Für die meisten Menschen ist es ein Tag, an den sie sich noch lange erinnern: der Tag der Führerschein-Prüfung. Unabhängigkeit und Freiheit verbinden viele mit dem Gefühl, den „Lappen“ in den Händen zu halten. Doch für immer mehr Fahrschüler bleiben diese Momente in schlechter Erinnerung. Statt Freude und Erleichterung zu spüren, hören sie: „Durchgefallen.“ In Baden-Württemberg sind im vergangenen Jahr knapp 37,8 Prozent der Fahrschüler an der Theorieprüfung gescheitert (2016: 35,8 Prozent). Bei der praktischen Prüfung hatten die Prüfer bei etwa jedem vierten Fahrschüler (24,1 Prozent; 2016: 22,4 Prozent) etwas so Gravierendes zu bemängeln, dass es am Ende nicht fürs Bestehen reichte.

Bertil Weißenberger arbeitet seit 25 Jahren als Fahrlehrer. Die steigende Durchfallquote beim Fahrschülern sieht er in Zusammenhang mit dem erhöhten Verkehrsaufkommen und einer rücksichtsloseren Fahrweise nicht weniger Autofahrer. <em>Bild: Jens Wursthorn</em>
Bertil Weißenberger arbeitet seit 25 Jahren als Fahrlehrer. Die steigende Durchfallquote beim Fahrschülern sieht er in Zusammenhang mit dem erhöhten Verkehrsaufkommen und einer rücksichtsloseren Fahrweise nicht weniger Autofahrer. Bild: Jens Wursthorn | Bild: Wursthorn, Jens

Seit 2014 steigt die Zahl der Nicht-Besteher stetig. Eine Tendenz, die auch den Schwarzwald nicht verschont, auch wenn es keine lokalen Statistiken gibt. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Bertil Weißenberger, Fahrlehrer und Geschäftsführer der gleichnamigen Fahrschule, die in Donaueschingen einen von sechs Standorten unterhält, sieht das erhöhte Verkehrsaufkommen und ungeduldigere und rücksichtslosere Verkehrsteilnehmer als äußere Ursachen. Bei Fahrschülern kombiniere sich mitunter der Lernstress beim Führerscheinerwerb mit den Belastungen, welche das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium diktiert: „Früher fielen Abiturvorbereitung und Führerschein nicht so dicht zusammen.“ Nach seiner Beobachtung spiele gesellschaftlicher Druck, erzeugt durch Freunde und Eltern, eine eher untergeordnete Rolle. Laut Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg, spielt auch die sinkende Bedeutung des Führerscheins eine Rolle: „Der pünktliche Erwerb des Führerscheins zum 18. Geburtstag bei Jugendlichen hat im Vergleich zu früher deutlich an Bedeutung verloren.“ Deshalb werde auch das Nicht-Bestehen oftmals als „nicht so schlimm“ betrachtet.

Einmal Durchfallen, in der Theorie: Da würde sie sich gerade noch verzeihen, sagt Laura Arndt. Die 17-Jährige macht eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten und sieht sich „auf halbem Weg“ zur theoretischen Prüfung. „Erst danach werde ich mit den Fahrstunden beginnen“, sagt die junge Donaueschingerin. Auch sie unterzieht sich der modernen Form des Lernens: Mittels einer App auf ihrem Smartphone geht sie täglich einen Gutteil der 1100 Prüfungsfragen durch. Dabei schätzt sie sehr, dass sie beim Lernen völlig orts- und zeitabhängig ist.

Da muss jeder hin, der mal ein Auto steuern will.
Da muss jeder hin, der mal ein Auto steuern will. | Bild: Sira Huwiler

„Das erfordert bei den Fahrschülern schon ein hohes Maß an eigenverantwortlichem Lernen“, hat Weißenberger, seit 25 Jahren als Fahrlehrer unterwegs, Respekt vor den theoretischen Anforderungen auf dem Weg zur Fahrerlaubnis. Natürlich stehen da noch die 14 jeweils 90-minütigen Lektionen, die bei den Unterrichtsabenden in der Fahrschule vermittelt werden. Dennoch könne das eigenständige Lernen, je nach Gewissenhaftigkeit, zum Durchfallen führen: Was daraus folgt, ist mitunter ein Warnschuss, der, auch aus Kostengründen, in der Regel den Lernfleiß befüttert.

