Junge Leute spielen Schlagzeug oder hängen sich die E-Gitarre um. Ihnen haben es Orgel und Cembalo angetan, Sie fühlen sich in der Kammer- und Kirchenmusik zu Hause. Woher kommt das?

Da ist ein bisschen mein familiärer Hintergrund schuld. Mein Großvater war Zöllner, hat aber als Tenor Werke wie Bach’s Matthäuspassion und Ähnliches öffentlich gesungen. Musiziert wurde zuhause über die Generationen weg, auch wenn meine Eltern keinen musischen Hintergrund haben. Ich bin eigentlich der erste mit studiertem musischem Hintergrund.

Wann hat bei Ihnen die instrumentale Ausbildung begonnen?

Mit Klavier habe ich schon mit drei angefangen. Zur Orgel bin ich mit 14 gekommen. In meiner Schule gab es einen Organisten, der Abitur machte. Da lag es nahe, dass dort etwas nachwächst. Die Aufforderung von Lehrern, Orgel zu lernen, traf da auf einen Traum. Auch Cembalo habe ich zur Schulzeit angefangen. Und mit Mathematik habe ich mich damals schon befasst.

Welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Leben?

Das ist eine schwierige Frage. Einerseits ist es der Beruf, andererseits ist die Musik doch eine der schönsten Sachen, die wir haben. Musik kann einen einfach direkt ansprechen. Man kann so viel damit bewirken, man erreicht auch ganz viele Menschen. Und über den emotionalen Bezug machen sich die Theoretiker eh seit Jahrhunderten Gedanken. Musik kann so tief berühren. Nehmen wir Bach oder Mendelssohn. Das ist so großartige Musik, da kann man sich eigentlich nur vor verneigen.

Gab es mal Überlegungen in Richtung eines anderen Berufsweges?

Natürlich. Ich habe Mathematik studiert und auch überlegt, in diese Richtung zu gehen. Doch jetzt bin ich als Kirchenmusiker sehr glücklich. Man hat viele Freiheiten, ich kann das machen, was mir Spaß macht. Mathematik ist als Wissenschaft unglaublich interessant, aber die Aussicht danach im Beruf bei einer Versicherung Prämien zu kalkulieren, hat mich aber nicht so gereizt. Bei der Musik studiert man etwas und macht danach genau das, was man studiert hat.

Bald zwei Jahre nach dem Tod von Helmut Franke füllen Sie diese Stelle aus. Was ist Ihr Rezept: dieses Werk fortsetzen, oder eher eigene Akzente setzen?

Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen, weil ich mich auch noch nicht damit beschäftigt habe, was Helmut Franke alles bewirkt hat. Ich spüre schon, dass er ein großartiger Musiker gewesen ist. Auf meine Weise werde ich manches neu setzen und vieles von ihm übernehmen. Unglaublich froh bin ich über die Orgelmusiken zur Marktzeit zuletzt. Dass Orgelkonzerte so gut besucht sind, ist eine Seltenheit. Die Menschen haben Hunger und Durst nach Kultur. Und wenn die Kultur hier nicht so breit gesät ist, gibt das einem gute Chancen, die Musik voranzubringen.

Wo knüpfen Sie an bestehenden Beteiligungskonzepten an, wo wollen Sie etwas Neues auf den Weg bringen?

Ich möchte einen Jugendchor gründen. Mal schauen, ob sich da was entwickeln kann. In drei Wochen soll es im Gemeindehaus der Lorenzkirche losgehen. Ich bin gut ausgebildet und kann mit Jugendlichen jeder Art arbeiten. Dann sehen wir auch, wie die Motivation der Jugendlichen ist. Ich möchte ihnen nichts aufdrücken sondern sie abholen und in die richtige Richtung bringen. Generell möchte zudem mehr Konzerte auf ein jüngeres Publikum ausrichten. Auch Kinderkonzerte, um der jungen Generation diese großartige Kultur vermitteln zu können. Da möchte ich Angebote schaffen. Man muss sich reinschaffen. Musik kann anstrengend und komplex sein. Aber wenn man das überwunden hat, ist das großartig.

