Wenn man Vorurteilen glauben schenkt, dann interessieren sich Jugendliche für vieles, aber nicht für Politik. Zu komplex, zu weit weg vom eigenen Lebensalltag und zu intransparent sollen Strukturen und Themen sein, mit denen sich Experten im Gemeinde- Kreis- oder Landtag auseinandersetzen. Doch die junge St. Georgener Generation widerlegt das Klischee: 24 Bewerber haben sich für den Jugendgemeinderat zur Wahl aufgestellt. Für Markus Esterle, Leiter der Bürgerdienste, ist das ein wertvolles Zeichen, dass die Bergstadt Demokratie aktiv lebt.

"Das ist ein super Ergebnis – sogar noch besser als bei der letzten Wahl", so Esterle. Ein Grund, warum das Gremium in der Bergstadt so attraktiv ist: "In den Schulen wird das Thema aktiv in Gemeinschaftskunde mit eingebaut. Dadurch wissen die Schüler, wie spannend Politik sein kann", erklärt Esterle. Darüber hinaus bewerbe man den Jugendgemeinderat auch regelmäßig beim Jugendforum.

Der Jugendgemeinderat engagiert sich auch praktisch in der Bergstadt: Sara Raimondo und Letizia Galasso (rechts) erklären Ingeborg Klassen (links) und Helga Müller bei der Seniorenmesse, wie moderne Smartphones funktionieren. <em>Archivbild: Roland Sprich</em>
Der Jugendgemeinderat engagiert sich auch praktisch in der Bergstadt: Sara Raimondo und Letizia Galasso (rechts) erklären Ingeborg Klassen (links) und Helga Müller bei der Seniorenmesse, wie moderne Smartphones funktionieren. Archivbild: Roland Sprich

Laura Rak hat schon einmal für den Jugendgemeinderat kandidiert, wurde jedoch nicht gewählt. Beim zweiten Anlauf will sie sich vor allem für mehr Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche starkmachen. Auch das Thema Mobbing liegt der 16-Jährigen am Herzen: "Ich will mich dafür einsetzen, dass es eine Veranstaltung zu dem Thema Mobbing gibt", so Rak. Sie sei selber über vier Jahr "Mobbing-Opfer" gewesen, habe jedoch "nie aufgegeben". "Ich möchte anderen Kindern und Jugendlichen Mut geben und zeigen, dass man alles schaffen kann", erzählt Rak.

Doch nicht nur eigene Themen sind der Neuntklässlerin an der Robert-Gerwig-Schule wichtig. Sie möchte auch Wünsche und Anregungen von anderen Jugendlichen verwirklichen. "Falls ich gewählt werde, will ich mich für alle starkmachen", so Rak.

Sabrina Haas kandidiert zum ersten Mal für das Gremium. Ihre Schwester, die gerade eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten absolviert, brachte Haas auf die Idee, sich für den Jugendgemeinderat aufzustellen. "Ich habe über sie überhaupt davon erfahren, dass es so etwas gibt. Deshalb will ich für den Jugendgemeinderat vor allem Werbung machen", sagt sie. Zudem gebe es zu wenige Veranstaltungen für Jugendliche in ihrem Alter. "Es gibt viel für Kinder und viel für Erwachsene. Dazwischen gibt es nur wenig", so die Wirtschaftsgymnasiastin. Mehr Sportveranstaltungen seien eine mögliche Lösung: "In der evangelischen Gemeinde haben wir Get Up ins Leben gerufen. Das war eine Sportveranstaltung und es hat sich eine richtige Gemeinschaft gebildet", so die 17-Jährige. Kleinigkeiten würden dann schon genügen: Es reicht, wenn jemand die Sporthalle aufsperrt und man sich dort frei beschäftigen kann. Auch Mitternachtssport am Wochenende wäre denkbar", erklärt die Schülerin.

Julian Pfaff engagiert sich seit vier Jahren in der Kommunalpolitik. "Ich habe mich wieder beworben, weil ich Teil eines tollen Teams aus engagierten Jugendlichen war, das meiner Meinung nach viel erreicht hat. Diese Arbeit will ich fortsetzen", so Pfaff. Er studiert in Stuttgart und ist Mitglied in der Stadtentwicklungskommission. Deshalb liegt ihm die mittel- und langfristige Entwicklung St. Georgens am Herzen. "Mit anzusehen, wie das Stadtbild immer attraktiver wird, ist wunderbar und ich hoffe, auch in Zukunft daran teilhaben zu können. Auch mein Herzensprojekt, der Mountainbike-Trail, ist seinem Bau, nach zahlreichen Verzögerungen, sehr nahe", sagt Pfaff.

Dass sich immer mehr junge Menschen mit Politik befassen, wertet der 18-Jährige als wichtiges und positives Zeichen. "Die diversen politischen Manöver und persönlichen Keilereien im politischen Berlin" zeigten, dass die Jugend sich engagieren muss, um die Zukunft zu gestalten. "Zum Glück ist St. Georgen von solchen Missständen verschont", so Pfaff.

24 junge Bewerber für 15 Sitze

  • Die Struktur: Der Jugendgemeinderat ist ein demokratisches, überparteiliches Gremium, das sich auf kommunaler Ebene für die Interessen von Jugendlichen einsetzt. Ähnlich wie im Gemeinderat sollen die Mitglieder aus allen Teilen der Gesellschaft kommen und jede Altersklasse abbilden. Die Sitzungen sind öffentlich und müssen mit einem Beschlussprotokoll abgeschlossen werden. Der Rat trifft sich vier Mal jährlich. Die Organisation und die Festsetzung der Tagesordnungspunkte übernimmt Markus Esterle.
  • Die Vertretung: Jeweils zwei Mitglieder des Jugendgemeinderats nehmen auch an den Sitzungen des "großen Bruders", dem Gemeinderat, teil. Laut Esterle nehmen die Jugendlichen dort einen wichtigen Stellenwert ein und haben ein Rederecht. "Wenn es zum Beispiel um den Roten Löwen geht, spielen sie eine wichtige Rolle", so Esterle.
  • Die Wahlen: Für den Jugendgemeinderat 2018 haben sich 24 Jugendliche für 15 Sitze beworben. Eine Periode dauert zwei Jahre. Die Wahlen finden von Montag, 26. November bis einschließlich Freitag, 30. November, statt. 902 St. Georgener bekommen in dieser Woche ihre Zugangsdaten für die Wahl im Internet auf Seite der Stadt mit der Post zugeschickt.
  • Die Bekanntgabe: Am Sonntag, 2. Dezember, um 17 Uhr werden im großen Sitzungssal im Rathaus St. Georgen die Gewinner der Wahl bekannt gegeben. Bei der Veranstaltung sind alle Jugendlichen willkommen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen zu allen Kandidaten gibt es im Internet auf der Homepage der Stadt St. Georgen.