Der Führerschein ist kein billiger Eintritt in die mobile Welt. „Unter 2000 Euro kommt da kaum jemand davon“, sagt Weißenberger. Die Zahl der Übungsfahrten habe generell zugenommen, immer wieder erhöht hat sich über die Jahre die Zahl der verpflichtenden Sonderfahrten. Fünf Stunden Überlandfahrt, vier Stunden Autobahn, drei Stunden Nacht. Dies allein sind schon mehr Stunden als jene Zahl, die früher bei Jugendlichen vom Land insgesamt auf dem Zettel stand. „Die konnten halt schon Auto fahren“, erinnert sich Weißenberger schmunzelnd.

Diese Form, die Fahrschulzeit zeitlich und finanziell zu minimieren, gebe es heute seltener. Ein Stadt-Land-Gefälle stellt Weißenberger auch beim Alter fest. „Auf dem Land sind es oft die Eltern, die darauf achten, dass sich ihre 17-jährigen Sprösslinge bei der Fahrschule anmelden. „Sobald die selbst fahren können, haben die Eltern etwas mehr Ruhe“, erklärt Weißenberger die Intension der Erziehungsberechtigten.

Die Theorieprüfung von heute unterscheidet sich deutlich von dem, was viele Autofahrer in Erinnerung haben. Mittlerweile werden die 30 von einem Zufallsgenerator ausgewählten Fragen auf einem Tablet-PC beantwortet. Dazu gehören reine Textfragen ebenso wie Fragen mit Bild und Fragen zu einem Videoclip, der bis zu fünfmal angeschaut werden kann. Pro falsch beantworteter Frage gibt es drei bis fünf Fehlerpunkte. Ab elf Fehlerpunkten oder zwei Fehlern bei Vorfahrtsfragen ist der Schüler durchgefallen. „Da außerdem bei den Bilderfragen zahlreiche Varianten in den Prüfungsfragenkatalog aufgenommen wurden, wurde das Bestehen der Prüfung durch reines Auswendiglernen praktisch unmöglich gemacht", erklärt Fahrlehrerverband-Vorsitzender Jochen Klima die komplexer gewordene Prüfung.

Dagegen gab es bei der Praxisprüfung kaum Änderungen. Der Fahrschüler ist auf sich gestellt, der Prüfer sitzt im Nacken – doch der Verkehr macht es schwerer als früher. Denkt er an seine eigene Fahrausbildung zürück, sieht Weißenberger ganz klar, dass der Verkehr zugenommen hat und damit die Belastungen. Diese kommen ungefiltert auf den Fahrschüler zu. Diese reagieren unterschiedlich, werden nervös, fahrig oder bringen ihre Übungsfahrten mit viel Herzklopfen hinter sich. Und sie brauchen eine längere Ausbildung. Die Zahl der Übungsfahrten nehme zu, bestätigt Weißenberger. Der Schnitt beträgt 24.

Zudem, so Klima, sammeln junge Menschen vor dem Erwerb des Führerscheins weniger eigene Verkehrserfahrung. Stichwort Elterntaxi. Da werde eher das eigene Smartphone bedient als der Verkehr beobachtet. Für Laura Arndt stimmt das nicht. Sie ist in der Stadt viel mit dem Fahrrad unterwegs. In die wichtigsten Verkehrsregeln ist quasi hineingeradelt.

Dass Menschen mit ausländischen Führerscheinen in Deutschland direkt die Prüfung ablegen können und Theorie- oder Praxisstunden nicht nötig sind, trägt aus Sicht einiger Experten auch zu der steigenden Zahl der nicht bestandenen Prüfungen bei. Probleme bei der Einhaltung der Verkehrsregeln: Das kennt auch Weißenberger aus der Arbeit mit dieser Klientel. „Die sind ja oft Jahrzehnte in ihrer Heimat gefahren. Aber je älter sie sind, desto schwerer tun sie sich dann hier.“

Und die Vorbildfunktion? Um die sei es schlecht bestellt, meint Weißenberger. „Jeder ruscht noch schnell am Fahrschulauto vorbei. Und wenn das Prüferauto keine Fahrschulkennzeichnung trägt, dann wird es auch noch aggressiv“,erinnert sich der Fahrlehrer an viele Situationen. „Nur durch unser Vorbild lernen die jungen Fahrer, sich an Regeln zu halten“, erklärt Klima.

So wäre es doch so vermeidbar wie ärgerlich, wenn ein Prüfling statt mit Schrittgeschwindigkeit beinahe ungebremst an einem Bus mit Warnblinkanlage vorbei fährt, weil es das Auto davor auch so macht. Dann heißt nämlich von der Rückbank: „Durchgefallen!“

Alles zur 125-jährigen Geschichte der Führerscheinprüfung und knifflige Prüfungsfragen: http://www.sk.de/9855628