Jetzt ist es soweit, ein Stück seiner Kindheitserinnerungen verschwindet. Heinz Kitiratschky steht in der Schulstraße und blickt auf das noch stehende Torwartshäusle. Er trägt Schiebermütze und Sonnenbrille, die Sonne scheint ungewohnt kräftig für einen Schwarzwald-Tag mitten im November. "Ich bin in diesem Haus aufgewachsen", sagt er, während der Abrissbagger im Hintergrund seine Arbeit an einem der bis dato ältesten Gebäude der Stadt verrichtet. Der 88-Jährige zeigt auf die vier Fenster im Obergeschoss auf der linken Seite des Gebäudes. Bis zu seiner alten Wohnung sind die Arbeiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgedrungen, sie steht noch. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, dass das Haus, das ihm so vertraut ist, nun verschwindet.

Ein Bild der Abrissarbeiten im November. Bild: Patrick Ganter
Ein Bild der Abrissarbeiten im November. Bild: Patrick Ganter | Bild: Ganter, Patrick

Einzug im Jahr 1939

Heinz Kitiratschky trägt den Abriss trotzdem mit Fassung. "Es tut schon ein bisschen weh, aber die Welt dreht sich weiter", sagt er. Für die Entscheidung hat er aber Verständnis. "Damit muss man halt Leben." Heinz Kitiratschky blickt heute zufrieden auf sein Leben zurück. Als er als kleiner Junge 1939 in das Torwartshäusle einzog, war das Land in Aufruhr. Die Nazis waren an der Macht, der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Zudem erkrankt sein Vater an Multipler Sklerose. Sein Bruder wird kurz vor Kriegsende eingezogen und kommt auf tragische Weise ums Leben.

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Heinz Kitiratschky ist zu Beginn der 1940er-Jahre Teil des Jungvolks, einer Unterorganisation der Hitlerjugend, die dazu diente, zehn- bis 14-jährige Jungen zu indoktrinieren. Heinz Kitiratschky ergreift die Chance, den Verpflichtungen zu entkommen, weil unter den Jungen Mitglieder für den Musikverein gesucht werden. Zu viele der angestammten Musiker waren an der Front. Heinz Kitiratschky, damals 13 Jahre alt, nimmt die Gelegenheit wahr und bevorzugt, Musiker zu werden. Es sollte fortan ein wichtiger Teil seines Lebens bleiben. 75 Jahre ist er nun dabei und zwischenzeitlich zum Ehrenmitglied der Stadtmusik ernannt worden. Aktiv ist er nicht mehr, seine Leidenschaft für die Musik lebt aber weiter. Zu Hause bewahrt er Saxophon und Klarinette noch immer auf, auch wenn er darauf nicht mehr spielen wird.

Oft barfuß zur Schule

Besonders zur Schulzeit kam ihm die besondere Lage des Torwartshäusles zu Gute. "Ich musste nur über die Straße gehen und war dort." Oft sei er auch barfuß in die Schule gegangen. Vor allem im Sommer, aber auch, weil es zu Kriegszeiten schwer war, überhaupt ein paar Schuhe zu ergattern. 1944 begann Heinz Kitiratschky seine Lehre als Maschinenschlosser bei der Firma Heinemann, die ebenfalls nur einen Steinwurf weit entfernt lag. Er sollte, bis zum Eintritt in den Ruhestand, ein Teil dieser Firma bleiben. Satte 53 Jahre in einer Firma – eine berufliche Laufbahn, die in der heutigen Zeit immer seltener vorkommen dürfte. Mit 35 Jahren war er Meister, leitete 28 Jahre lang die Großteilefertigung und war schließlich vier Jahre Betriebsleiter. Um etwas Geld zu verdienen hatte er, vor allem in jüngeren Jahren, beim Zeitungen ausgetragen geholfen. "Ich habe jeden Morgen 300 Zeitungen am Bahnhof abgeholt", sagt er.

