Herr Lauffer, wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Ich bin sehr zufrieden. Ich hatte zwar vor einigen Jahren einen Herzinfarkt, den ich zunächst gar nicht bemerkt habe. Seither pflege ich eine ständige Überwachung und nehme blutdrucksenkende Mittel. Auch hier geht’s noch einigermaßen (deutet auf den Kopf). Zudem habe ich gute Gene. Meine Mutter ist über hundert Jahre alt geworden. Sie hat mir eine strikte Empfehlung mitgegeben und abends kontrolliert: zwei Äpfel pro Tag, das halte ich bis heute eisern durch.

Was tun Sie sonst noch, um ihre Gesundheit zu erhalten?

Sport habe ich nie allzu viel getrieben. Aber mein Arzt hat mir empfohlen, viel zu Fuß zu gehen. Und wenn ich etwas in der Stadt zu tun habe, dann mache ich das zu Fuß. Morgens, nach dem Aufstehen, folgen einige gymnastische Übungen.

Auf was muss man mit 90 Jahren einfach verzichten?

Große und längere Reisen mache ich nicht mehr. Im vergangenen Herbst waren wir in Hamburg. Ich wollte unbedingt die Elbphilharmonie sehen. Aber mit Konzert! Wir haben Mahler gehört. Jetzt mache ich noch kleine Reisen. Zügig laufen macht mir nichts aus, aber das schrittweise Gehen und wieder Stehen, diese „Deppelei“, das macht mich fertig, da mach‘ ich nicht mehr mit.

Mit welcher Gefühlslage gehen Sie in den 90. Geburtstag?

Es ist Dankbarkeit und Zufriedenheit. Ich habe keine Probleme. Die Familie stimmt, mit meiner Frau durfte ich im vergangenen Jahr die Diamantene Hochzeit feiern. Die Kinder sind alle was geworden, die Enkel auch. Ich darf zufrieden sein. Das gilt auch für das Berufsleben.

Wie kamen Sie eigentlich nach St. Georgen?

Ich war mit der Richtertätigkeit nicht so zufrieden. Bei diesem Beruf bekommt man immer nur die negativen Seiten des Lebens mit. Dann habe ich gesagt, ich probier’s. Als ich mich beim damaligen Justizminister verabschiedet habe, sagte er, ‚wir nehmen Sie jederzeit in ihren alten Beruf zurück, wenn Sie mit dem neuen Beruf nicht klarkommen‘. Das gab eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit in der Tätigkeit hier.

Wann waren Sie sich sicher, dass Sie diese Rückfahrkarte nicht benötigen werden?

Es gab eine Situation, als ich kurz davor stand. Es ging um die Entscheidung zur Stadtkernsanierung. Wir absolvierten einen Wettbewerb. Den ersten Rang hatte der maßgebliche Stadtplaner des Freiburger Wiederaufbaus gewonnen. Auf dem zweiten Rang lag eine Architektengemeinschaft aus St. Georgen. Im Gemeinderat stellte sich die „Junge Aktion“ um Dieter Grässlin gegen den ersten Preis und erreichte einen knappe Mehrheit gegen meinen Willen für die Träger des zweiten Preises. Der Entwurf des ersten Preisträgers hätte eine würdige und angepasste Bebauung ergeben. Dies damalige Verhalten einer Mehrheit des Gemeinderats habe ich nicht für richtig gehalten. Mancher des Gremiums wünschte sich, dass der Lauffer ihm aus der Hand frisst. Das hat er aber nicht getan. Ich habe es schließlich überstanden und bin geblieben. Dieter Grässlin hat mir später Recht gegeben und hat mit seiner „Jungen Aktion“ nicht mehr kandidiert.

Was war denn vor 50 Jahren Ihr erster Eindruck von St. Georgen?

Mir war St. Georgen bekannt. Ich war ja häufig nach dort gekommen. Der Stadtkern von St. Georgen hatte damals eher einen dörflichen Charakter. Die Bevölkerungsstruktur von Schwenningen unterschied sich nicht sehr von der von St. Georgen. Vorwiegend Industrie, württembergisch und überwiegend protestantisch.

