Die Idee eines kostenlosen Nahverkehrs stößt beim Verkehrsverbund Schwarzwald-Baar (VSB) mit Blick auf die Verhältnisse im ländlichen Raum auf Skepsis. Wenn die Politik schon so viel Geld in die Hand nehmen wolle, dann gäbe es bessere Ansatzpunkte, um mehr Leute zum Umstieg auf Bus und Bahn zu locken, so VSB-Geschäftsführer Mikael Pandion im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

Wie berichtet hat die Bundesregierung bei der EU per Brief einen Vorstoß unternommen, den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) kostenlos anzubieten, damit der Umstieg von privaten Autos auf Busse und Bahnen attraktiver wird, sich die Luftqualität verbessert und drohende Fahrverbote abgewendet werden können.

Grundsätzlich klinge der Vorschlag, gratis Linienbusse und Nahverkehrszüge nutzen zu können, natürlich interessant und attraktiv, sagt der VSB-GEschäftsführer. „Diese Idee kommt immer mal wieder auf“, so Pandion, und sei auch schon in Studien untersucht worden. In Ballungsräumen mit ihrem ohnehin dichten ÖPNV-Netz würden auf diese Weise Busse und Bahnen wahrscheinlich deutlich stärker genutzt werden, sagt Pandion, der als früherer Werkleiter der Stadtwerke Esslingen beispielsweise die Verhältnisse im Raum Stuttgart bestens kennt. Womöglich gebe es auch unerwünschte Nebeneffekte, wenn zum Beispiel bisherige Radfahrer nun auch den öffentlichen Nahverkehr nutzten. Aber der ländliche Raum, dessen Bürger so ein Angebot in den Ballungsräumen indirekt mitbezahlen müssten, wäre benachteiligt, kritisiert der VSB-Chef. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wären anderen Akzente sinnvoller.

Pandions Rechnung: Würden die Busse und Züge im VSB künftig für alle kostenlos nutzbar sein, würden dem Verbund rund neun Millionen Euro aus dem Fahrkartenverkauf fehlen. Zwar könnte der Verbund dann auch Marketing- und Vertriebskosten sparen, weil man keine Tickets mehr verkaufen müsste – aber unterm Strich mache das nicht viel aus. Den Rest des Abmangels müsste man beispielsweise durch höhere Zuschüsse der öffentlichen Hand ausgleichen.

Aber schon für gut die Hälfte dieser Summe könnte man das ÖPNV-Angebot im VSB-Gebiet vielfach erweitern – aus Sicht von Pandion eine deutlich sinnvollere Investition: „Wenn man wirklich so viel Geld übrig hat, würde den Fahrgästen ein Ausbau des Angebotes wesentlich mehr bringen.“

  • Investieren in Fahrpläne: Als Alternative zu Gratisfahrten schlägt Pandion vor, besser in dichtere Fahrplan-Takte und ein engmaschigeres Liniennetz Geld zu stecken, zumindest im ländlichen Raum. Wenn eine stündliche Zugverbindung kostenlos nutzbar werde, sei das weniger attraktiv als künftig auf der Verbindung alle zehn Minuten einen – weiterhin kostenpflichtigen – Zug fahren zu lassen, gibt Pandion ein fiktives Beispiel. Ein dichterer Takt bringe beispielsweise einem Berufspendler im ländlichen Raum mehr Vorteile als ein Gratisangebot und locke eher zum Umstieg vom Auto auf den ÖPNV als die reine Kostenfreiheit.
  • Investieren in Fahrzeuge: Statt Gratisfahrten wäre es für die Umwelt auch wesentlich vorteilhafter, in den Kauf von Elektrofahrzeugen zu investieren, sagt Pandion. „Die Luft wird besser und die Fahrzeuge sind zudem viel leiser – da hätten alles was davon.“
  • Investieren in Service: Wie könnte man den ÖPNV noch attraktiver statt nur kostenlos machen? Zum Beispiel mit mehr Service – doch der kostet eben auch mehr Geld. Im Sinne der Bus- und Bahnnutzer wären aus Pandions Sicht insgesamt mehr Notfallmanager eine gute Sache: Also Fachleute, die sich bei Störungen wie Unfällen oder Unwetterfolgen im öffentlichen Nahverkehr darum kümmern, dass die Störungen zügiger beseitigt werden und die Reisenden mit besserer Fahrgastinformation doch noch gut ans Ziel kommen.

 

Zur Person

Mickaél Pandion (53) ist seit Januar 2018 neuer hauptamtlicher Geschäftsführer der Verkehrsverbund Schwarzwald-Baar GmbH (VSB). Die VSB-Gesellschafterversammlung hatte den 53-Jährigen laut VSB einstimmig ins Amt gewählt. ER habe sich unter neun Bewerbern durchgesetzt. Ausschlaggebend für die Wahl seien "letztlich seine jahrelange Berufserfahrung und seine Verbundenheit mit der Region" gewesen. So sei der 1963 in Paris geborene Pandion in Schwenningen und Villingen zur Schule gegangen, bevor er in Frankfurt am Main Betriebswirtschaft studierte. Er war beim Darmstädter Verkehrsbetrieb HEAG 15 Jahre lang für die Verkehrs- und Betriebsplanung und das Baustellen- und Veranstaltungsmanagement zuständig. 2008 wurde er Werkleiter für den Esslinger Stadtverkehr. Ab 2013 war er als Berater für Elektromobilität und ÖPNV-Lösungen selbstständig tätig.