Als Andreas Hilpert seine Ausbildung zum Maschinenschlosser begann, hat er erst mal ein ganzes Jahr gefräst. Der Umgang mit Holz gehörte zum praktischen Teil der Ausbildung und das Berufschulwissen war in dicken Ordnern niedergeschrieben. Das ist 33 Jahre her. Seit 15 Jahren ist der Azubi von damals Ausbildungsleiter bei J.G. Weisser, einem in sechster Generation geführten Maschinenbauunternehmen. Holz sucht man vergeblich in der Lehrwerkstatt, auf den Tischen stehen auch Laptops, und die Unterrichtsmedien wandern gegenwärtig abschnittsweise auf die 52 iPads, welche die Firma für ihren Firmennachwuchs angeschafft hat.

„Unsere Ausbildung wird gegenwärtig auf den Kopf gestellt“, sagt Hilpert und schaut Natalie Perkuhn über die Schulter. Sie studiert in Furtwangen Gesundheitswissenschaften und digitalisiert in den Semesterferien bei J.G. Weisser frühere Abschlussarbeiten. Sie sind bald Teil eines papierlosen Arbeitens, zu dem Anleitungen, Filme, gekaufte und selbst entwickelte Lernprogramme, aber auch die Azubi-Einsatzpläne für die nächste Woche gehören werden. „Wir haben da noch wenig Erfahrung“, räumt Hilpert ein, geht aber davon aus, dass die intuitive Handhabung bei jungen Leuten ankommt und der Firma hilft, sich von anderen abzuheben.

Offenbar gelingt das. Unter 50 gewerblichen Auszubildenden finden sich seit September sechs Berufsstarterinnen. Zur ungewöhnlichen Quote passt ein ebensolcher Start. In den ersten drei Monaten zieht J.G. Weisser die neuen Azubis aus Gewerbe und kaufmännischem Bereich zusammen. Ein Futterautomat für den Streichelzoo in Kappel ist von Idee über Planung, Materialbeschaffung, Umsetzung und Kontakt mit den Auftraggebern komplett ein – von ein paar älteren Lehrlingen unterstütztes – Anfängerprojekt, das begeistert. „Nur im Team sind wir stark“, hat Manuela Weibert aus dem ersten Lehrjahr für sich erkannt, während Alban Musliu aus dem zweiten Lehrjahr im Projekt viele praktische Tätigkeiten fürs Berufsleben erkennt. „Es ist auch toll, die Kollegen von Marketing und Einkauf kennenzulernen“.

J.G. Weisser liegt hier auf dem richtigen Weg. Dass Teamarbeit künftig noch wichtiger wird, darin sind sich IHK und Handwerkskammer einig. Komplexe Aufgaben ließen sich nur durch das Zusammenspiel verschiedener Fachleute bewältigen, sagt Gotthard Reiner, Präsident der Handwerkskammer Konstanz. Deshalb müsse Ausbildung die jungen Leute befähigen, teamorientiert zu arbeiten, äußert sich Klaus Ringgenburger, Bildungsberater bei der Industrie- und Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg. Dass Azubis in Projektarbeiten über sich hinauswachsen können, weiß der Leiter der Staatlichen Feintechnikschule in Schwenningen, Thomas Ettwein.

Doch passen der heutige Lernmix von Digitalem, Handwerklichem und hausinternem Blick über den Tellerrand zu den Ergebnissen, die sich aus dem enervierenden Üben früherer Tage ergaben? Hilpert bejaht das: „Bohren, Drehen und Fräsen müssen die auch können“. Die Azubis heutzutage begriffen schnell und forderten Infos viel schneller. „Mitunter müssen wir da sofort eine Antwort geben“, war für Hilpert auch ein Schub zur eigenen Beschäftigung mit den neuen Medien.

Hilperts Aussage wird von Ringgenburger zumindest nicht widerlegt. Schaue man auf die Preisträgerstatistik, sei die „Generation 90“ nicht besser oder schlechter als ihre Vorgänger. Allerdings drohe mehr denn je, dass ein Teil der Jugendlichen mangels Ausbildungsfähigkeit dauerhaft abgehängt werden. Notwendig sei eine zielorientierte und kostenintensive Förderung Benachteiligter. Der Kammerpräsidenten macht eine Entfremdung zu handwerklichen Tätigkeiten aus. Wo früher in Elternhäusern mehr gewerkelt und repariert wurde, „bekommen das Kinder und Jugendliche heute nicht mehr automatisch mit“. Umso wichtiger seien Angebote zur Berufsorientierung. Ettwein thematisiert die Stoffauswahl in der Berufsschule: Wie fügt man in drei Jahren hier solide Grundlagen und dort digitialbasierte Technik zu einem machbaren Programm zusammen? „Die jungen Leute sind recht fix in der Anwendung“, doch am Wissen um Zusammenhänge hapere es mitunter, so die Beobachtung des Schulleiters.

