Obwohl er am vergangenen Montag in einen schweren Unfall verwickelt war und er deshalb mehrere Termine seiner Sommertour durch Baden-Württemberg absagen musste, nahm sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann den gesamten Donnerstag Zeit, die Region zu besuchen. Von St. Georgen ging es für ihn über Niedereschach nach Villingen. Mit Menschen aus der Region sprach er dabei über Themen wie Landwirtschaft, Innovation, Waldsterben und energieeffizientes Bauen und eine besondere Form von Landwirtschaft.

Rundgang auf dem Hirzbauernhof

Kretschmanns Reise durch den Schwarzwald-Baar-Kreis begann auf dem Hirzbauernhof im St. Georgener Ortsteil Brigach, Kretschmanns erster Besuch in St. Georgen. Von der Familie Heinzmann, die den Hof bereits in dritter Generation bewirtschaftet, ließ er sich den Bio-Bauernhof zeigen und sprach mit den Betreibern.

Winfried Kretschmann unterhält sich angeregt mit Jungbauer Adrian Heinzmann, der den Hirzbauernhof seiner Eltern bald übernehmen will.
Winfried Kretschmann unterhält sich angeregt mit Jungbauer Adrian Heinzmann, der den Hirzbauernhof seiner Eltern bald übernehmen will. | Bild: Jennifer Moog

Besonders interessiert war der Gast aus dem Staatsministerium an den Wünschen des Jungbauern Adrian Heinzmann. Eigentlich hilft er bisher nur bei seinen Eltern aus und arbeitet noch als Mechaniker. Doch in wenigen Jahren will er den Bio-Hof seiner Eltern übernehmen. Sorge bereiten ihm nicht nur, dass Billigfleisch- und milch im Discounter den Markt zerstört, sondern auch, dass dadurch „der Beruf des Landwirts in Verruf geraten“ sei. In all diesen Bereichen sieht auch Kretschmann Handlungsbedarf. Er sagt: „Das Grundproblem ist, dass es in den Leuten eingepreist ist, dass Lebensmittel billig sein müssen.“ Deshalb appelliert er an die Gesellschaft, auf eine vernünftige Ernährung zu achten – „weniger Fleisch und dafür regional“. Denn ihm ist es wichtig, dass „die Tradition einer regionalen, naturnahen Landwirtschaft erhalten bleibt.“

Besuch des Technologiezentrums St. Georgen

Vom Bauernhof ging es für Kretschmann weiter in das St. Georgener Technologiezentrum (TZ), das es sich zur Aufgabe macht, die Region Schwarzwald-Baar attraktiver für Firmengründer zu machen und deshalb in ihren Räumen mutige Unternehmer beherbergt. Bei einer kurzen Führung stellte Martin Friedrich, Geschäftsführer des TZ, vor, wie die Einrichtung bereits Schüler und Studenten für das Thema Gründung begeistert. Doch nicht nur Gründer haben in diesem Haus ihren Platz, sondern auch Firmen mit innovativen Ideen, wie beispielsweise Imsimity, die im Bereich Virtual Reality, virtueller Realität, erfolgreich sind.

Mithilfe von Virtual Reality, also einer virtuellen Realität, können Aus- und Fortbildung im virtuellen Raum bestritten werden. Hier zeigt Christoph Gabel von Imsimity, das sich mit dieser Technologie beschäftigt, wie virtuelle Fortbildungen im Holzsägen aussehen können.
Mithilfe von Virtual Reality, also einer virtuellen Realität, können Aus- und Fortbildung im virtuellen Raum bestritten werden. Hier zeigt Christoph Gabel von Imsimity, das sich mit dieser Technologie beschäftigt, wie virtuelle Fortbildungen im Holzsägen aussehen können. | Bild: Jennifer Moog

Martin Zimmermann, Geschäftsführer von Imsimity, erklärte, wie Fortbildungen im virtuellen Raum stattfinden können. Wenn auch nicht Kretschmanns eigentliches Kerngebiet, zeigte sich dieser beeindruckt von der Innovationskraft des Technologiezentrums und dessen Nähe zum Unternehmernachwuchs. Denn er sagt: „Junge Menschen sind das Rückgrat unserer Wirtschaft“.

Führung durch die Hackschnitzelanlage in Niedereschach

In Niedereschach tauschte sich Kretschmann mit den beiden Vorsitzenden der Bürgerenergie-Genossenschaft, Alwin Rist und Matthias Ratz, aus. Die beiden haben das Projekt Nahwärme in Niedereschach ins Leben gerufen. Denn mithilfe einer Hackschnitzel-Heizzentrale werden dort inzwischen rund 1500 Bürger mit Nahwärme versorgt – die derzeitige Kapazitätsgrenze der Anlage.

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Genutzt werde dafür, so Rist, nur Holz aus der näheren Umgebung, das keine anderwertige Verwendung mehr hat. Die Wärme-Unternehmer sprechen jedoch auch die Problematik an, dass sie die Anlage ehrenamtlich betreiben und keine Nachfolger für diese Arbeit finden. Kretschmann zeigt sich indessen beeindruckt vom Erfolg der Bürgerenergie-Genossenschaft. „Es ist interessant, wenn man solche Pioniere vor sich hat“, lobte er.

