Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon mal sein Handy verschlampt oder etwas anderes verlegt? Und dieses leichte Gefühl von Panik verspürt, wenn in der Tasche, wo eigentlich der Schlüssel sein sollte, nur gähnende Leere herrscht? Irgendwo muss man das Ding doch verloren haben. Nur: Wo?

Ein One-Woman-Job im Rathaus

Manchmal – mit einer guten Portion Glück – landet es im Fundbüro. „Am häufigsten werden tatsächlich Schlüssel abgegeben“, sagt Corinna Haas, die in St. Georgen jahrelang für das Fundbüro zuständig war und den Job zwar gerade an eine Kollegin weitergibt, aber immer noch den Überblick hat über alle Fundsachen.

Corinna Haas an ihrem Schreibtisch. Von hier aus betreute sie verzweifelte Suchende am Telefon. Und Finder, die ins Rathaus kamen.
Corinna Haas an ihrem Schreibtisch. Von hier aus betreute sie verzweifelte Suchende am Telefon. Und Finder, die ins Rathaus kamen. | Bild: Daniela Biehl

Zwischen Brillen, Smartphones, Regenschirmen, Rucksäcken und Handtaschen pflegt sie Informationen über die Fundstücke in eine Datenbank ein, stellt sie ins Internet und versucht, die Sachen so wieder zu den Menschen zu bringen. Ein One-Woman-Job im Rathaus.

200 Euro nicht abgeholt

„Die Schlüssel werden leider fast gar nicht abgeholt“, sagt Haas, öffnet ein kleines, fast schon verstecktes Schränkchen im Einwohnermeldeamt. Dahinter: Einige Schlüssel. Viele noch aus dem vergangenen Jahr.

Verlorene Schlüssel in St. Georgen. Corinna Haas bewahrt sie in einem kleinen Schrank im Rathaus auf.
Verlorene Schlüssel in St. Georgen. Corinna Haas bewahrt sie in einem kleinen Schrank im Rathaus auf. | Bild: Daniela Biehl

Der wertvollste Fund? „200 Euro. Die haben Kinder gefunden und zu uns gebracht“, sagt Haas. Und kurioserweise hat sich noch niemand deswegen gemeldet.

Einsamer Kinderwagen

Auch andere Funde geben Rätsel auf: Was hat es zum Beispiel mit der Unterkeile eines Lastwagens auf sich, die ein Passant ins Rathaus brachte. Oder mit dem Kinderwagen, den ein Spaziergänger im Wald fand. Zum Glück ohne Kind.

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„Auch er steht noch hier.“ Und wartet allein auf seinen Besitzer.

Überhaupt sei es gar nicht so einfach Verlierer und Verlorenes wieder zusammenzubringen. Denn: Eigentlich schreibt Haas nur Personen an, deren Name oder Adresse bekannt sind. Etwa, weil ein Ausweis oder ein Schüler-Busfahrkarte noch im Geldbeutel stecken. Sonst nicht.

Was tun, wenn man etwas verloren oder gefunden hat?

Wer etwas vermisst, muss selbst nachfragen. Und wie im Fall des Geldes oder des Kinderwagens, „gibt es oft auch kaum Anhaltspunkte, um den Besitzer zu finden“, sagt Haas, öffnet ein anderes Schränkchen und zieht Sporttaschen, einen Rucksack und einen Ehering heraus.

Ehering vom Klosterweiher

Im Durchschnitt landeten etwa zehn Fundsachen pro Monat im Rathaus. Noch viel öfter rufen Verzweifelte bei ihr – zukünftig bei ihrer Kollegin – an. „Manchmal tun mir die Leute auch leid“, sagt Haas. Wenn sie aufgelöst sein und weinten etwa.

Dann tröstet Haas. Und verweist auf andere Fundstellen in der Umgebung, bei denen vielleicht etwas abgegeben wurde. „Das hilft oft schon, um die Leute zu beruhigen“, sagt sie und packt erst ganz vorsichtig den Ehering wieder zurück. Der Name Karl ist eingraviert.

Ihn hat jemand – diesen Monat erst – am Klosterweiher verloren.

04/05/22

Dann die Sporttaschen. Und den Rucksack. Markiert ist der Rucksack mit einem Zettel und der Aufschrift „04/05/22“ – und damit ist nicht etwa der 4. Mai gemeint. Sondern der vierte Gegenstand, der im Mai abgegeben wurde. So dokumentieren sie im Rathaus, was wo liegt. Und was mit den Funden passiert.

Die Nummer „04/05/22“ an einem Rucksack.
Die Nummer „04/05/22“ an einem Rucksack. | Bild: Daniela Biehl

Sechs Monate lang müssen die Gegenstände aufgehoben werden. Doch: „Wir haben sie oft länger hier.“ Meldet sich nach sechs Monaten niemand, darf sie der Finder haben. Wenn er will.

Ehrliche Kinder, Glückliche Kinder?

Die ehrlich zurückgebrachten 200 Euro könnten also bald wieder in Kinderhand sein? „Ja“, lacht Hass.

Doch: Was, wenn absolut niemand die alltäglichen und fast schon langweiligen Dinge will? Wenn eine Sporttasche übrig bleibt? Wenn auch der Finder ein Regenschirm nicht will? So richtig sexy ist der schließlich nicht. Und was, wenn ein Schlüssel nicht abgeholt wird?

Schlüssel werden vernichtet

„Wir spenden dann die Sachen“, sagt Haas. Denn: Versteigert wird in St. Georgen nichts – und gespendet alles bis auf die Schlüssel. Die müssen aus Sicherheitsgründen vernichtet werden.

Gut die Hälfte aller Sachen werde aber – zum Glück – abgeholt. Und größere, wie Fahrräder etwa, im Keller gelagert. Und wenn sich jemand freut: „Darf er uns zum Dank nichts großes Schenken.“ Da ist das Rathaus streng.

Corinna Haas öffnet eine Tür im Keller. Dahinter lagern die gefundenen Fahrräder.
Corinna Haas öffnet eine Tür im Keller. Dahinter lagern die gefundenen Fahrräder. | Bild: Daniela Biehl

„Schokolade geht“, sagt Haas. „Und alles, was unter zehn Euro ist.“ Mehr nicht. „Aber Dankbarkeit muss ja auch nichts kosten“, sagt sie.

Und: „Am schönsten ist es sowieso, wenn wir Eheringe wieder den Besitzern geben.“ Sie zu spenden wäre schließlich auch viel zu schade. Viel zu unpersönlich. Und ein wenig seltsam.