Die Bundeswehr will einen bisher eher kleinen und unscheinbaren Standortübungsplatz bei Donaueschingen enorm erweitern. Künftig sollen auf rund 521 Hektar Fläche – das sind mehr als 500 Fußballfelder – die Soldaten des dort stationierten Jägerbataillons 292 mit Übungshandgranaten und –panzerfäusten hantieren lernen. Seitdem ist im Schwarzwald-Baar-Kreis die Aufregung mit unterschiedlichen Vorzeichen groß: Die Donaueschinger Verwaltungsspitze freut sich, sieht sie die Pläne doch als eine Sicherung des eigenen Bundeswehrstandorts an, wo 924 Soldaten und 62 zivile Mitarbeiter tätig sind. In Brigachtal und Villingen-Schwenningen werden die Pläne dagegen oft kritisch beäugt, groß ist die Empörung vor allem in Tannheim, Sitz einer bundesweit bekannten Nachsorgeklinik für Familien für krebs-, herz- und mukoviszidosekranke Kinder.

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Inzwischen stellten die Vertreter der Bundeswehr die Pläne in den drei Gemeinderäten der betroffenen Kommunen vor, die Frontlinien wurden aber dadurch nicht beseitigt. Vor allem die zwei Geschäftsführer der Nachsorgeeinrichtung, Roland Wehrle und Thomas Müller, ziehen alle Register, da sich der künftige Übungsplatz von Brigachtal bis kurz vor Tannheim ziehen würde. Wehrle hat in einem Schreiben direkt bei Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer protestiert. Er kennt Kramp-Karrenbauer persönlich, trafen sie sich doch schon bei diversen Fastnachtsveranstaltungen, da Wehrle auch Präsident der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte ist. Derzeit ist der Anlass aber weniger heiter, Wehrle sieht durch die Absichten der Bundeswehr einen „Teil der Geschäftsgrundlage der Klinik gefährdet“. Bewusst habe man sich 1981 für Tannheim entschieden, um den kranken Kindern in einer „Oase der Ruhe und Rehabilitation“ ohne Gefechtslärm, und sei er nur durch Übungsmunition hervorgerufen, die Erholung zu ermöglichen. Wichtig für den Erfolg der Reha seien die Rahmenbedingungen, die faszinierende Landschaft und der Erholungswert des Waldes. Das alles würde aus Sicht der Klinikleitung zunichte gemacht.

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Er verstehe, dass die Bundeswehr irgendwo üben müsse, hat Wehrle gegenüber dem SÜDKURIER betont. Als Alternative schlägt er Standorte in Stetten am Kalten Markt und Pfullendorf vor. Vor allem die Zahl von 150 Tages- und 50 Nachtübungen habe ihn erschreckt, berichtet Müller. Rein rechnerisch nutze die Bundeswehr das Gelände mehr als jeden zweiten Tag. Immerhin hätten die Vertreter der Bundeswehr zugesagt, die Tannheimer Nachsorgeklinik im Oktober zu besuchen und sich vor Ort ein Bild zu machen.

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„Wir nehmen die Kritik der Nachsorgeklinik ernst“, erklärt auf Nachfrage ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr. Auswirkungen auf die Bevölkerung und somit auch auf die Nachsorgeklinik stehen im Mittelpunkt der ab September beginnenden Untersuchungen und würden bei der weiteren Planung berücksichtigt. Der Sprecher macht allerdings klar, dass ein geeignetes Areal in dem dicht besiedelten Gebiet rar sei. Ein Erkundungsbericht habe ergeben, dass am Standort Donaueschingen im Umkreis von 30 Kilometer keine anderen geeigneten Flächen im Eigentum des Bundes oder der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vorhanden seien. Aktuell gehört das in Frage kommende Gebiet dem Land sowie zum größeren Teil dem Fürstenhaus zu Fürstenberg.

Online-Petition gestartet

Daher geht Klinik-Geschäftsführer Reinhold Müller davon aus, dass der Widerstand aus der Region allein die Bundeswehr nicht zum Einlenken bewegen wird, es müsse direkt Druck auf Berlin erzeugt werden. Die Klinik hat zusätzlich eine Online-Petition gestartet. Unterstützer, ehemalige und aktuelle Patienten werden bundesweit aufgerufen, sich über die Online-Plattform „Open Petition“ an einer Unterschriftenaktion zu beteiligen, um einen anderen Standort zu finden. Nur wenige Tage nach Start der Petition, die an den Petitionsausschuss des Bundestags und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gehen soll, haben sich schon knapp 4500 Unterstützer gefunden.

Notwendig wurde die Suche nach einem größeren Standortübungsplatz, weil endgültig 2016 die Immendinger Garnison aufgelöst würde und das Gelände des Truppenübungsplatzes an die Daimler AG verkauft wurde. Der Stuttgarter Autobauer hat dort inzwischen für rund 200 Millionen Euro ein Testgelände eingerichtet.

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