Der 4. Juni 817 ist ein einschneidendes Datum in der Geschichte des heutigen Villingen-Schwenningen. In diesem Jahr, auf dem Höhepunkt des karolingischen Zeitalters, wurden die Stadtbezirke Schwenningen, Tannheim und Villingen erstmals urkundlich erwähnt.

So bedeutend das historische Datum für die Stadt auch sein mag, mit einem spannenden Kunsterlebnis bringt man es vorerst nicht in Verbindung. Aber die Erfahrung zeigt: Kunst ist, obwohl sie sich an einem historischen Datum orientiert, ein weites Feld, wie man es derzeit wieder einmal bei einem vom Kunstverein VS in Kooperation mit dem Franziskanermuseum realisierten Kunstprojekt „Re-Vision 817“ erleben kann. Aus einem jurierten, beschränkten Wettbewerb blieben letztlich 21 Konzepte, die von insgesamt 25 Künstlern erarbeitet wurden, übrig. Herausgekommen ist eine von der Kuratorin Nila Weisser klug zusammengestellte Ausstellung mit einem hohen kreativen Potential.

Die Künstler hatten alle Freiheiten und sie haben sie auch genutzt. „Die Aufbrüche in Re-Vision 817 sind in Anbetracht der Erstnennungsurkunde vielgestaltig“, so die Kuratorin. So hat Angela M. Flaig ihre Gründungsurkunde aus Fichten- und Kiefersamen geschaffen.

Die Urkunde der Ersterwähnung war auch das Thema der Gemeinschaftsarbeit der Künstlerinnen Panka Chirer-Geyer und Birgit Wenninghoff. Auf über 20 Quadratmetern erscheint ihre „Abschrift“ aus Gips auf dem Fußboden des Refektoriums. Das Schriftbild ist genauso wenig oder nur mit Mühe zu entziffern wie im Original, das im Kloster St. Gallen archiviert ist. Überaus passend erscheint dazu das Graffito des Konzeptkünstlers Tobias Maximilian Schnell, bei der es inhaltlich um die Lesbarkeit einer so genannten Sauklaue geht.

Kaum leserlich ist für heutige Betrachter die Ersterwähnungsurkunde von 817. Das greift Tobias Maximilian Schnell mit seinem Graffito auf: "Und diese Sauklaue kann jemand lesen?", fragt er provokant.
Kaum leserlich ist für heutige Betrachter die Ersterwähnungsurkunde von 817. Das greift Tobias Maximilian Schnell mit seinem Graffito auf: "Und diese Sauklaue kann jemand lesen?", fragt er provokant.

Die zahlreichen nach oben und unten verlängerten Buchstaben, die merkwürdigen Schnörkel erinnerten Ulrike Kessl an Fäden, die aus den Buchstaben heraushängen. Daraus entstand ihre Idee, die entsprechenden Stellen im Text mit Fäden zu markieren und in Form eines Baldachins in die dritte Dimension zu übertragen.

Gleich in mehrfacher Hinsicht wurde das filigrane, kalligraphische Erscheinungsbild der Urkunde in der Gemeinschaftsarbeit von Angelika Flaig und Matthias Schneider-Hollek übertragen. „Palimpsest 817 – Mittelalter goes digital“ stellt eine künstlerische vielschichtige Schnittmenge von Bildender Kunst und Neuer Musik dar.

Verständlicher – oder vielleicht auch nicht – geht es bei Paul Revellios Spurensuche zu. Es scheint, er hätte eine Wandmalerei aus karolingischer Zeit neu entdeckt und diese zum Jubiläum freigelegt. Womöglich müsste man nach diesem Fund auch die Fasnachtsgeschichte neu schreiben, wenn das Ganze eben nicht nur eine schöne Vision von Revellio gewesen wäre, die die historische Unbekannte neu interpretieren lässt.

Bei der Re-Vision geht es somit nicht nur um eine Rückschau, sondern auch um fantasievolle Aus- und Einblicke. Das bietet jede Menge Raum für künstlerische Kreativität. So hat Regina Baierl zwei wunderbare „private Gehäuse für Ludwig den Frommen“ entworfen und Eva Büchi ruft mit ihrer sinnlichen Arbeit „Am seidenen Faden" eine organische Pflanzengeschichte aus der Gründungszeit in Erinnerung.

Bei vielen Arbeiten ist das Datum 817 eigentlich belanglos, es geht vielmehr um die Zeit dazwischen, zwischen der Gründung und heute, wo man schließlich bei der interaktiven Gemeinschaftsinstallation „Mein Platz in Villingen-Schwenningen“ von Amber Anthe Scholten und Marja Scholten-Reniers angelangt ist. Mit Aufdrucken von Kleidertrachten aus unterschiedlichen Ländern versehenen Melkschemeln werden innerhalb der Konturen der Doppelstadt die Einwohner verschiedenster Herkunft zusammen geführt.

„Mein Platz in Villingen-Schwenningen“ heißt diese Installation: Mirte Scholten zeigt sie mit ihrer Mutter Marja Scholten-Reniers und ihrer Schwester Amber Anthe Scholten (von links), die das Werk geschaffen haben. Kleidertrachten aus verschiedenen Ländern sind auf Melkschemel gedruckt, die innerhalb der Konturen der Doppelstadt platziert sind. Bilder: Stefan Simon
„Mein Platz in Villingen-Schwenningen“ heißt diese Installation: Mirte Scholten zeigt sie mit ihrer Mutter Marja Scholten-Reniers und ihrer Schwester Amber Anthe Scholten (von links), die das Werk geschaffen haben. Kleidertrachten aus verschiedenen Ländern sind auf Melkschemel gedruckt, die innerhalb der Konturen der Doppelstadt platziert sind. Bilder: Stefan Simon | Bild: Stefan Simon

Ob nun sofort ersichtlich, oder mehrmals um die Ecke denken gefragt ist, der Kunstverein ist zum Stadtjubiläum mit einem herausragenden Projekt präsent, das weniger geschichtliche Kenntnisse als vielmehr persönliche Vorstellungen und die individuelle Fantasie abverlangt, von den Künstlern wie Besuchern gleichermaßen.

„Re-Vision 817“ im Villinger Franziskanermuseum bis 21. Mai. Dienstags bis samstags von 13 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr.