Nicht an jedem Ort kann eine evangelische Kirchengemeinde mit einem Besuchsdienst aufwarten. In St. Georgen ist diese ehrenamtliche Tätigkeit auf viele Schultern verteilt. Gemeindeglieder ab dem 75. Geburtstag werden in die Reihen der zu Besuchenden aufgenommen. In jedem Quartal werden in der Lorenz- und Johannesgemeinde bis zu 250 Gemeindeglieder besucht. Die dafür notwendige Datei wird von Gemeindesekretärin Sonja Weißer für die Lorenz- und Johannesgemeinde verwaltet. Von ihr war zu erfahren, dass der Besuchsdienst 1975 gegründet wurde. Zu der Zeit gab es in St. Georgen die West- und Ostpfarrei, heute sind beide Pfarreien in der Lorenz- und Johannesgemeinde aufgegangen.

  • Idee hinter dem Dienst: Hinter dem Besuchsdienst stehe die Idee, dass die Gemeindeglieder spüren, dass wir alle zusammengehören, erklärt Pfarrerin Susanne Fritsch. So sind es nicht nur die Pfarrer, welche sich kümmern, was umfänglich eine kaum lösbare Aufgabe wäre. Es soll jedem Gemeindeglied vermittelt werden, wie wichtig es für die Kirchengemeinde ist. Um den Besuchsdienst aufrecht zu halten, sind im Stadtbezirk 28 ehrenamtliche Helfer, darunter vier Männer, das Jahr über im Einsatz. Seit sieben Jahren ist Ursula Jehle ehrenamtlich und unermüdlich im Besuchsdienst tätig. Als ihr Mann verstarb, suchte sie sich gerade im richtigen Moment eine Aufgabe, in die sie sich einbringen kann. Für Ursula Jehle hat diese Aufgabe auch etwas mit Berufung zu tun. Selbst ist sie kontaktfreudig. Sie kann umgekehrt auch auf die zu Besuchenden eingehen, was ihrer Aufgabe entgegenkommt.
  • Ein bewegtes Leben: Heute besucht Ursula Jehle Mathias Lauble in derselben Straße in der sie wohnt. Mathias Lauble hat als 89-jähriger ein bewegtes Leben hinter sich. Er wohnte in Peterzell und als seine Frau und der Sohn verstarben, zog er nach St. Georgen in den Beifang. Seit November 2017 wohnt er nun hier. Für Ursula Jehle ist es der erste Besuch bei Mathias Lauble. Und ganz schnell wird klar, beide verstehen sich prächtig. Lauble sagt auch, "auf den Besuch freue ich mich." Mit seiner Lebensgefährtin Doris Haas-Schlegel und Ursula Jehle sitzen alle Beteiligten auf der Veranda. Neben dem obligatorischen Büchlein an die Jubilare brachte Besucherin Jehle einen Blumenstrauß aus dem eigenen Garten mit. Mathias Lauble dankte sichtlich beeindruckt für die Blumen. Somit waren eventuelle Hürden nicht mehr vorhanden. Nun begann ein intensives, für alle Beteiligten ein kurzweiliges Gespräch mit dem Austausch von Erinnerungen. Ursula Jehle fragt, ob sie einen Text von Hanns Dieter Hüsch vorlesen darf und sie durfte. Hüsch gilt in Fachkreisen als Gläubiger, der sich als Protestant auch mit der Kirche befasste. Lauble wartete gespannt und aufmerksam was Ursula Jehle vorlas. Und schon war neuer Gesprächsstoff vorhanden. So berichtet Mathias Lauble aus seiner Jugendzeit und dem Mitarbeiten der elterlichen Landwirtschaft. Vieles gab es aus der Zeit als Berufstätiger zu berichten. Für den Besuchten war es selbstverständlich, sonntags in den Gottesdienst zu gehen. "Dazu bin ich erzogen worden."
  • Eine wichtige Geste: Dass er nun Besuch bekomme, war für ihn ein "Aha-Erlebnis", mit dem er nicht gerechnet hat. Diese Geste findet er überaus wichtig. Ursula Jehle sagt: "Ich habe eine große Familie, bin heute allein und kann mich nicht ins Schneckenhaus zurückziehen." Dazu habe ich aus christlicher Überzeugung den Besuchsdienst übernommen und brauche auch Menschen um mich herum. Doch gibt es auch Menschen welche den Besuch ablehnen, sagt Ursula Jehle.