Die Bergstadt St. Georgen, Mitte Februar. Auf den Tannen rund um die Bergstadt liegt das weiße Schneekleid des Winters. Nur vereinzelt eilen ein paar Menschen, vor allem Senioren, über den Marktplatz. Sie sind trotz fortgeschrittenen Alters schwer beschäftigt, oder tun zumindest so, als ob. Angesprochen werden möchte fast niemand. Dabei gibt es bei allen „Oldies“ großen Redebedarf. Es brodelt in den Menschen. In St. Georgen droht, etwas verloren zu gehen. Nichts materiell Wertvolles, sondern etwas Diffuses, Ungreifbares – und dennoch etwas von großem Wert: die Heimat.

Was ist das eigentlich, Heimat?

Interessanterweise wird der Begriff „Heimat“ von jeder Person anders interpretiert, kaum ein Wort wird öfter für politische Zwecke missbraucht. Der Duden definiert das Wort „Heimat“ nüchtern als „Land, Landesteil oder Ort, in dem man geboren und aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt.“

Ein St. Georgener Urgestein bringt es auf den Punkt: „Hier bin ich geboren, hier lebe ich, hier fühle ich mich wohl.“ Allerdings fügt er an: „Unsere Stadt hat sich in den letzten Jahren zum Schlechteren entwickelt.“ Dass die Heimat sich nicht mehr so anfühle wie früher habe viel mit dem Nachwuchs zu tun: „Viele Junge gehen fort zum Arbeiten und Studieren, die Alten bleiben da“, resümiert der Senior. Woran das liege, könne er nicht sagen.

Wie passt das zu einer Gemeinde, die sich „sonnige Bergstadt“ nennt und mit Lebensqualität für sich wirbt? Woran könnte es liegen, dass Menschen unter 30 nach Hamburg oder München ziehen – und dann dort bleiben? Wahr ist, dass die Bergstadt vor allem für junge Akademiker relativ unattraktiv ist. Der demografische Wandel macht sich inzwischen deutlich bemerkbar, nicht nur auf dem Marktplatz. Das hat Auswirkungen auf viele Bereiche des Lebens.

Verfall und Veränderung

Da steht ein Haus in der Stadt und soll weg. Die olivgrüne Verkleidung ist schon lange nicht mehr ansehnlich. Die Kommune hat das "Torwartshäusle" gekauft und es so lange dem Verfall preisgegeben, bis auch der letzte Passant sieht, dass das Häuschen weichen muss. Nun soll es weg, so der Konsens von Stadt und Investoren des benachbarten Medizinisch-Therapeutischen-Zentrums (MTZ). Dabei ist das Torwartshäusle seit 1790 ein Teil unserer Stadt, unserer Heimat. Ersetzt werden soll es durch: nichts.

Anstelle eines uralten Häuschens, für das man sicher einen schönen Zweck gefunden hätte, wenn man sich nur ein wenig angestrengt hätte, kommt nun eine „attraktive Freifläche“. Wie kann man nur auf die Idee kommen, dass ein weiterer Platz die Innenstadt beleben wird? Womit? Mooskulturen? Mit dem Torwartshäusle verschwindet ein weiteres Stück Heimat aus der St.Georgener Innenstadt. Dasselbe gilt für das Bausch’sche Haus neben der Post. Wenn dereinst alle alten Häuser abgerissen und durch graue Stahlbetonquader und tote Flächen ersetzt sind, dann ist zwar alles neu, aber ohne Charakter, eine Stadt ohne Gesicht.

Moderne Architektur funktioniert bei großen Bauten. Sie funktioniert fast nie in einer Stadt wie St. Georgen. Das sieht man am Rathaus, am ehemaligen „Brigau“, das sieht man an der Post. Und man wird es am MTZ sehen. Nicht heute, aber in 30 Jahren. Dann ist es ein weiterer Klotz aus Stein und Glas, so anonym und grau wie die Anzüge jener, die sich solche Gebäude ausdenken. Gebaut wird heutzutage nur noch mit dem Horizont einer Generation.

Hochgeklappte Gehwege

Wie traurig ist auch der Blick in die viele leeren Schaufenster früherer Geschäfte, verdrängt durch die Geiz-ist-geil-Mentalität der Bevölkerung. Der Leerstand vieler Geschäfte wird oft nur dadurch übertüncht, dass die Schaufenster mit einer Kunstausstellung gefüllt werden. Lebendig sind diese Schaufenster trotzdem nicht mehr.

