Das Märchenland für Kinder hat einen fundamentalen Bedeutungswandel erlebt. Im Gebäude Gerwigstraße 12 bedient heute das Bestattungsinstitut H.Günther ganz irdische Bedürfnisse. Doch ganze Generationen von St. Georgenern erinnern sich an den Spielzeugladen im Erdgeschoss des Hauses. Der befand sich schon seit 1927 an dieser Stelle. Das Haus hatte zuvor der Sattlermeister Andreas Burgbacher erworben. Viele Jahre stand es frei ohne Nachbarhaus. Von beiden Seiten konnte man zur Sattlerwerkstatt im hinterm Haus gehen.

Persönliche Erinnerungen reichen bis in die frühen 1950er Jahre zurück: jene Zeit, als die Bevölkerung, dem Nachkriegs-Überlebenskampf entronnen, den Blick frei bekam für schöne Dinge: etwa Spielzeug für die Kinder. "Für die Jungen war das mechanisches Spielzeug. Metallbaukästen, aber auch Dampfmaschinen", weiß Helga Günther aus den Erzählungen der Tante ihres Mannes. Olga Heinzmann, heute fast 90 Jahre alt, ist die Schwester von Anna Günther. Diese wiederum war die Mutter von Helga Günthers verstorbenden Mann Hans und die Tochter des oben erwähnten Sattlermeisters. Für Mädchen gab es die ersten Puppenküchen mit Esbit-Kocher und Zelluloid-Puppen: sehr empfindliche Kostbarkeiten, eher zum Anschauen als zum Bespielen. Und weil dann doch schnell mal was kaputt ging, habe ihre Schwiegermutter viele Jahre selbst Puppen repariert, so Helga Günther.

Sie selbst kennt den Laden seit 1967, als sie nach St. Georgen kam. Das Ambiente entsprach zu dieser Zeit noch dem der Wirtschaftswunderjahre. "Das war kein großflächiger Laden, sondern drei separate Räume", so die Bestattungsunternehmerin. In diesen Zimmern waren die Spielsachen arrangiert, im dritten befand sich zusätzlich ein Ladentisch mit Kasse und in einer Ecke ein Ölofen. "Im Winter hatten wir da zwei verschiedene Temperaturzonen", lacht Helga Günther.

Den kleinen und großen Kunden war das egal. Gerade vor Weihnachten stauten sich die Wünsche an der Kasse und vom Team war Rechenfertigkeit gefragt. "Ob Steckerle oder Puppenküchenmobiliar, alles wurde auf einer Liste notiert und am Ende unterm Strich summiert." Erst die Gesamtsumme wurde dann zur Erstellung einer Rechnung in die Kasse gekurbelt. "Zu Weihnachten halfen alle mit", weiß Helga Günther. In späteren Jahren hatte sie sogar mal zwei ungewöhnliche Helfer. "Eines Sonntags merkte ich, dass vor unserem Schaufenster Leute standen und lachten." Grund der Heiterkeit. Auf dem Märklinzug in der Weihnachtsdekoration fuhren zwei Mäuschen mit.

Mit Spielzeug konnte man damals Geld verdienen. An der Bismarckstraße in Furtwangen eröffnete Spielwaren Günther in den 1970ern eine Filiale, die dort elf Jahre bestand. 1973 wagte Hans Günther am Heimatstandort die große Erweiterung zum Spielwarencenter Günther. 150 Quadratmetern Nutzfläche, 50 laufende Regalmeter und eine großzügige Ausstellungsfläche in den Schaufenstern nannte ein Artikel im SÜDKURIER. Der Umbau ermögliche es dem Inhaber, "das in der Spielwarenbranche erforderliche volle Sortiment in einer übersichtlichen und überschaubaren Weise zu zeigen", hieß es weiter.

Jahre später gefährdeten zwei Entwicklungen die Eigenständigkeit des kleinen Ladens. Zum einen gab es weniger Kinder, zum anderen machten große Spielzeugdiscountern den Günthers die Preise kaputt. "Die verkauften Spielsachen zu dem Preis wie wir sie einkaufen konnten." Das Märchenland für Kinder schloss Mitte der 1990er, die Räumlichkeiten wurden anderweitig vermietet. 2002 starb Hans Günther, der das Bestattungsinstitut parallel zum Spielzeugladen betrieben hatte. Helga Günther übernahm den Service um Tod und Friedhof und holte den Betrieb ins Haus Gerwigstraße 12. Inzwischen gibt es wieder Spielwaren zu kaufen in St. Georgen. 2012 nahm Eduard Henninger eine kleine Spielzeugabteilung in Betrieb.

Damals und heute

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