Uneins sind sich in St. Georgen Asylbewerber, die Mitglieder des Arbeitskreises Asyl und Einwohner der Stadt. Seit Anfang März erhalten die rund 135 Asylbewerber der Bergstadt Lebensmittelpakete anstelle des bisher ausgezahlten Geldes. In einer Umfrage, die der SÜDKURIER am 26. März 1994 veröffentlichte, wurden die unterschiedlichen Ansichten deutlich.

Einige Asylbewerber konnten sich mit den Lebensmittelpaketen anfreunden, andere vermissten die Möglichkeit, ihnen bekannten Lebensmittel selbst zu kaufen. Einwohner begrüßten den von Staats wegen verordneten Wechsel. So würde doch das Geld gezielt für die Asylbewerber ausgegeben und nicht zweckentfremdet. Und diese Menschen sollten sich eben auch den Nahrungsgewohnheiten ihres Exillandes anpassen.

Lange Schlange

Bereits am 1. März 1994 schilderte der SÜDKURIER die Ausgabe der Pakete vom Lastwagen, der am Tag zuvor um 8 Uhr morgens vor dem Peterzeller Hof gehalten hatte, um die dort untergebrachten rund 70 Asylbewerber zu beliefern. In einer langen Schlange reihten sich die Empfänger auf, wiesen sich mit ihren Ausweisen aus und die Namen wurden auf einer Liste abgehakt.

Auf einige Sonderwünsche, zum Beispiel Apfel- statt Orangensaft, konnten die Frauen des Arbeitskreis Asyl und der Kreissozialleiter Walter Dold bei der Ausgabe eingehen. Auch ein fehlender Salatkopf wurde nachgeliefert.

Dennoch war die Stimmung aufgeheizt, aber es wurde nicht wie anderswo demonstriert. Die Paketinhalte waren auf die Anzahl der Familienmitglieder festgelegt oder als Einzelpaket zu haben. Die Inhalte für 30 sowie 35 Mark reichten drei oder vier Tage.

Betreuerinnen wie Behördenvertreter versicherten den Asylbewerbern, dass die nächste Lieferung problemloser sein werde, alles müsse sich erst einspielen.

"Frische nicht garantiert"

Wie bereits berichtet, lehnen die Mitglieder des Arbeitskreises Asyl den Wechsel Lebensmittelpakete statt Geld ab. Die Zuteilungen seien nicht gerecht und die Inhalte entsprächen nicht der gewohnten Ernährung. Auch die Frische sei nicht garantiert. Sie selbst tauschten für ihre Schützlinge Pakete gegen Geld.

Erika Lamp und Helga Hennig vom Arbeitskreis hatten bereits 16 Interessenten für die Tauschaktion gewonnen. Einige St. Georgener probierten, vom Angebot drei oder vier Tage zu leben. Vor allem die Männer stellten fest, dass sie von der Menge her nicht satt geworden sind. Nähr- und Hygienemittel erhielten die Asylbewerber in Extra-Paketen.