Warum droht ein Mangel von Haus- und auch Fachärzten im ländlichen Raum – und was kann dagegen getan werden? Zu diesen Fragen gab es jetzt wichtige Hintergrundinformationen und interessante Vorschläge bei einer Podiumsdiskussion des Kreisseniorenrates zu hören.

Sie kamen aus einer Runde von berufenen Fachleuten: Allgemeinmediziner Michael Ehret als Vertreter des Ärztlichen Kreisvereins, Joachim Früh vom Gesundheitsnetzwerk Schwarzwald-Baar und Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Peter Hinz von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), der Vorsitzende des Kreisseniorenrates, Hans Rohrbach, und Jürgen Roth, Bürgermeister von Tuningen und Vorsitzender des Rot-Kreuz-Kreisverbandes Villingen-Schwenningen. Moderiert wurde die Diskussion von Norbert Trippl, Redaktionsleiter des SÜDKURIER in Villingen-Schwenningen und Regionalleiter Schwarzwald-Baar-Heuberg.

Vielfältige Hürden für junge Ärzte

Seit einigen Jahren zeigt der Trend, dass sich immer weniger Ärzte in einer eigenen Praxis niederlassen. Das trifft besonders ländliche Regionen, zu denen offiziell auch der Schwarzwald-Baar-Kreis zählt. „2030 werden 30 000 Hausärzte fehlen“, sagte der Leiter des Kreisgesundheitsamtes, Joachim Früh, der als Vertreter des Gesundheitsnetzwerks Schwarzwald-Baar sprach.

Warum sind immer weniger Ärzte bereit, sich niederzulassen? Die Antwort fällt vielschichtig aus. Die Problematik beginnt schon damit, dass es im Grunde zu wenige Medizin-Studienplätze gibt und der Zugang zum Studium durch hohe Noten-Anforderungen begrenzt wird.

Zudem wird niedergelassenen Ärzten das Berufsleben durch eine bisweilen ausufernde Bürokratie, durch Regressforderungen bei Überschreitung ihrer Budgets, durch unattraktive Arbeitszeiten und hohe Investitionskosten für ihre Praxen erschwert. Als angestellter Arzte hat man so manche dieser Sorgen nicht oder zumindest weniger. Zudem wächst der Andrang in den Praxen, weil die Bevölkerung älter wird und häufiger zum Arzt geht.

Das heutige Vorgehen gegenüber Studienanfängern resultiere noch aus einer Zeit des Überangebots von Studierenden, erklärte Rot-Kreuz-Vertreter Jürgen Roth. Damals seien Zulassungen und Studienplätze reduziert worden. Heute räche sich dieses Verhalten.

Klar wurde in der Debatte: Die Lust auf ein Arbeitsleben als Einzelkämpfer haben offenbar immer weniger Ärzte. Der Trend geht hin zu großen Arztpraxen, in denen Ärzte angestellt werden können. „Die Ärzte von heute – vor allem Frauen – wollen angestellt sein und in Teilzeit arbeiten können“, erklärte Peter Hinz von der KVBW. Das Stichwort sei „Work-Life-Balance“, also ein ausgeglichenes Verhältnis von Berufs- und Privatleben.

Alternde Bevölkerung

Der demografische Wandel ist seit 15 Jahren bekannt. Er betrifft nicht nur die allgemeine Bevölkerung, die insgesamt altert und häufiger zum Arzt muss. Sondern auch die Ärzte, von denen viele in den kommenden Jahre in den Ruhestand gehen werden.

Warum es so lange dauere, etwas gegen die Folgen zu unternehmen begründete Joachim Früh folgendermaßen: „Natürlich hat man diese Probleme schon vor 20 Jahren gesehen, aber die Politik braucht immer eine riesige Vorlaufzeit, um Änderungen zu beschließen. Veränderungen müssen nachhaltig und intelligent gemacht werden.“

Mit der Ergänzung, dass in anderen Ländern moderne Maßnahmen gut funktionieren würden, sprach Gesundheitsamtsleiter Früh die Tele-Medizin als eine mögliche Teil-Lösung an. Damit ist beispielsweise gemeint, dass ein Patient einen Arzt über das Internet oder telefonisch konsultieren kann. Ein entsprechendes Pilotprojekt der KVBW läuft jetzt im Kreis Tuttlingen.

Auf die Frage, ob Tele-Medizin nicht eine Kapitulationserklärung sei, antwortete KVBW-Vertreter Peter Hinz: „Das Tuttlinger Projekt funktioniert gut.“ In der Schweiz gebe es das System seit 15 Jahren und in Schweden ebenso. Es sei eine Vorabklärung, keine Behandlung, könne aber unnötige Arztkontakte verringern.

Allgemeinmediziner Michael Ehret sagte dagegen: „Ich sehe das kritisch.“ Eine Krankenschwester entscheide darüber, ob ein Patient zum Arzt komme. Der wichtige persönliche Kontakt, die eigene Beobachtung der nonverbalen Kommunikation würden fehlen.

Verschiedene Lösungsansätze

Zu möglichen Lösungen führte KVBW-Vertreter Peter Hinz aus, dass auf Sicht große Praxen gebraucht werden, in der die jungen Mediziner als Angestellte arbeiten können. Solchen Einrichtungen sollte die Einrichtung der Anstellungen erleichtert werden.

Dringend erforderlich sei auch ein Bürokratieabbau, um die Attraktivität zu erhöhen – da waren sich die Fachleute einig. Die Regularien seien noch aus der Zeit, in der es zu viele Ärzte gab. „Das ist ein richtig zähes Geschäft“, kritisierte Hinz.

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) etwa als Ableger von Klinikbetrieben seien aber keine Lösung, denn sie würden nicht so leistungsstark und effizient wie eine Praxis arbeiten, warnte KVBW-Vertreter Hinz .

Einig waren sich die Diskutanten mit Blick auf den dringenden Handlungsbedarf, um zu verhindern, dass weiter junge Ärzte aufgrund attraktiverer Bedingungen ins Ausland abwandern.

Eine Patentlösung ist freilich nicht in Sicht. Auch Versuche von Gemeinden, Ärzte mit finanzieller Unterstützung oder sonstigen Hilfen zu locken, hätten in der Vergangenheit oft nicht zum gewünschten Erfolg geführt, erklärte Rot-Kreuz-Vertreter und Bürgermeister Jürgen Roth.

Hoffnungsvolle Nachrichten hatte aber KVBW-Mann Hinz mitgebracht: Die Zahl der Studienplätze werde erhöht. Und die Zugangshürden würden künftig etwas niedriger gesetzt.

Hans Rohrbach vom Kreisseniorenrat schloss die Diskussion mit einem Appell an Peter Hinz: „Nehmen Sie die Sorgen und Nöte der Senioren bitte ernst.“