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Privates Glück hält bis heute

Zu seinem privaten Glück gehört auch Ehefrau Ilse, die er 1955 heiratete und mit der er vor drei Jahren die Diamanthochzeit feierte. Sie stammt von der Insel Fehmarn, kam über Umwege nach St. Georgen und fand mit 18 Jahren eine Anstellung im Gasthaus Hils. Bis heute leben die beiden in der gemeinsamen Familienheim-Wohnung, die sie bereits 1963 bezogen haben.

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Während Heinz Kitiratschky an diesem Morgen auf den Abriss des Torwartshäusles blickt, kommen in ihm viele Erinnerungen hoch. Auch einige Lausbubenstreiche fallen ihm ein, aber über die wolle er auch heute, rund 70 Jahre später, lieber nichts verraten. Täglich war er bis zuletzt auf dem Weg zum Einkaufen an seinem alten Zuhause vorbeigelaufen. Manchmal hat er bei seinem Einkaufsgang an die frühere Zeit gedacht. Zum Beispiel daran, wie er unter dem Dach zum Beispiel Motorräder repariert hat. Teile dafür legte er häufig, unter anderem zum Trocknen, auf eine Ablage an der Dachkante. Nicht selten ist auch etwas unters Dach gerutscht, vermeintlich für immer verschollen. Bis es heute, gut 70 Jahre danach, der Abrissbagger freilegen wird. "Ich weiß nicht, ob da noch was Wertvolles dabei ist", sagt Kitiratschky mit einem Lachen im Gesicht – wohl wissend, dass es jetzt ohnehin, zusammen mit dem anderen Material, entsorgt werden wird. Schließlich dachte er nicht, dass seine verloren geglaubten Habseligkeiten jemals wieder ans Tageslicht kommen könnten.

Bild: Ganter, Patrick

Das Torwartshäusle – vom 18. Jahrhundert bis in die heutige Zeit

  • Ehemaliger Dienstsitz: Als ehemaliger Dienstsitz der Tor- und Nachtwächter diente das Torwartshäusle bis im Jahre 1830 als dessen Wohnung und stellte über Jahrhunderte den Haupteingang zur Klosteranlage dar.
  • Heutiger Bau aus dem 18. Jahrhundert: In seinen ältesten Teilen stammt das heutige Haus aus dem Jahr 1754 und hat somit mit dem eigentlichen Kloster nichts mehr zu tun. Das Torwartshäusle gehörte neben dem „Kasten“, dem alten Pfarrhaus, dem Klosteramtshaus und der Klosteramtsschreiberei der staatlichen Verwaltung als Rechtsnachfolger des ehem. St. Georgener Klosters.
  • Wiederaufbau nach Brand: Am 29. Oktober 1790 wurde das Gebäude durch einen Brand zerstört und im Folgejahr wieder aufgebaut. Bis in die jüngere Zeit dient das Torwartshäusle als Wohn- und Geschäftshaus.
  • Erwerb in 2017: Die Stadt St. Georgen hat den zweiten Gebäudeteil im Jahr 2017 gekauft. Die Hälfte war ohnehin schon im Besitz der Stadt. Den Plan, beide Gebäudeteile zu kaufen, gab es schön länger. Die Bewohnerin des Rückgebäudes wollte allerdings nicht verkaufen, weswegen man das Thema zu ihren Lebzeiten ruhen ließ. Zuletzt genutzt war das Haus durch einen Obstladen.
  • Pläne für die Zukunft: Übergeordneter Plan ist es, eine Sichtachse zwischen Marktplatz und Stadtterrasse herzustellen. Direkt nach Abriss wird an der Stelle des dann ehemaligen Torwartshäusles eine Grünfläche enstehen. Möglich ist, dass dort später ein Brunnen platziert wird. Die Entscheidung hierüber ist allerdings noch nicht endgültig.