Welche Impulse geben Sie der Musik im Gottesdienst?

Im Gottesdienst ist der liturgische Bezug sehr wichtig. Die Musik ordnet sich dem Thema unter und kann sich dabei entfalten. Ich möchte die Leute im Gottesdienst packen. Ich improvisiere viel. Mit diesem modernen Stil spreche ich die verschiedensten Menschen an – und sie mich.

Eines Ihrer Ziele ist es neue, jüngere Mitglieder der Kantorei zu gewinnen. Wie möchten Sie das bewerkstelligen?

Das ist die Königsfrage. Das Nachwuchsproblem haben wir landauf und landab. Man muss eine gute Arbeit machen, die Proben müssen Spaß machen, die Konzerte müssen abwechslungsreich sein. Das Chorsingen hat als Freizeitvergnügen Konkurrenz, die es früher nicht hatte. Ich habe Ideen, wie man Menschen einlädt, die bisher nicht viel mit Singen zu tun hatten. Aber das braucht viel Vorbereitungszeit. Vielleicht machen wir einen Chor auf mit Leuten, ‚die nicht singen können‘. In Stuttgart gibt es das.

Inwieweit spüren Sie schon, dass Ihr Engagement innerhalb der Kirchengemeinde mitgetragen wird?

Das spüre ich schon von vielen Seiten. Ich erlebe viele Menschen, die sich wahnsinnig freuen, dass jetzt wieder ein Kantor da ist. Es ist eben auch ein großer Unterschied, was ich als Profi bieten kann gegenüber einem, der das nebenamtlich macht. Da habe ich enormen Respekt, die machen das richtig gut. Aber es erfordert einfach ein Studium und lange Beschäftigung mit einer Sache. Ich halte das für ganz wichtig, dass Kirche Kirchenmusik auch auf dieser Qualitätsstufe anbietet.

Sie stammen aus Hamburg. Was kann ein Hanseat als positiven Einfluss nach St. Georgen mitbringen?

Hanseaten haben etwa Offenes, Weltoffenes. Davon möchte ich zeugen. Davon zeugt auch meine Musik, die sich an viele Stile anlehnt. Davon profitieren viele, denn das Offene schlummert doch in jedem.

Was vermissen Sie aus dem Norden?

Die Nähe des Meeres und die frische Brise, die manchmal herrscht. (überlegt einen Moment) Da kann ich gar nicht mehr sagen. Ich lebe ja schon lange im Süden und im Schwarzwald, weil ich gerne wandern gehe und die Natur sehr mag.

Sie sind Kantor, musizieren im Ensemble con diletto und leiten in Allmendshofen den Männer- und den gemischten Chor. Haben Sie noch Zeit für Dinge außerhalb der Musik?

Sicherlich. Die muss man sich nehmen. Man muss arbeiten, aber auch entspannen können. Sonst könnte ich meinen Dienst gar nicht verrichten. Ich wandere gerne, sitze auch entspannt zuhause und baue gerade mein Haus um. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man trotzdem ausgeruht ist, wenn man seine Aufgaben gut vermischt.

Fragen: Jens Wursthorn

Zur Person

Jochen Kiene, Kantor der evangelischen Kirchengemeinde St.Georgen-Tennenbronn ist noch 26 Jahre alt. Er stammt aus Hamburg, sein Vater war Sonderschulleiter, seine Mutter ist Mietrechtsjuristin. Kiene hat in Freiburg 2009 bis 2013 ein Lehramtsstudium Mathematik absolviert. In Trossingen studierte er 2011 bis 2017. Den Studiengang Kirchenmusik hat er abgeschlossen, der Abschluss Schulmusik steht Anfang 2018 an. (wur)