Der Marktplatz gilt als das Zentrum der Stadt. Für Evelyn Lange ist er vor allem eins: ein großes Problem. Denn die 38-Jährige sitzt im Rollstuhl. "Der Platz ist für mich eine Katastrophe", sagt Lange. "Überall fehlen Steine, da bleibt der Rollstuhl hängen." Der Marktplatz ist einer von vielen Orten in der Stadt, an denen es Lange nicht leicht gemacht wird. "Wenn man durch die Stadt läuft, macht man sich keinen Kopf", sagt ihr Mann André Lange. "Als Rollstuhlfahrer ist das anders."

Meist begleitet André Lange seine Frau durch die Stadt. Dann kann das Ehepaar das Auto auch mal stehen lassen.
Meist begleitet André Lange seine Frau durch die Stadt. Dann kann das Ehepaar das Auto auch mal stehen lassen. | Bild: Wiebke Wetschera
  • Mobilität: Lange kann nur kurze Strecken alleine mit dem Rollstuhl zurücklegen. "Ohne Auto ist es für mich fast nicht möglich, alleine unterwegs zu sein", sagt Lange. Trotz ihrer Behinderung fährt sie selbst Auto. Dieses ist mit einer speziellen Vorrichtung ausgestattet, mit der Lange selbstständig aus dem Auto in ihren Rollstuhl kommt. Busfahren sei nicht möglich. "Es gibt hier keine geeigneten Busse", sagt Lange. "Da würde ich mir Verbesserung wünschen."
  • Parkplätze: "Ich muss mir immer genau überlegen, wo ich parke", sagt Lange. Von der Lage her sei der Behindertenparkplatz am Krachenfels in der Gerwigstraße ein guter Parkplatz. Jedoch gibt es ein entscheidendes Problem: die Regenrinne. Da sich diese in Parkrichtung auf der Fahrerseite befindet, kann Lange ihren Rollstuhl dort nicht in einer geraden Position aufstellen, um aus dem Auto aussteigen zu können. Ihre Bitte an die Stadt, die Rinne abzudecken, sei gescheitert. Es sei baulich nicht machbar, habe die Antwort gelautet. Die Konsequenz: "Alleine traue ich mich nicht, hier zu parken", sagt sie. Stattdessen muss Lange nun immer beim Edeka parken, wenn sie in die Stadt will.
  • Läden: "Es gibt gewisse Sachen, die ich in St. Georgen nicht erledigen kann", sagt Lange. Schwer wird es beim Einkauf in der Apotheke: Denn die Rathaus-Apotheke und die Apotheke in der Gerwigstraße haben zwar eine Rampe vor dem Eingang, im Innenraum aber Stufen. "Da wurde vermutlich nur an Kinderwagen gedacht", sagt Lange. Nur eine Apotheke in der Stadt ist daher barrierefrei. Gibt es mal eine Rampe, macht das nicht alles einfacher. Viele Rampen seien für den Rollstuhl zu steil. "Ich frage mich manchmal, ob sie den Blick dafür nicht haben oder nicht richtig nachdenken", sagt Lange.
  • Wege: "Die Gehwege und die Steigung sind das größte Problem", sagt Lange. So muss sie den Aufzug im Edeka nutzen, um in die Stadt zu kommen. Steile Wege kann sie nicht alleine bewältigen. Oft muss sie auch Umwege in Kauf nehmen, wie beim Weg von der Stadtterrasse zur Gerwigstraße. Hier blockieren Treppen ihre Durchfahrt: "Oft wird beim Bau nur auf Äußerlichkeiten geschaut", sagt Lange.
  • Behindertengerechte Toiletten: Im Rathaus und in der Lorenzgemeinde sind Toiletten vorhanden, können aber nur während der Öffnungszeiten genutzt werden. "Wir planen unseren Aufenthalt in der Stadt auch nach der Toilette", sagt André Lange. Die ehemalige öffentliche Toilette am Marktplatz, die vor einigen Jahren geschlossen wurde, ist noch für Behinderte zugänglich. Für die in die Jahre gekommende Toilette hat Lange einen Schlüssel. "Eine neue Toilette wäre wünschenswert", sagt Lange.
  • Das sagt die Stadt: Eine komplette Barrierefreiheit sei in St. Georgen wegen der topografischen Lage nur "sehr schwer herzustellen", erklärt Stadtkämmerer Stephan Fix stellvertretend für Bürgermeister Rieger, der derzeit im Urlaub ist: "Das Thema wird aber bei städtischen Baumaßnahmen mitbeachtet." Nach Angaben der Stadt soll die Barrierefreiheit von der Sanierung der Innenstadt profitieren. Geplant sind Aufzüge, die die Tiefgarage mit dem Marktplatz und dem Rathaus verbinden. Zusätzlich sollen Rampen die Niveauunterschiede auf dem Marktplatz ausgleichen. Auch die Toilette soll im Zuge der Sanierung eneuert werden, so Fix. Eine gute Nachricht für Evelyn Lange.

Behindertenbeauftragter

Die Stadt St. Georgen sucht bereits seit vier Jahren nach einem Behindertenbeauftragten. Das Amt wurde von 2009 bis 2014 von Reinhard Mündel besetzt, seitdem fehlt es an einem Nachfolger. Nach Angaben der Stadt soll die Stelle ehrenamtlich besetzt werden und der Beauftragte persönliche Erfahrungen und Anregungen in die Diskussion einbringen. Auch regelmäßige Sprechstunden sollen Teil des Amtes sein, um im direkten Kontakt mit den Betroffenen vor Ort zu kommunizieren. (ww)