Alwin Rist, Vorsitzender der Bürgerenergie-Genossenschaft, zeigt Kretschmann, wie die Funktionsweise der Hackschnitzelanlage in Niedereschach überwacht wird.
Alwin Rist, Vorsitzender der Bürgerenergie-Genossenschaft, zeigt Kretschmann, wie die Funktionsweise der Hackschnitzelanlage in Niedereschach überwacht wird. | Bild: Jennifer Moog

Führung durch den Villinger Stadtwald

In den Villinger Stadtwald luden Kretschmann Tobias Kühn, Forstamtsleiter, und sein Stellvertreter Roland Brauner ein. Sie berichteten davon, dass sie durch die schnelle Räumung von Totholz aus dem Wald dem Problem Borkenkäfer, das hier wie überall das Waldsterben beschleunigt, in den Wäldern rund um Villingen recht gut Herr werden. Davon zeigte sich Kretschmann überrascht, denn gerade im Landkreis Waldshut sei das ein riesiges Problem.

Dennoch ist das Waldsterben auch für die beiden VS-Förster eine enorme Herausforderung. Stürme und der Klimawandel machen es immer schwieriger, Baumarten langanhaltend anzusiedeln. Tobias Kühn forderte Kretschmann auf, das Land möge ein Forschungsprojekt auflegen, mit dem Ziel, herauszufinden, welche Bäume im Schwarzwald in Zukunft überhaupt Überlebenschancen haben könnten. Ein Besuch im Nasslager des Forstamtes bei Rintheim brachte Aufschluss darüber, wie Baumstämme möglichst umweltschonend gelagert werden können. Denn das dafür genutzte Wasser kommt aus der Brigach und ein Anteil davon fließt gefiltert wieder zurück.

Tobias Kühn (von rechts), Forstamtsleiter in Villingen-Schwenningen und sein Stellvertreter Roland Brauner erklären Winfried Kretschmann, wie sie versuchen, den Kommunalwald trotz Klimawandel und Umweltkatastrophen in Schuss zu halten.
Tobias Kühn (von rechts), Forstamtsleiter in Villingen-Schwenningen und sein Stellvertreter Roland Brauner erklären Winfried Kretschmann, wie sie versuchen, den Kommunalwald trotz Klimawandel und Umweltkatastrophen in Schuss zu halten. | Bild: Jennifer Moog

Unternehmensbesuch bei Holzbau Ettwein

Um ein für Kretschmann sehr wichtiges Thema ging es bei Holzbau Ettwein in Villingen: Umweltfreundliches und effizientes Bauen mit Holz. Geschäftsführer Steffen Ettwein erklärte bei einer Unternehmensführung, wie die Firma beim Bauen mit Holz vorgeht und welchen Vorteil diese Art des Bauens haben kann. Kretschmann selbst hofft auf eine Holzbauoffensive. Deshalb sei er auch schon in Gesprächen mit Architekten, denn diese würden oft Trends vorgeben. „Wir tun, was wir können“, meinte er zu Steffen Ettwein, der auch dem Gemeinderat des Oberzentrums angehört.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links) lässt sich von Zimmermeister Werner Haas und Steffen Ettwein Geschäftsführer von Holzbau Ettwein erklären, wie effizentes Bauen mit Holz funktionieren kann.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links) lässt sich von Zimmermeister Werner Haas und Steffen Ettwein Geschäftsführer von Holzbau Ettwein erklären, wie effizentes Bauen mit Holz funktionieren kann. | Bild: Jennifer Moog

Solidarische Landwirtschaft in Überauchen

Als letzten Programmpunkt besuchte Ministerpräsident Winfried Kretschmann an diesem Donnerstag die Anlage des Vereins Solidarische Landwirtschaft bei Überauchen. Stolz erklärte Hardy Bisinger die Aufbaujahre. Wie schwierig es war, ein gutes Stück Land zu finden, erläuterte Marlene Reichegger. Verkauft wird das Gemüse nicht, wer mithilft, bekommt einen Teil der Ernte.

Der Verein verteilt das Gemüse auf drei Stationen im Raum VS. 30 verschiedene Sorten werden erfolgreich angebaut, zwei Fachkräfte und Helfer bewältigen den Ackerbau mit. In Villingen kümmert sich die Organisation auch um eine Streuobstwiese. Winfried Kretschmann durfte Gemüsesorten in einer verschlossenen Kiste erraten und als er einen schlappen Mangold hervorzog, witzelte er entspannt drauf los. Gegen 20 Uhr fuhr der Konvoi des Landesvaters zurück nach Stuttgart, das Programm im Kreis hatte für den 72-Jährigen um 10.30 Uhr in Sankt Georgen begonnen.

Im vierten Anbau-Jahr das große Ereignis. Ministerpräsident Winfried Kretschmann besucht die Anlage bei Überauchen. Rechts im Bild Hardy Bisinger, in der Bildmitte Landtagsabgeordnete Martina Braun (Die Grünen).
Im vierten Anbau-Jahr das große Ereignis. Ministerpräsident Winfried Kretschmann besucht die Anlage bei Überauchen. Rechts im Bild Hardy Bisinger, in der Bildmitte Landtagsabgeordnete Martina Braun (Die Grünen). | Bild: Trippl, Norbert

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