen Mitarbeitern, rund 3000 Ehrenamtlichen und hat an über 400 Standorten ungefähr 1100 Gruppen und Vereine unter sich, die vor allem alkohol- und medikamentenabhängige Menschen begleiten. Das alles geschieht auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes.

Wie heikel das Thema Alkoholsucht sein kann, bestätigt das Beispiel eines Mannes, der regelmäßig die Selbsthilfegruppe von Mario Forderung besucht. Lange hat dieser Mann, der unerkannt bleiben will, die Krankheit unterschätzt – zu lange, wie er selbstkritisch feststellt. In den 80er-Jahren fing er an zu trinken – ironischerweise – besonders dann, wenn es ihm gut ging. Alkohol war ein Stimmungsmultiplikator, der die gute Laune noch weiter steigerte. Der Griff zur Flasche wurde zur Gewohnheit und irgendwann – in einem schleichenden Prozess – schließlich zur Sucht.

Mehrmals wurde er arbeitslos, zog sich zurück, war einsam und allein. In den dunkelsten Stunden half ihm der Glaube an Jesus Christus, die Sucht zu bekämpfen und nicht wieder dem Alkohol zu verfallen. Auch die Selbsthilfegruppe im Blauen Kreuz in St. Georgen gab ihm Halt. Seit neun Jahren ist er nun trocken und will es auch bleiben. Die Alkoholsucht ist für ihn wie eine Bahn, die abwärts fährt. Wenn man die Bremsen nicht findet, wird sie immer schneller und endet am absoluten Tiefpunkt.