Ausstellungsstücke in verwegenem Design, bis zu hundert Jahre alte Musikkonserven, heimische Industriegeschichte und Anekdoten vereinigen sich bei einem Besuch im Deutschen Phonomuseum am Bärenplatz. Am Dienstag dieser Woche hat Jürgen Weisser eine internationale Besuchergruppe durch die Sammlung geführt. Sogar ein paar Menschen aus Japan und Rumänien interessierten sich für die Tour „Von Edison bis Dual“, während ein paar Kinder mit Hedwig Reinl am Basteltisch kleine Papiergrammophone bastelten.

Kurzweilig stellte Weisser einige der rund 380 Exponate der Ausstellung vor. Mit dem wohl wertvollsten Stück fand der ehrenamtliche Museumsmitarbeiter gleich die Aufmerksamkeit seines Publikums: Der 1877 erstmals patentierte Zinnfolien-Phonograph des, so Weisser, „großen Erfinders und Autodidakten“ Thomas Alva Edison war das erste Gerät, das Tonaufzeichnung und Wiedergabe ermöglichte. Hörbeispiele und Zeitkolorit folgten. Gab es doch vor der Jahrhundertwende in Amerika Hörstunden in Lokalen, in denen die Musik von der Walze gespielt wurde. In der Hörschlauchgalerie konnte man, den heutigen Ohrhörern vergleichbar, der auf den Walzen gespeicherten Musik lauschen. Nutzungspreise erklären sich aus den horrenden Herstellungskosten für die Walzen, die erst 1915 dupliziert werden konnten. Vorher kostete eine Walze in Amerika den Gegenwert von zehn Stunden Arbeit eines Industriearbeiters.

In der Vitrine werden Kindergrammophone gezeigt. Die Technik war populär.
In der Vitrine werden Kindergrammophone gezeigt. Die Technik war populär. | Bild: Wursthorn, Jens

Töne auf Platte zu bannen war die Erfindung von Emil Berliner. Das Grammophon war geboren. Und die deutlich geringeren Herstellungskosten für die Platten pressten Edisons Walzen vom Markt. Die Kinderkrankheiten einer Technik, die wenige Jahrzehnte später in Form von Spielzeug- oder Reisegrammophons zum populären Freizeitbegleiter wurde, erläuterte Weisser anschaulich: Wo gleich der ganze Trichter mit seinem Gewicht auf die Nadel drückt, war diese mitunter nach einer Platte erledigt. Weisser ergänzte die audio-visuellen Eindrücken mit reichlich Fachwissen. Er wies auf kuriose Ausgestaltungen wie etwa das 1925 vom St. Georgener Fritz Müller gebaute Schwarzwaldhaus-Grammophon, ein Grammophon mit einem riesigen, mit Schlangenhaut bezogenen Trichter oder ein werbewirksames Grammophon mit vorgestellter Lichtampel hin. Auch auf Antrieb oder Verarbeitungsqualität ging Weisser ein. Ganz schön gefährlich wirkte ein an ein Grammophon angebauter Sterling-Heißmotor, der aber schon 1905 eine gleichmäßige Drehzahl erreichte. Ein Möbelstück für das gehobene Bürgertum mit exzellenter Klangqualität war das 1926 von der Firma Elektromophon gebaute Salongrammophon, der Preis war fürstlich. Für etwa 2000 Reichsmark konnte man sich damals auch ein kleines Auto leisten.

Allein-Fabrikant beim Elektromophon war übrigens Albert Ebner, der 1936 Hermine Steidinger heiratete. Und damit war die wissbegierige Runde mittendrin in der St Georgener Industriegeschichte. Nur vier Jahre hielt die gemeinsame Firma der Brüder Josef und Christian Steidinger. 1911 entzweiten sie sich und verlegten die Produktion von Grammophon-Federwerken in zwei getrennte, in herzlicher Feindschaft verbundene Firmen. Es entwickelten sich aus Josefs Familienzweig die Firma Perpetuum-Ebner und aus Christians Nachfolge die Firma Dual. Am zeitweise weltgrößten Produktionsstandort der Phonoindustrie stiegen beide konkurrierend in die Grammophon- und Plattenspielerproduktion und fusionierten – Anfang vom Ende – 1971/72.

Führung durch das Phonomuseum mit Jürgen Weisser
Führung durch das Phonomuseum mit Jürgen Weisser | Bild: Wursthorn, Jens

Daran erinnert sich Weisser, heute 72 Jahre alt, bestens. Den Zenit und den Fall der St. Georgener Phonoindustrie hat er hautnah miterlebt. Bei Perpetuum-Ebner hat er Elektromechaniker gelernt, das zu Dual fusionierte Unternehmen dann auf eigenen Wunsch verlassen und später BWL studiert. Der ursprüngliche Beruf hat ihn aber nie losgelassen. Dazu kommt wohl eine familiäre Ader. Gottlob Weisser, neben Walter Grieshaber 1972 Gründer der Phonosammlung im Rathaus, war sein Onkel. Jürgen Weisser gehört seit 1972 dem Kreis von acht bis zehn Helfern an, die sich um das Phonomuseum kümmern. Für den Niedergang von Dual hat er zwei Erklärungen: „Die haben den CD-Player verschlafen.“ Und sieben gleichberechtigte Cousins in der Unternehmensleitung seien auch nicht von Vorteil gewesen.

So schwingt auf der restlichen Tour durch die Phonoabteilung Wehmut mit. Mit Dual oder PE-Geräten bestückte Phonotruhen spiegeln den Zeitgeist der 1950er wider. An anderer Stelle demonstriert ein überkopf spielender Dual-Plattenspieler vergeblich seine technische Überlegenheit. Unterhaltsam auch kuriose Produkte rund um die Schallplatte: eine mit 50 Singles bestückte US-Musikbox, die mit Markstücken gefüttert werden möchte, eine mit Minischallplatten bestückte Sprechpuppe oder ein als VW-Bus konzipierter Tonabnehmer, der auf einer Langspielplatte kurvt. Nochmals die Drehorgel ankurbeln und das Orchestrion in Gang setzen, ein Blick in den Saal mit der Magnetbandtechnik, ein paar Hinweise in der Uhrensammlung und ein Kurzbesuch in der Museumswerkstatt und die Führung hat ein Ende.
 

Helmut Weisser (links) führt eine internationale Gruppe durch das Phonomuseum. Der erste Stopp widmet sich Thomas Alva Edison. <em>Bilder: Jens Wursthorn</em>
Helmut Weisser (links) führt eine internationale Gruppe durch das Phonomuseum. Der erste Stopp widmet sich Thomas Alva Edison. Bilder: Jens Wursthorn | Bild: Wursthorn, Jens

Museum und Führungen

Das von der Stadt St. Georgen betriebene Deutsche Phonomuseum hat von Dezember bis April mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. An Neujahr hat die Einrichtung geschlossen. Erwachsene zahlen fünf Euro Eintritt, Kinder und Jugendliche ab sieben Jahren 2,50 Euro. Komplette Führungen finden regelmäßig jeden zweiten Donnerstag im Monat ab 14.30 Uhr statt. Gruppenführungen ab zehn Personen können im Museum, Telefon 0 77 24 8 59 91 38 angemeldet werden.