Wie feiern Sie und Ihre Frau den 90. Geburtstag?

Natürlich habe ich meine engste Familie zum gemeinsamen Feiern eingeladen. Das war schon vor dem Vorschlag des Bürgermeisters einen Empfang der Stadt zu geben. Da habe ich gesagt, um halb eins muss da Schluss sein! (lacht). Den Rest des Tages verbringe ich mit der Familie. Kinder, Enkel und Urenkel sind eingeladen.

Ursprünglich wollten Sie ja Medizin studieren?

Ja. Als ich 1948 das Abitur gemacht habe, bin ich mit dem Fahrrad nach Tübingen gefahren und habe mich über das Medizinstudium erkundigt, und fuhr abends zurück. Das Gleiche passierte in Freiburg. Ich bekam auch dort keine sofortige Zusage. Da entschied ich mich für Jura. Da hätte ich die Möglichkeit gehabt, zu wechseln. Aber es hat mir Spaß gemacht, ich bin dabei geblieben und habe das nicht bereut.

Zurück ins Jahr 2018. Sind Sie mit den Entwicklungsschritten und dem Entwicklungstempo in der Stadt zufrieden?

Eines der wichtigsten Probleme ist es, die Arbeitsplätze zu sichern. Das macht der jetzige Bürgermeister richtig. Bei der Stadtkernsanierung bin ich nicht mit allem einverstanden. Ich finde, dass die Geschichte schon mit gestern anfängt und nicht mit der Klostergeschichte. Ich bin unzufrieden, dass im Verein für Heimatgeschichte im Wesentlichen nur die Klostergeschichte verfolgt wird und alles andere etwas vernachlässigt wird. Ich war bitterböse, dass man das auch hervorragend architektonisch gestaltete Krankenhaus abgerissen hat. Man hätte das Altenpflegeheim zusammen mit dem evangelischen Hilfsverein dort unterbringen können. Die Abrisskosten und die Unterhaltskosten des lange leerstehenden Gebäudes hätte man vermeiden können, wäre es zu einer Einigung mit der Stadt dahingehend gekommen, dass sich diese mit den diesen Kosten an der Neugestaltung einbringt.

Meinen Sie nicht, dass es ein Bürgermeister heute viel schwerer hat, zu gestalten? Seien es die Finanzen, seien es Auflagen?

Da höre ich ja immer, „der Lauffer hat Geld gehabt wie Dreck“. Nicht ganz wie Dreck, aber erheblich war das; und das aber nur die ersten zwölf Jahre. 1980/81 kamen der Dual-Konkurs und die Probleme in der Uhrenindustrie. Da hatte ich plötzlich die zweiten zwölf Jahre Probleme, wie sie meine Nachfolger nicht gehabt haben. Die hohe Gewerbesteuer war da weg. Wichtig waren in dieser Zeit meine Beziehungen, die ich gepflegt habe. Deshalb habe ich auch viele Nebentätigkeiten aufgenommen. Ich wusste, sie sind wichtig für das Ansehen der Stadt. Oder etwa die Freundschaft mit Erwin Teufel. Er hat mir in vielen Dingen geholfen. Ein Gemauschel gab es aber nie. Auch mit Erwin Teufel gab es einmal Probleme. Das Technologiezentrum wollte er im Oberzentrum haben. Ich habe es für St. Georgen durchgesetzt.

Ein rastlose Arbeitsleben, eine Fülle von Ehrenämter, Familie und Hobbys: Haben Sie ein Rezept für junge Leute, ein solchen Pensum zu schultern?

Das ist heute kaum noch möglich. Ich habe den Eindruck, dass die jetzigen Generationen die persönliche Freiheit und eine angemessene Freizeit höher hält als eine übermäßige berufliche Belastung. Dieser Trend ist meines Erachtens nicht umzukehren.

Es gibt heute auch weit mehr Ablenkung. Welche Rolle spielen Computer und Smartphone?

