Schwarzwald-Baar – Zehn Jahre nach den ersten Initiativen für großräumigen Naturschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, nach umfangreichen Vorarbeiten mit zum Teil schwierigen Zeiten kann das Naturschutzgroßprojekt (NGP) Baar jetzt endlich in die Umsetzung starten. Vor der offiziellen Auftaktveranstaltung am kommenden Mittwoch mit Übergabe des Förderbescheides in Höhe von 8,2 Millionen Euro erläutert Projektleiter Thomas Kring, was es mit dem Projekt auf sich hat.

  1. 1Was ist überhaupt das Naturschutzgroßprojekt?

Der Bund hat 1979 das Förderprogramm „chance.natur – Bundesförderung Naturschutz“ aufgelegt, um national bedeutsame und repräsentative Naturräume mit gesamtstaatlicher Bedeutung zu schützen und zu sichern. Das 4289 Hektar große NSG Baar ist bundesweit das 80. seiner Art seit 1979, aber erst das sechste in Baden-Württemberg. Seine 17 Fördergebiete erstrecken sich vor allem auf den Schwarzwald-Baar-Kreis, ein kleiner Teil befindet sich im südwestlichen Teil des Landkreises Tuttlingen.

  1. 2Warum wurde die Baar für das Großprojekt ausgewählt?

Die Baar ist mit ihren Übergangsbereichen in den Schwarzwald und die Schwäbische Alb ein ökologisch besonderes wertvolles und vielfältiges Gebiet. Projektleiter Thomas Kring nennt sie eine Schnittstelle zwischen trockenen und feuchten Lebensräumen, zwischen Wald und Offenland, zwischen den Großräumen Neckar, Donau und Bodensee/Rhein – und ihren jeweiligen Tier- und Pflanzenwelten, die sich letztlich auf der Baar treffen. Große Vogelzug-Achsen führen durch das Gebiet. Und die vielfältige Geologie des südwestdeutschen Schichtstufenlandes ergibt ganz unterschiedliche Biotope.

  1. 3Was sind die Hauptziele des Naturschutzgroßprojekts?

Es geht vor allem um drei Anliegen. Zum einen soll der Verbund der Biotope auf der Baar gesichert und gestärkt werden – ob es nun um Moore geht oder um Eichen- und Hainbuchenwälder. Tier- und Pflanzenarten sollen nicht auf ein einzelnes passendes Biotop beschränkt bleiben, sondern in erreichbarer Nähe vergleichbare Lebensräume finden. Denn Insel-Lagen erhöhen das Risiko, dass eine Art genetisch verarmt oder gar verschwindet.

Zweitens soll die Baar als Rückzugsraum für Arten gesichert werden, denen es im Zuge des Klimawandels in ihren bislang angestammten Lebensräumen – etwa am Oberrhein oder Bodensee – zu warm werden dürfte. Die vielfältige Baar bietet dafür ganz unterschiedlichen Arten Überlebenschancen.

Und drittens soll das NGP zum Klimaschutz beitragen, indem Moore wie beispielsweise das Schwenninger Moos besser geschützt werden. Denn funktionierende Moore können viel vom Treibhausgas Kohlendioxid aufnehmen.

Generell soll das NGP aber nicht nur Bestehendes schützen, sondern auch neue Biotope erschließen. Wo etwa heute eine dunkle Fichtenplantage direkt an einen intensiv bewirtschafteten Acker grenzt, kann künftig ein abgestufter Waldrand neue Lebensräume bieten.

  1. 4Wie hat sich das Großprojekt bislang entwickelt?

Nach den ersten Überlegungen 2008 und mehrjährigem Vorlauf wurde es 2013 konkret für das Naturschutzgroßprojekt Baar. Damals gab es eine erste Förderung des Bundesamts für Naturschutz von 1,1 Millionen Euro für die erste von zwei großen Projektphasen: die Erstellung eines Gebietsverzeichnisses inklusive Maßnahmenkatalog, dem Pflege- und Entwicklungsplan.