Hilpert sieht sich als Coach, der steuert, assistiert und Leitplanken vorgibt. Zwischen diesen müssen sich die Azubis vieles selbst erarbeiten. Selbstständiges, analytisches und kreatives Arbeiten als Berufsfertigkeit sind wichtiger, als dass immer alles sofort hundertprozentig klappt. Und wo in der Whatsapp-Gruppe Projekte durchdacht werden, werden Hierarchien flacher. Gern gesehen wird, dass die Jungen Feedback geben, ohne pauschal zu kritisieren. Auch das sind Fertigkeiten, die bei Weisser im Dialog in der Firma, aber auch, wie etwa beim „Business-Knigge“, mit externen Schulungsbeauftragten eingeübt werden. Der Bedeutungszuwachs von Softskills wie Kommunikations-, Kooperations- und Teamfähigkeit wirkt sich offenbar nicht nur intern und im Kundenkontakt aus, sondern auch in einer Langzeitperspektive. Er freue sich immer wieder, wenn er bei ehemaligen Schülern Jahre später „gestandenen Persönlichkeiten“ gegenüberstehe, sagt Ettwein.

„Respekt haben sie“, lobt Hilpert. Wie früher duzt der Meister und wird selbst mit Sie angesprochen. An anderer Stelle ersetzt Vertrauen Kontrolle. Auf die um 15.30 Uhr stets saubere Werkstatt braucht Hilpert kein Auge mehr werfen. Das erledigt verlässlich ein von den Lehrlingen organisierter Werkstattdienst.

Daniel Nickel (vorne) lernt im vierten Ausbildungsjahr Industriemechaniker. Tobias Förnbacher ist im dritten Jahr Richtung Mechatroniker. Beide bohren Teile für eine neue Brüstung für den Kindergarten St. Benedikt. <em>Bilder: Jens Wursthorn</em>
Daniel Nickel (vorne) lernt im vierten Ausbildungsjahr Industriemechaniker. Tobias Förnbacher ist im dritten Jahr Richtung Mechatroniker. Beide bohren Teile für eine neue Brüstung für den Kindergarten St. Benedikt. Bilder: Jens Wursthorn | Bild: Wursthorn, Jens

 

Zahlen und Fakten zur Ausbildung

  • Was die Bewerber wollen: Die bundesweite Hitliste der zehn beliebtesten Ausbildungsberufe verändert sich seit vielen Jahren nur wenig – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis. Vorneweg sind wieder kaufmännische Berufe. Für diese hatte mehr als ein Viertel der 1213 Bewerber aus dem Landkreis bei der Agentur für Arbeit zwischen Oktober 2016 und August 2017 Interesse angemeldet. Konkret interessierten sich 88 für eine Lehrstelle als Industriekaufmann oder -frau, dann folgen Kaufleute im Einzelhandel (85), Kaufleute Büromanagement (66) und Verkäufer (59). Begehrt sind ferner Ausbildungsplätze als Industriemechaniker (46), Medizinische Fachangestellte (45), Kraftfahrzeugmechatroniker (42), Zerspanungsmechaniker (38), Mechatroniker (37) und Automobilkaufleute (31). Während die 677 jungen Männer mit den Berufsbildern von Industriemechanikern, Kraftfahrzeugmechatronikern, Zerspanungsmechanikern und Mechatronikern auf den ersten vier Plätzen auf meist gut bezahlte Industriearbeitsplätze mit Zukunftspotenzial zielen, wünschen sich die 536 Bewerberinnen vor allem Ausbildungsplätze als Kauffrauen, Medizinische Fachangestellte, Verkäuferin, Friseurin oder Verwaltungsangestellte. Unter ihren beliebtesten zehn Ausbildungsberufen findet sich bei den Frauen kein einziges Berufsbild aus dem Bereich Technik und Industrie.
  • Was Ausbildungsanbieter suchen: Unter 1878 freien Ausbildungsplätzen, die Betriebe und Verwaltungen der Arbeitsagentur im Schwarzwald-Baar-Kreis zwischen Oktober 2016 und August 2017 meldeten, nahmen die kaufmännischen Berufe die drei Spitzenpositionen der zehn am häufigsten angebotenen Ausbildungsgänge ein: Kaufleute im Einzelhandel (117 Stellen), Verkäufer (80) und Industriekaufleute (79). Es folgen Industriemechaniker (62), Uhrmacher (56), Mechatroniker (54), Systemelektroniker (46), Köche (46), Werkzeugmechaniker (45) und Fachkräfte für Lagerlogistik (45).
  • Wie sich der Markt entwickelt: Im Bereich der IHK-Berufe geht die Zahl der registrierten Ausbildungsverträge in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg nach oben: Insgesamt bilden 1410 Betriebe 6873 Lehrlinge aus (Stichtag 31. August), 76 mehr als ein Jahr zuvor. Die meisten neuen Lehrverträge entfallen auf den Schwarzwald-Baar-Kreis, nämlich 956. In den fünf Landkreisen der Handwerkskammer bilden derzeit 2070 Betrieb 4413 Lehrlinge aus, davon sind 1634 Ausbildungsverträge neu, von denen 315 auf den Kreis entfallen (Stichtag 31. August). Die Handwerkszahlen sind im Vorjahresvergleich stabil. (jdr)