Die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg besitzt eine kulturelle Einrichtung, die auf ihrem Gebiet in Größe und Bedeutung weltweit wahrscheinlich einmalig ist: das Deutsche Harmonikamuseum in Trossingen. Die Präsentationen auf insgesamt rund 800 Quadratmetern Fläche widmen sich in einem vielfältigen Spektrum besonders den populären Instrumenten Mund- und Handharmonika und weiteren verwandten Musikinstrumenten. Die Schau ist konzeptionell klug und interessant gestaltet, die Räume sind barrierefrei zugänglich und alles ist gut auch für einen Besuch mit Kindern geeignet.

Die gestalterische Fantasie kennt bei den Deckeln von Mundharmonikas keine Grenzen. Dieses Instrument hat sich dem Zeppelin-Luftschiff des frühen 20. Jahrhunderts verschrieben.
Die gestalterische Fantasie kennt bei den Deckeln von Mundharmonikas keine Grenzen. Dieses Instrument hat sich dem Zeppelin-Luftschiff des frühen 20. Jahrhunderts verschrieben.

Die Anfänge des Museums reichen in die Jahre 1986/87 zurück, als das Land Baden-Württemberg zu Zeiten von Ministerpräsident Lothar Späth für 8 Millionen DM die Instrumentensammlung der Trossinger Matthias Hohner AG ankaufte. Mit deren Bestand wurde 1991 das Harmonikamuseum Trossingen gegründet. Seit 1997 heißt es Deutsches Harmonikamuseum und ist seit 2016 in einem renovierten früheren Hohner-Fabrikgebäude untergebracht. Von Anfang an leitet der Historiker Martin Häffner die Einrichtung.

Die gestalterische Fantasie kennt bei den Deckeln von Mundharmonikas keine Grenzen. Dieses Instrument hat sich dem Kriegsschiff „Emden“ des frühen 20. Jahrhunderts verschrieben.
Die gestalterische Fantasie kennt bei den Deckeln von Mundharmonikas keine Grenzen. Dieses Instrument hat sich dem Kriegsschiff „Emden“ des frühen 20. Jahrhunderts verschrieben.

Über 25000 Mundharmonikas sind im Besitz des Museums und dazu eine riesige Fülle an sogenannten Handzuginstrumenten, das heißt insbesondere an Piano- und Knopfakkordeons. Unter diesen findet sich das größte spielbare Knopfakkordeon der Welt von 1953. Es ist 1,23 Meter hoch, 22 Kilogramm schwer, hat insgesamt 846 Knöpfe und kann von mehreren Akkordeonisten gleichzeitig gespielt werden – eine spektakuläre Arbeit. Ganz bewusst werden aber auch die Serienmodelle ausgestellt, die zigtausendfach produziert und gespielt wurden.

Gelb-Blau-Rot ist die Farbgebung der kolumbianischen Nationalflagge, etliche Zehntausende Handharmonikas des Typs Hohner Corona III sind seit Jahrzehnten in Kolumbien bei Vallenato-Trios im musikalischen Einsatz.
Gelb-Blau-Rot ist die Farbgebung der kolumbianischen Nationalflagge, etliche Zehntausende Handharmonikas des Typs Hohner Corona III sind seit Jahrzehnten in Kolumbien bei Vallenato-Trios im musikalischen Einsatz.

Zwölf drehbare Rundvitrinen präsentieren eine große Zahl ausgesuchter Mundharmonikas. Beim Betrachten lässt einen der Variantenreichtum in der Gestaltung der auf dem Instrument montierten Deckel staunen. Es finden sich da Motive aus Technik und Verkehr, für Kinder und Heimatfreunde, aus Mode und Kunst, Musik und Tanz oder Militär und Sport.

Die Blues-Mundharmonika in reinster Ausprägung ist die von Matthias Hohner bereits 1896 auf den Markt gebrachte Marine Band – dank ihres genialen Baus ist sie bis heute ein Bestseller.

An fünf Hörstationen lässt sich mit über 30 ausgewählten Musikbeispielen nachhören, in welch unterschiedlichen Stilen weltweit mit Harmonikas Musik gemacht wird. Alpenländische Volksmusik ist darunter ebenso wie finnischer Tango, US-amerikanische Filmmusik und natürlich kolumbianischer Vallenato. Schließlich ist die Industriegeschichte nicht nur der Firma Hohner mit ihren vor dem Zweiten Weltkrieg 4000 Mitarbeitern sehenswert aufbereitet. Wochenschau- und Werbefilme der 1950er- und 1960er-Jahre verdeutlichen zudem auf spezielle Weise den Wandel der Zeiten.

Das Konzept des Museums

Damit ein Museumsbesuch für das Publikum zum Erlebnis werden kann, müssen sich Profis wie Museumsleiter Martin Häffner ständig fünf elementaren Tätigkeiten widmen und dafür passende Ideen entwickeln. Beispiele:

  • Sammeln: Dabei geht es in Trossingen nicht nur um die Ergänzung des Bestandes an Instrumenten, sondern etwa auch um Dokumente wie unlängst um eine historische Bedienungsanleitung, die vollmundig verspricht, dass sich ein bestimmtes Akkordeon „ohne Handwerkszeug“ zerlegen lässt.
  • Bewahren: Die „Magic Organa Electric“, ein automatisches Akkordeon-Ensemble mit Papiernotenrollen aus dem Jahr 1932, hat nicht mehr einwandfrei funktioniert. Man ließ die Aldinger Klavierbauwerkstatt Jörg Hauser dafür sorgen, dass die Maschinerie wieder läuft.
  • Forschen: Warum eigentlich ist das Akkordeon für die folkloristische Musik in Kolumbien so wichtig geworden? Wurden deutsche Handharmonikas wirklich als für die USA bestimmtes Frachtgut über das Meer angeschwemmt? Eine eindeutige Erklärung steht bis heute aus.
  • Präsentieren: Mit seiner umfassenden Dauerausstellung zeigt das Harmonikamuseum, gegliedert in eine Reihe von Themenschwerpunkten, seine Objekte. Sachlich informative und auch pfiffige Texte begleiten dabei den Rundgang. Ziehharmonikas bleiben hier zum Beispiel „ewig jung trotz vieler Falten“.
  • Vermitteln: Gut verständlich zu machen, was zu sehen oder auch zu hören ist, braucht viel Überlegung und Expertise. Das Harmonikamuseum denkt bei seiner Art der Vermittlung nicht zuletzt an Kinder und ihr Verstehen und bietet ihnen Museumsrätsel und Bildersuchspiele. (gf)

Adresse: Deutsches Harmonikamuseum, Hohnerstraße 4/1 in Trossingen. Geöffnet: Dienstag bis Freitag sowie an Sonn- und Feiertagen, 13.30 bis 17.00 Uhr. Aktuell besteht Schutzmaskenpflicht.

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