Das Gasthaus Engel in Neuhausen war von den 60er bis zu Anfang der 80er Jahre eine der angesagtesten Ausgehadressen in der Region, mit Strahlkraft weit über Kreisgrenzen hinaus. Das Tanzlokal von Karl Hummel lockte mehrmals pro Woche hunderte Gäste in den kleinen Teilort von Königsfeld, über Jahre hinweg. Auch bekannte Künstler traten dort regelmäßig auf.

Es war eine spannende Zeit, die sich offenbar bei vielen Menschen dauerhaft eingeprägt hat. Im dritten Teil unserer Disko-Serie erzählen SÜDKURIER-Leser von ihren Erlebnissen, von ihrer Rückkehr in das Lokal nach 40 Jahren und von einem Abend, der ihr ganzes Leben verändern sollte.

Video: Fröhlich, Jens

Aushilfs-DJ

Wie zum Beispiel bei Harald Bernauer, der seit zehn Jahren in einer Gemeinde am Kaiserstuhl lebt. „Ich war damals Stammgast im Engel“, erinnert sich der gebürtige Villinger an die 70er Jahre. Anfangs habe es vor allem Tanzveranstaltungen mit Live-Bands wie Mammut und Dust gegeben. Später seien immer häufiger Veranstaltungen mit Live-Bands und Musik vom Plattenteller im Wechsel dazugekommen. „Ich war schon immer musikaffin“, erzählt er. So kam es, dass Bernauer 1978 an einem DJ-Wettbewerb im Engel teilnahm und einen Platz auf dem Siegertreppchen gewann. „Man musste drei Stücke auflegen und die Titel anmoderieren“, so der heute 60-Jährige. Das machte ihm großen Spaß.

So kam es, dass er kurz darauf eine Teilzeit-Stelle als Engel-DJ inne hatte. 80 Mark habe er an einem Abend verdient, einmal pro Woche. Die Veranstaltungen fanden immer am Mittwoch, Freitag und Samstag statt. Bis 1980 dauerte seine DJ-Karriere, ehe ihn sein beruflicher Werdegang zwang, das Mikrofon an den Nagel zu hängen. Seither war er nie mehr als DJ aktiv, bis Anfang September diesen Jahres. Bernauer, der im vergangenen Jahr 60. Jahre alt wurde, feierte seinen runden Geburtstag im Engel nach. Seine rund 50 geladenen Gäste hat er als DJ unterhalten, ganz wie früher. Seinen Auftritt hat er vorab im Engel geprobt. Verlernt habe er die Moderation nicht. „Die Musik kam aber nicht vom Plattenteller, sondern aus meinem Laptop“, verrät er. Neben vielen alten Stücken, gab es auch aktuelle Musik für die jungen Gäste.

Harald Bernauer legt bei der Feier zu seinem 60. Geburtstag noch einmal im Engel auf.
Harald Bernauer legt bei der Feier zu seinem 60. Geburtstag noch einmal im Engel auf. | Bild: Harald Bernauer

Von der Disko zum Traualtar

Eine ganz besondere Erinnerung an den Engel verbindet das Ehepaar Arendt bis heute, welches seit über 40 Jahren in Bretten nahe Karlsruhe lebt. „Mein Mann hat damals in Buchenberg gelebt und in St. Georgen eine Ausbildung gemacht. Ich habe ein Zeit lang in der Klimsch-Stiftung in Königsfeld gearbeitet“, erinnert sich Edith Arendt. Nicht selten war die heute 66-Jährige mit ihrer Freundin am Samstagabend zu Gast im Engel.

Auch ihr Mann Berthold, der ab 1969 stolzer Besitzer eines eigenen Autos war, verbrachte fast jedes Wochenende im damals angesagten Tanzlokal. „Ich hatte meistens meine beiden jüngeren Schwestern dabei“, so der 67-Jährige. Im September 1972 lernte er beim Tanzen schließlich seine Edith kennen. Es funkte zwischen den beiden und drei Jahre später läuteten bereits die Kirchenglocken. Nach ihrer Trauung waren die beiden nicht mehr im Engel zu Gast. Die Erinnerung an viele schöne Tanzabende ist den beiden aber geblieben. Bis heute pflegen sie den Kontakt zur Freundin von Edith Arendt, die noch in Erdmannsweiler wohnt.

