Anvisieren. Zielen. Werfen. Über zehn Jahre haben diese drei Momente das Leben von Jose Luis Rodriguez, 48 Jahre alt, geprägt. Er ist als Profi-Dartspieler durch die ganze Welt gereist. Er hat in Europa, den USA, Japan und Hongkong gespielt. Er war mehrfach Weltmeister und Europameister auf der elektronischen Dartscheibe. Sogar einen Weltrekord im Guinness-Buch der Rekorde hat er im Jahr 2001 gehalten. 701 Punkte in rund 50 Sekunden. Mittlerweile liegt die Zeit hinter ihm, die St. Georgener haben ihn vor allem als Gastronomen kennengelernt. Doch jetzt, wo in der kommenden Woche die Darts-WM beginnt und einer seiner besten Freunde mitspielt, ist er ein bisschen wehmütig. Er denkt gerne an diese Zeit zurück.

Er wurde "El Torro" genannt

Im Hauptraum seines Lokals, dem Wintergarten auf der Seebauernhöhe, steht die elektronische Dartscheibe leicht angestaubt und zugestellt in der Ecke. Sie fällt kaum ins Auge. Sie steht dort, so wie sie in fast jeder Kneipe steht. Ab und an wirft einer der Gäste mehr schlecht als recht in Richtung der Scheibe. So wie in jeder anderen Kneipe. Und so, wie es damals auch bei Jose Luis Rodriguez angefangen hat. Einfach mal mitspielen, ein paar Pfeile werfen. Und im besten Fall treffen. Der Unterschied: Rodriguez traf öfter, als die anderen. Er hatte Talent und Ehrgeiz.

Bild: Ganter, Patrick

Das hat ihn weit gebracht. Seine Art, zu spielen, brachte ihm den Spitznamen "El Torro", der Stier, ein. "Ich habe immer aggressiv gespielt und war sehr ehrgeizig, deshalb wurde ich so genannt", sagt Rodriguez. Sein Sponsor hat mit diesem Spitznamen und einem Bild des Ex-Spielers sogar eine eigene Dartpfeil-Kollektion herausgegeben – die Jose-Luis-Rodriguez-Pfeile. Zwei Packungen hängen als Andenken im Nebenzimmer des Wintergartens.

Bild: Ganter, Patrick

Erinnerungsfoto mit Phil Taylor

In diesem Raum wird klarer, was Jose Luis Rodriguez früher gemacht hat. Gut ein Duzend Trophäen hat er auf einem Bretterregal aufgereiht. Darunter hängt ein Bild von ihm mit alten Weggefährten. Auch ein Erinnerungsfoto mit Phil Taylor ist dabei. Taylor ist als erfolgreichster Spieler aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. Im vergangenen Jahr hat er seine Karriere beendet. Es ist keine Aufnahme, die an ein Fan-Foto erinnert. Rodriguez und Taylor schauen Arm in Arm in die Kamera, auf Augenhöhe. Zwei echte Profis. Wo Rodriguez leistungsmäßig neben der Ikone des Sports einzuordnen war? "Ich war nicht weit weg von Phil Taylor", sagt der Schwabe mit spanischen Wurzeln.

Bild: Ganter, Patrick

Viel wichtiger als das Bild mit Phil Taylor ist für Rodriguez aber die Zeit, die er mit dem Österreicher Mensur Suljovic verbracht hat. Mit dem Mann, der in der Weltrangliste auf Platz sieben steht und ab Donnerstag bei der Weltmeisterschaft in London antritt, hat er rund zehn Jahre im Doppel gespielt. Gemeinsam sind sie um die Welt gereist.

"Mensur ist bis heute ein sehr guter Freund von mir und wie ein Bruder für mich", sagt Rodriguez. Auch im Wintergarten ist der Mann aus der schillernden Darts-Welt schon zu Besuch gewesen. Früher sind sie oft gereist, bewusst zu Turnieren, bei denen es ein kleines Preisgeld gab. Reich geworden ist er davon nicht, so schillernd wie heute war die Darts-Welt nicht immer. Sein Freund, Mensur Suljovic, hat mittlerweile Preisgelder in Millionenhöhe abgesahnt. Damals, als sie noch Doppel spielten, ging es vorranging um den Spaß und um den Ehrgeiz. Denn ohne den könne man nichts gewinnen.

Wenn also am Donnerstag die Darts-WM beginnt, dann wird auch Jose Luis Rodriguez dabei sein. Nicht live, aber der Fernseher ist eingeschalten. Anvisieren. Zielen. Werfen. Und bei seinem Freund Mensur hofft er besonders auf den Treffer ins Schwarze.