Urlaube werden ausgefallener, Volksparteien erhalten weniger Wählerstimmen und Beerdigungen werden individueller. Einer, der das beurteilen kann, ist Norbert Hirt. Er ist der Geschäftsführer von Preidel, Hirt & Butz Bestattungshaus am Friedhof. Mit dem SÜDKURIER hat er über die sich verändernde Bestattungskultur in Deutschland gesprochen.

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„Früher war es üblich, dass 200 bis 300 Gäste zu einer Trauerfeier kommen. Das hat sich total geändert. Heute kann es sein, dass nur fünf Menschen kommen“, sagt Hirt. Das liege daran, dass die Gesellschaft anonymer wird. Mehr Menschen leben alleine, Kinder wohnen häufiger weiter weg von ihren Eltern.

Bei den Trauergästen hat sich auch die Kleidung verändert. Hirt: „Zwar wird immer noch überwiegend schwarz getragen. Allerdings kleiden sich immer mehr Trauergäste bunter.“

Auf dem St. Georgener Waldfriedhof wurde erst kürzlich ein Kolumbarium errichtet. In solchen werden Urnen Bestattet. Es kann sich dabei um ein geschlossenes Gebäude, eine Halle oder eben eine Urnenwand handeln.
Auf dem St. Georgener Waldfriedhof wurde erst kürzlich ein Kolumbarium errichtet. In solchen werden Urnen Bestattet. Es kann sich dabei um ein geschlossenes Gebäude, eine Halle oder eben eine Urnenwand handeln. | Bild: Matthias Jundt

Die auf Friedhöfen am deutlichen sichtbare Veränderung gebe es bei der Art der Bestattung. 78 Prozent aller Trauerfeiern seien mittlerweile Feuerbestattungen, heißt, der oder die Verstorbene werden im Krematorium verbrannt. „Auf dem großen Friedhof in Hamburg wurden deswegen kürzlich 15 Hektar der Fläche abgebaut“, sagt Hirt. Der Platz werde schlicht nicht mehr gebraucht.

Die klassischen Erdbestattungen werden immer seltener durchgeführt.
Die klassischen Erdbestattungen werden immer seltener durchgeführt. | Bild: Matthias Jundt

Wenn nämlich die Fläche nicht genutzt wird, steigen auch die Preise für die Gräber. „In St. Georgen auf dem Waldfriedhof gab es erst 2015 erste Urnenbegräbnisse“, erläutert der Geschäftsführer des Bestattungshauses. Mittlerweile sei der Bedarf an Urnenplätzen aber so groß, dass die Gemeinde erst vor wenigen Wochen die Urnenwand vergrößert hat. In Hirts Unternehmen erkennt man den Wandel darin, dass es vor Ort – zumindest an einigen Standorten – gar keine Särge mehr zu sehen gibt.

Bild: Matthias Jundt

Neben Beerdigungen auf dem Friedhof – jeglicher Art – gebe es heutzutage auch etwa die Seebestattung. In der Broschüre von Hirts Unternehmen wird diese Bestattungsart erläutert. Darin heißt es: Die Asche des Verstorbenen wird hierbei in eine wasserlösliche See-Urne gefüllt. Über eine Seebestattungsreederei wird diese nach maritimen Ritualen im Meer versenkt. Die Angehörigen dürfen die Zeremonie begleiten. Sie erhalten im Anschluss eine Karte mit den genauen Koordinaten der Beisetzungsstelle.“

Video: Matthias Jundt

Ähnlich ist das bei Baumbestattungen. Hier wird eine biologisch abbaubare Uren mit der Asche im Bereich eines Baumes beigesetzt. Wer möchte, kann einen Teil der Kremationsasche auch zu einem synthetischen Diamanten formen lassen. Auch die anonyme Bestattung ist möglich.

Konkurrenz aus dem Netz

All das bieten Norbert Hirt und seine Kollegen an. „Unsere Konkurrenz befindet sich meist nicht vor Ort, sondern im Internet“, sagt er. Diese Firmen agierten, anders als Hirt, bundesweit. Außerdem seien sie meist günstiger. „Diese Firmen sind aber anonym. Sie beauftragen dann Firmen vor Ort“, so Hirt weiter. Die Vertrautheit, die ein Bestatter mit den Angehörigen aufbauen sollte, geht so verloren.

Was ebenfalls immer seltener vorkommt, ist, dass ein Geistlicher die Trauerrede hält. Es gibt laut Hirt immer mehr Konfessionslose, die die Reden selbst halten. Hirt: „Wir haben in unserer Firma auch eine Kollegin, die Trauerreden hält.“

Mareike Maier-Cristea, im 3. Lehrjahr zur Bestatterin, auf dem Waldfriedhof Sankt GeorgenChef: Norbert HirtAuszubildende im 1. Lehrjahr: Lena GeigerMitarbeiter: Sascha Hoffmann
Mareike Maier-Cristea, im 3. Lehrjahr zur Bestatterin, auf dem Waldfriedhof Sankt GeorgenChef: Norbert HirtAuszubildende im 1. Lehrjahr: Lena GeigerMitarbeiter: Sascha Hoffmann | Bild: Matthias Jundt

Generell ist der Beruf des Bestatters laut Hirt in den vergangen Jahren aufwendiger geworden: „Früher gab es einfach nicht so eine große Auswahl.“ Heute seien Bestatter viel mehr Dienstleister als früher. Die Menschen wollen sich die Beerdigung in einer Art Baukastensystem aussuchen. Das gilt übrigens nicht nur für die Angehörigen: „Auch die Vorsorge, dass sich Menschen zu Lebzeiten um ihre eigene Beerdigung kümmern, um den Angehörigen die Arbeit abzunehmen, ist ein großes Thema“, sagt Hirt abschließend.