Mit dem Geld konnten beispielsweise die potenziell interessanten Areale mit darauf lebenden wichtigen Tier- und Pflanzenarten erfasst werden. Der Pflege- und Entwicklungsplan listet dann alle NGP-Teilgebiete auf mit einem jeweils eigenen Arbeitsprogramm, um deren ökologische Qualität zu verbessern. Das erforderte umfangreiche Abklärungen, so Thomas Kring: Kommunen, Kreisbehörden, Naturschutz- und Bauernverbände und etliche anderen Betroffene und Fachleute galt es einzubeziehen.

Im März 2017 war Phase eins abgeschlossen: 100 Einzelpläne, 400 Seiten Text und 600 bis 700 Seiten mit Fachgutachten und Erläuterungen. Die zweite Phase wurde in den Blick genommen: Die Umsetzung des Plans in die Praxis. Es gelang auch, das Bundesamt für Naturschutz zu überzeugen. Jetzt am Mittwoch soll der entsprechende Bescheid über 8,2 Millionen Euro (plus 300 000 Euro für die Bewertung des Erfolgs der Maßnahmen) vom Bund an das Land und von diesem an den Landkreis überreicht werden. 75 Prozent der Kosten trägt damit der Bund, weitere 15 Prozent kommen vom Land, gut acht Prozent der Schwarzwald-Baar-Kreis und knapp zwei Prozent der Kreis Tuttlingen. Zweieinhalb Personalstellen sind vorgesehen – inklusive Finanz- und Maßnahmenmanagement sowie Öffentlichkeitsarbeit.

  1. 5Was für Maßnahmen werden nun umgesetzt?

Das NGP ist auf zehn Jahre angelegt. Die erste Umsetzungsmaßnahme soll voraussichtlich im Spätsommer starten. Die einzelnen Maßnahmen sind sehr unterschiedlich. Sie können beispielsweise einfach aus Nichtstun bestehen, etwa im Unterhölzer Wald. Dort gibt es Bestände alter Buchen und insbesondere von hunderten, 300 bis 400 Jahre alten Eichen, die dort nun auch in Ruhe in die Zerfallsphase übergehen können sollen, indem man Waldbereiche aus der Nutzung ganz herausnimmt. In dieser Zeit sind sie als Lebensraum für viele Arten sehr wichtig – von Spechten, die darin Höhlen bauen, bis hin zu Fledermäusen, die diese Höhlen dann auch als Sommerquartier und Wochenstube benutzen. „Es ist wirklich erstaunlich: Wir haben auf diesem begrenzten Gebiet zehn Fledermausarten gefunden“, so Thomas Kring, darunter auch Arten, die auf der roten Liste stehen.

An anderer Stelle, im Offenland, kann durch die Umstellung von intensiver auf extensive Nutzung etwas für die Artenvielfalt getan werden. Und den Mooren soll geholfen werden, indem beispielsweise frühere menschliche Eingriffe zur Entwässerung wieder rückgängig gemacht werden, indem man die Gräben versperrt. Welche Maßnahme wo angezeigt ist, wird im Pflege- und Entwicklungsplan genau aufgeschlüsselt.

  1. 6Wie verbindlich ist der Pflege- und Entwicklungsplan?

Grundsätzlich ist der Plan nicht allgemeinverbindlich: Thomas Kring spricht von einer „Wunschplanung“. Ein großer Teil der Arbeit des Projektleiters wird in den kommenden Jahren darin bestehen, sich mit den Grundstückseigentümern und -pächtern, mit den Kommunen, Forstbetrieben und gegebenenfalls weiteren Betroffenen zu einigen, in welchem Ausmaß und auf welche Weise die einzelnen Schutzmaßnahmen umgesetzt und beispielsweise Entschädigungsfragen gelöst werden können. Das ist laut Kring auch ein zentraler Unterschied des Großprojektes im Vergleich zu Naturschutzgebieten, die amtlich festgelegte, rechtlich verbindliche Schutzgebiete seien. „Eine Unterschutzstellung ist von uns nicht vorgesehen.“ Nur etwa zehn von knapp 4300 Hektar sollen aufgekauft werden, dafür stünden 750 000 Euro zur Verfügung.

Projektleiter Thomas Kring erläutert bei einem öffentlichen Vortragsabend am 27. Juni um 19 Uhr in der Außenstelle des Landratsamts in der Humboldstraße 11 in Donaueschingen das Naturschutzgroßprojekt.