Dasselbe gilt für das kulturelle Angebot. Junge Leute stellen seit Langem nachvollziehbare Fragen: Warum ist das Stadtfest jedes Jahr dasselbe vorhersagbare Einerlei? Warum zählt der St. Georgener Weihnachtsmarkt zu den lieblosesten Weihnachtsmärkten im weiten Umkreis? Und wenn einmal von Ehrenamtlichen am Rondell mit viel Herzblut ein Fest für junge Skater organisiert wird, dann bitte nur bis 22 Uhr, wegen der Nachtruhe. Mit demselben Argument wurde die Luft schon aus dem Seenachtsfest gelassen. Als ob Musik an ein paar lauen Sommernächten am Wochenende stört. Lasst die Jugend feiern! Warum sonst gibt es das geflügelte Wort der hochgeklappten Gehwege? Diese Erlebnisse prägen das miesepetrige Bild, das die Stadt bei den jungen Leuten hinterlässt.

Wo sollen die jungen Leute auch hin? Das gastronomische Angebot in St. Georgen ist für Leute unter 30 wenig attraktiv. Es fehlen attraktive Angebote jenseits von Schnitzel, Döner und Pizza. Selbst Vermieter von Ferienwohnungen kommen in Bedrängnis, wenn Gäste nach einem guten Restaurant oder einer schicken Bar fragen. Natürlich kann man von einer Kleinstadt kein pulsierendes Nachtleben erwarten. Aber ein paar gute Adressen und innovative Konzepte sollten sich schon finden.

Heimat und Umwelt

Der Klosterweiher ist das unbestrittene Juwel des kurzen St. Georgener Sommers. Generationen von Bergstädtern pilgern seit jeher an den Weiher. Umso unverständlicher ist der Zustand, in dem sich das Strandbad und das Gewässer befinden. Wurde der Weiher bis in die Siebzigerjahre noch regelmäßig ausgebaggert und vom Schlamm befreit, so ist er heute kaum mehr als zwei Meter tief, mehr Sumpf als See. Der Sprungturm ist wegen der geringen Wassertiefe und seiner Baufälligkeit nicht mehr in Betrieb und überragt die Tische des Seehauses wie ein Mahnmal. Auch der Zustand des betonierten Badeabschnitts, dessen Ufermauer seit 2017 mit Betonstützen gesichert werden muss, kann nur als desolat beschrieben werden. Da helfen auch die sanierten Duschen und das Heer an bunten Spielgeräten nicht weiter. Der Klosterweiher hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass er ein Naturschwimmbad war, kein zum Spieleland hochgerüsteter Spaßbadersatz.

Ein weiterer Punkt, der vielen Naturliebhabern sauer aufstößt, ist der systematische Ausbau der Windenergie. Kaum ein Schwarzwald-Panorama ist mittlerweile nicht durch ein Windrad verschandelt worden, von denen manche ihre Rotoren fast 250 Meter in die Luft strecken. Dem Schwarzwald droht mittlerweile dasselbe Schicksal wie dem Hunsrück oder weiten Teilen Ostdeutschlands. Hier wird ein einzigartiger und schöner Naturraum von der Energiewirtschaft unter einem grünen Deckmäntelchen durchindustrialisiert. Zurück bleibt am Ende eine Landschaft, die dem Menschen keine Ruhe mehr lässt. Tagsüber das Drehen der Rotoren, nachts das permanente Aufblitzen der roten Blinklichter. Mit Umweltschutz hat das nichts zu tun. Hinzu kommt der auch bei uns stetig anwachsende Individualverkehr. Wo vor zwanzig Jahren noch Schülergrüppchen von der Seebauernhöhe zum Bildungszentrum gelaufen sind, wird der Nachwuchs heutzutage bis vor das Schultor gefahren. Auch für kurze Einkäufe in der Stadt wird oft das Auto genutzt.

Die Gesellschaft muss sich ändern

Ein Punkt bewegt vor allem die Senioren ganz besonders: Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist nicht mehr so, wie er früher einmal war. Aus Zusammenhalt ist oftmals nur noch ein desinteressiertes Nebeneinander geworden. Nachbarn laufen aneinander vorbei, ohne sich zu grüßen. Der Schnee wird nur vor der eigenen Haustür geschippt. Vielen Vereinen fehlt Nachwuchs, viele kämpfen mit der Suche nach Freiwilligen. Fußballtrainer beklagen, dass Eltern zwar kommen und ihre Kinder anfeuern, aber nicht mehr ehrenamtlich am Kiosk Spezis verkaufen und Würstchen braten wollen.