Damals und heute: 1972 lernen sich Edith und Berthold Arendt im Engel kennen. Drei Jahre später heiraten sie. Heute leben sie in Bretten in der Nähe von Karlsruhe.
Damals und heute: 1972 lernen sich Edith und Berthold Arendt im Engel kennen. Drei Jahre später heiraten sie. Heute leben sie in Bretten in der Nähe von Karlsruhe. | Bild: Arendt

Konzert-Tagebuch

„Es ist schon arg lange her“, sagt Klaus Häusel aus Hüfingen. Seine Erinnerungen an die Disko-Zeit im Engel sind zwar etwas verblichen, dass er Ende der 70er Jahre fast jede Woche dort war, da ist er sich aber sicher. „Ich wohnte damals in Donaueschingen und hatte zwei gute Freunde in Villingen. So bin ich erstmals auf den Engel aufmerksam geworden“, erinnert er sich. In der Bar sei immer viel Betrieb gewesen. Vor allem die Live-Bands im Engel hatten es dem heute 65-Jährigen angetan. So taucht das Tanzlokal gleich mehrmals in Häusels privatem Konzert-Tagebuch auf, welches er über Jahre hinweg geführt hatte. “Ich war früher häufig auf Konzerten, und eben auch im Engel.“

Das erste Konzert in Neuhausen taucht im Tagebuch am 8. Dezember 1978 auf. Bernie Paul stand als Stargast auf der Bühne, Häusel war im Publikum. Kurz darauf, am 12 Januar 1979 ist der Auftritt der Martin Mann Band dokumentiert. Am 2. Februar 1979 folgt das Konzert von Wolfgang Petry. Joy spielte am 4. Mai 1979 im Engel. „Es war auf jeden Fall eine tolle Zeit, die wir an vielen Wochenenden dort verbracht haben“, so Häusel.

Klaus Häusel aus Hüfingen hat alle seine Konzertbesuche in einem Tagebuch notiert. Darunter sind auch zahlreiche Termine im Engel in Neuhausen zu finden.
Klaus Häusel aus Hüfingen hat alle seine Konzertbesuche in einem Tagebuch notiert. Darunter sind auch zahlreiche Termine im Engel in Neuhausen zu finden. | Bild: Fröhlich, Jens

Der Musikmanager

Rolf Ditting aus Konstanz vertreibt heute erfolgreich Marmeladen. In den 70er Jahren war er zudem als Musikmanager tätig. Er betreute die Band Crusade und war mit dieser Formation im Hegau, im Kreis Tuttlingen und im Scharzwald-Baar erfolgreich unterwegs. „Im Engel waren wir Stammgäste“, erinnert er sich. Mindestens zweimal im Jahr habe es ein Crusade-Konzert im Engel gegeben. Ein ganz spezieller Auftritt, ist dem heute 73-Jährigen aber besonders in Erinnerung geblieben. Seine Band Crusade spielte dabei nicht die Hauptrolle. „Ein Roadie von uns hat mich mit nach München genommen. Dort habe ich im Memo Land zum ersten Mal die Spider Murphy Gang live erlebt“, erzählt Ditting. Noch am Abend habe er die damals noch recht unbekannte Band angesprochen. Die Idee, die Münchner Formation auf eine Bühne in der Region zu holen war geboren. Zusammen mit Engel-Betreiber Karl Hummel liefen Verhandlungen an. Am Ende stand ein Vertragswerk fest, welches auf nur einer DIN A4 Seite Platz fand.

Rolf Ditting zeigt den Vertrag mit der Spider Murphy Gang.
Rolf Ditting zeigt den Vertrag mit der Spider Murphy Gang. | Bild: Rolf Ditting

1500 Mark Gage, Getränke und die Übernachtung für sechs Personen im Engel ist darin festgehalten. Das Dokument hat Ditting bis heute als Andenken aufbewahrt. Flugblätter wurden verteilt, Plakate aufgehängt und eine Anzeige im SÜDKURIER geschaltet.

Diese Anzeige erschien 1979 im SÜDKURIER.
Diese Anzeige erschien 1979 im SÜDKURIER. | Bild: Rolf Ditting

Auch die Redaktion kündigte die bayrischen Gäste im Lokalteil an.

Auch die Redaktion kündigte die Gäste aus München an.
Auch die Redaktion kündigte die Gäste aus München an. | Bild: Rolf Ditting

Die Bemühungen zeigten Wirkung. Am Freitag, 19. Oktober 1979, war der Engel bis auf den letzten Platz gefüllt. „Das war ein Spitzenauftritt“, schwärmt Ditting noch heute. Es lief so gut, dass der Manager Ditting in der Folgezeit sechs weitere Konzerte mit der Spider Murphy Gang in der Region vom Hochrhein bis an den Bodensee organisierte. Auch privat freundete er sich mit den Musikern um Frontmann Günther Sigl an. Vor drei Jahren gab es ein Wiedersehen hinter der Bühne bei einem Konzert in Friedrichshafen. Erinnerungen wurden ausgetauscht. Die Bandmitglieder signierten für Ditting alte Engel-Plakate.

Ihre Erinnerungen

An welche Lokale aus dieser Zeit erinnern Sie sich noch? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen und Bilder unter dem Stichwort "Disko" per Email an leserreporter@suedkurier.de.

In Teil eins unserer Serie beleuchteten wir die Disko-Jahre im Engel und haben mit Betreiber Karl Hummel gesprochen. www.sk.de/9831980

Teil zwei drehte sich um die Kult-Disko Waldpeter in Schönwald. DJ Dirk Pfersdorf öffnete sein Privatarchiv für die SÜDKURIER-Leser. www.sk.de/9834886