Ich habe ein ganz schlichtes Handy. Mehr nicht. Ich fange das auch nicht mehr an. Kaum sitzen die Jugendlichen, da bedienen sie diese Dinger. Mein Kinder und Enkel aber nicht. Zumindest, wenn sie bei mir sind. Die Beherrschung des Computers ist heute notwendig.

Welche Ehrenämter üben Sie noch aus, wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ab und zu bin ich noch im Förderverein der Musikschule tätig und als Ehrenvorsitzender im Roten Kreuz. Mit diesen Institutionen bin ich noch sehr verbunden. Ansonsten spiele ich noch häufig Klavier, lese sehr viel und besuche Konzerte. Kleine und kurze Reisen sind bei diesen Aktivitäten hin und wieder auch dabei.

Was machen Sie und Ihre Frau gemeinsam?

Meine Frau ist ziemlich unabhängig. Ich war auch an Wochenenden häufig weg und an meiner Frau lag es, den Haushalt zu führen, die Kinder zu erziehen und mir das Rückgrat zu stärken. Sie hat deshalb eine große Selbstständigkeit benötigt und auch gehabt. Das hat sich bewährt und das spüren wir auch heute noch. So konnte ich auch ohne Probleme die vielen Nebentätigkeiten ausüben, die an mich herangetragen wurden. Meine Frau war auch stets als Ehefrau des Bürgermeisters mit dabei, wenn es geboten war und genießt bis heute großes Ansehen. Jahrelang war sie im Vorstand des Kranken- und Hilfsvereins tätig. Zudem reist sie gerne. Das waren bis zuletzt größere Reisen, die mich thematisch aber weniger interessiert haben.

Fragen: Jens Wursthorn

Die wichtigen Wegmarken

  • Lebensdaten: 5. April 1928 : Günter Lauffer kommt in Schwenningen auf die Welt. Er wächst dort auf, wird mit 16 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen; 1948 – 1952: Nach dem Abitur am Gymnasium in Schwenningen folgt das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Uni Freiburg. 1952 – 1968: Eine juristische Laufbahn führen den Gerichtsreferendar und Gerichtsassessor (ab 1956) in die Position eines Richters am Amtsgericht Villingen-Schwenningen (ab 1961)29. Mai 1957: Hochzeit mit Liselotte Brezing, die 1926 in Schwenningen geboren wurde; das Paar lernt sich kennen, als beide im Rathaus Schwenningen beschäftigt sind; aus der Ehe gehen die Kinder Martin und Regina hervor1. August 1968: Amtsantritt als Bürgermeister der Stadt St. Georgen; zwei erfolgreiche Wiederwahlen 1976 und 1984; die Amtszeit endet am 31. Juli 19921992: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse und der Ehrenbürgerwürde
  • Projekte: In der Amtszeit von Günter Lauffer fielen unter anderem der Rathausneubau, die Gründung der Jugendmusikschule (1968), die Eingliederung de Ortsteile (ab 1972), der Beginn der Stadtkernsanierung (1970) die Fertigstellung von Bildungzentrum, Roßbergsporthalle und Hallenbad (1975), die Fertigstellung von Ökumenischem Zentrum (1978) und Kindergarten Seebauernhöhe (1981), die Einweihung des Brigachhauses (1985), die Modernisierung des Stadtgartens (1987), der Neubau des Bauhofs (1988) und die Sanierung der Wasserversorgung (1991)
  • Ehrenämter: Mitglied des Kreistags seit 1972 und langjähriger Sprecher der CDU-Franktion, , langjähriger Vorsitzender von Jugendmusikschule und DRK, Vorsitz im Aufsichtsrat der EGT und des Verwaltungsrates der Bezirkssparkasse St. Georgen; weitere Mitgliedschaften in der Verbandsversammlung des Regionalverbandes, im Verwaltungsausschuss des Arbeitamtes, im Aufsichtsrat des Regionalen Rechenzentrums, in der Baugenossenschaft und in der Evangelischen Altenhilfe. (wur)