Das sei früher anders gewesen, erinnert sich die weißhaarige Generation. Man habe sich gegrüßt, gekannt und einander geholfen. Daraus entstand das Gefühl von Heimat: Geborgenheit, Sicherheit und Wärme. Dadurch, dass die Jungen ihrer Heimat den Rücken kehren, geht all das immer mehr verloren.

Von der Politik vergessen

Und die Politik? Bisweilen haben viele Menschen den Eindruck, vor allem in Berlin nicht mehr gehört zu werden. Die hohe Zahl an AfD-Wählern spiegelt dieses Gefühl wieder. Es hilft nicht, diese Menschen in die rechtspopulistische Ecke zu stellen. Diese Protestwähler wollen ernstgenommen werden. Sie wollen, dass die Politik ihnen zuhört. Sie sehen das Potenzial ihrer Heimat und wollen, dass die Volksvertreter diese Möglichkeiten aktiv gestalten. St. Georgen konkurriert heute nicht nur mit Villingen, sondern auch mit den Metropolen. Bisher klappt das nur mäßig. Das beste Beispiel ist der von der Wirtschaft sehnlichst herbeigewünschte Ausbau der B 523. Wie kann es sein, dass einem simplen Autobahnzubringer netto fast ein halbes Jahrhundert Planung vorausgeht?

In einem Punkt sind sich die meist älteren Menschen einig: Damit die Stadt eine Zukunft hat, müssen die jungen Leute wieder für ihre Heimat begeistert werden. Jene, die nach der Schule fortziehen, eine exzellente Ausbildung genießen, aber dann in den großen Metropolen bleiben, um in anonymen Bürogebäuden hochkomplexe und hoch bezahlte Jobs zu verrichten. Diese Menschen fehlen ihrer Heimat. Im Rathaus wird derweil viel getan, damit die Stadt attraktiv bleibt. Für mehr reicht das Geld einfach nicht aus.

Stadt reizt ihr Potenzial nicht aus

Aber es ist bei weitem auch nicht alles trist. Vor allem für junge Familien bietet die Stadt ein großes Angebot. Die Wirtschaft ist bärenstark, Arbeitslosigkeit gibt es praktisch nicht. Unsere Schulen sind gut und bereiten die nächste Generation auf den oft überstrapazierten „Ernst des Lebens“ vor. Die Jugendmusikschule sorgt für die kulturelle Bildung, die Volkshochschule für Sprachkompetenz und Bewegung. Die Bergstadt leistet sich den Luxus eines Hallenbades und das Sportangebot sucht seinesgleichen. Auch die vielen Vereine tragen dazu bei, dass St. Georgen ein lebenswerter Ort bleibt.

Dennoch fehlt unserer Stadt mehr denn je eine quirlige Atmosphäre, die der Jugend zeigt, dass es sich lohnt zu bleiben, dass sie erwünscht und gebraucht sind. Hier reizt die Stadt ihre Möglichkeiten nicht aus. Denn dazu gehört kein fescher Marketing-Spruch, der das Schwarzwaldwetter arg strapaziert. Dazu gehören vor allem Läden, dazu gehört Kultur, dazu gehört auch eine optisch attraktive Stadt. Dazu gehören aber auch Menschen, die bereit sind, die Stadt mit Leben zu füllen. Und das ist der eigentliche Kern des Problems: Wenn wir nur noch nebeneinander und nicht mehr miteinander leben, dann geht die Heimat flöten.

Und was meinen Sie?

Dieses Essay ist als Diskussionsanstoß gedacht. Unser Autor Kevin Rodgers stammt aus St. Georgen, ist 26 Jahre alt, hier aufgewachsen und zählt zu jenen, die nach der Schule fortgegangen sind, studiert haben und trotzdem wiedergekommen sind. In diesen Jahren hat er die Stricke nie ganz durchtrennt und weiß deshalb, was die Generation seiner Großeltern bedrückt und seiner eigenen fehlt. Sind Sie derselben oder anderer Meinung?

Jetzt sind Sie am Zug. Ihre Meinung interessiert uns! Schreiben Sie uns, egal ob auf Papier, per Mail oder in den sozialen Medien. Oder rufen Sie uns an! Was bedeutet Heimat für Sie, welchen Punkt haben Sie vermisst, gibt es noch weitere wichtige und bisher nicht berücksichtigte Gesichtspunkte? Wie erleben Sie die Entwicklung ihrer Heimatstadt?

Wir sammeln Ihre Beiträge und veröffentlichen Ihre Stimmen hier an dieser Stelle. Sie erreichen uns am schnellsten per Mail: st-georgen.redaktion@suedkurier.de oder an kevin.rodgers@suedkurier.de .

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