Nur wenig Information über die Region Tschernobyl benötigte der Hammereisenbacher Künstler Wolfgang Kleiser, um eine ausdrucksstarke Stele zu schaffen. „Viele Familien haben die Region verlassen“, erklärte ihm Fred Heinze vom Verein „Hilfe nach Tschernobyl Vöhrenbach“ vor zwei Jahren. Das reichte. Nun steht das fertige Werk, eine zwei Meter hohe Stele, im Carport des Bildhauers.

Kleiser erklärt an der Kaffeetafel das vollplastische Tonmodell, anhand dessen er die Skuptur aus dem Baumstamm schnitzt.
Kleiser erklärt an der Kaffeetafel das vollplastische Tonmodell, anhand dessen er die Skuptur aus dem Baumstamm schnitzt. | Bild: Dorer, Praxedis

Kunstwerk soll Ende des Jahres nach Weißrussland gebracht werden

Je nachdem, wie zügig die Zollformalitäten ablaufen, wird sie im Oktober oder im November von Fred Heinze nach Weißrussland transportiert und ihren Platz im Innenhof des Krankenhauses von Buda Koschelewo einnehmen, einer Kreisstadt mit etwa 10 000 Einwohnern. Die Stele zeigt eine Familie, die über eine angedeutete Treppe den Raum verlässt. Der Vater umfasst die Mutter und das Kind, in der Hand trägt er einen Koffer – das Symbol des Weggehens, der Flucht, des Verlassens. Im unteren Bereich ist das Warnzeichen für Radioaktivität zu erkennen.

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  • Die Geschichte dahinter: „Die Katastrophe in Tschernobyl war am 26. April 1986“, weiß Fred Heinze ganz genau. An diesem Tag kam es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zum bisher schwersten Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Zwei Explosionen zerstörten einen der vier Reaktorblöcke und schleuderten radioaktives Material in die Atmosphäre, das weite Teile Russlands, Weißrusslands und der Ukraine verseuchte. Die verheerende Dunstwolke setzte sich über der Landschaft ab, verstrahlte die Menschen, Wiesen, Wälder und die ganze Region. Viele Familien kannten keinen anderen Ausweg und verließen ihre Heimat.
Am liebsten arbeitet Kleiser unter seinem Carport. Seine Ideen sammelt er im Café in Villingen, wo er mit dem Fahrrad hinfährt.
Am liebsten arbeitet Kleiser unter seinem Carport. Seine Ideen sammelt er im Café in Villingen, wo er mit dem Fahrrad hinfährt. | Bild: Dorer, Praxedis
  • Initiative will Kindern helfen: Aus der Bürgerbewegung im Jahr 1989 heraus bildeten sich Initiativen, die Kinder aus den verstrahlten Gebieten zur Erholung aufnahmen. „Auch nach Seifhennersdorf kam die Anfrage“, erzählt die in Sachsen beheimatete Verena Schafranski und spätere Vorsitzende des Vereins „Hilfe nach Tschernobyl Vöhrenbach“. Seit 1991 organisiert sie Erholungsaufenthalte, zunächst in Sachsen und danach im Schwarzwald. Dazu sucht sie Familien, die die Kinder und ihre Betreuerinnen aufnehmen, stellt ein Programm zusammen, benötigt Sponsoren und vieles mehr. Und das in Vöhrenbach erfolgreich seit 14 Jahren. „Ich schätze das wahnsinnig hoch ein, was die Beiden auf den Weg gebracht haben“, betont Kleiser und weist auf die unzähligen Hilfstransporte von Vöhrenbach nach Weißrussland hin.
Die Stele zeigt das Zeichen für Radioaktivität. Sie ist aus einem Eschenholzstamm geschaffen, der zuvor 100 Jahre vor der Pfarrkirche Hammereisenbach stand.
Die Stele zeigt das Zeichen für Radioaktivität. Sie ist aus einem Eschenholzstamm geschaffen, der zuvor 100 Jahre vor der Pfarrkirche Hammereisenbach stand. | Bild: Dorer, Praxedis
  • Anfrage an den Künstler: Da gab es keinen Moment des Zögerns, als ihn Fred Heinze auf eine Stele ansprach, die die nun auslaufende Tschernobyl-Aktion auf eine ganz besondere Art beenden könnte. Sofort sagte Wolfgang Kleiser zu. Dass er für dieses Kunstwerk eine 100 Jahre alte Esche verwenden konnte, die im vergangenen Jahr vor der Pfarrkirche Hammereisenbach gefällt wurde, freut ihn ganz besonders. Wie immer entstanden die ersten Skizzen für die Stele in einem Café in Villingen. Dorthin fährt der 83-jährige Wolfgang Kleiser meist mit dem Fahrrad, Notizblock und Stift sind stets im Gepäck. Seine Ideen reifen dann bei einem Stück Torte und einer Tasse Kaffee.
Die Stele „Familie verlässt die Heimat“ wird künftig in Weißrussland in Buda Koschelewo an die erfolgreiche Tschernobyl-Aktion in Vöhrenbach erinnern. Von links hinten Verena Schafranski, Bildhauer Wolfgang Kleiser und Fred Heinze, vorne die Betreuerinnen der jetzigen Aktion Lena Zhiglyankova und Veronika Strarawoitawa. Bilder: Praxedis Dorer
Die Stele „Familie verlässt die Heimat“ wird künftig in Weißrussland in Buda Koschelewo an die erfolgreiche Tschernobyl-Aktion in Vöhrenbach erinnern. Von links hinten Verena Schafranski, Bildhauer Wolfgang Kleiser und Fred Heinze, vorne die Betreuerinnen der jetzigen Aktion Lena Zhiglyankova und Veronika Strarawoitawa. | Bild: Dorer, Praxedis
  • Kunstwerk aus Eschenstamm: „Im Gegensatz zum zuvor entstandenen vollplastischen Entwurf in Ton modelliert und gebrannt, wurde die Skulptur „Familie verlässt die Heimat“ aus dem Eschenholzstamm nur im vorderen Teil vollplastisch gestaltet. Nach hinten wurde der gewachsene Stamm bewusst sichtbar belassen. Um das Reißen des Holzes zu minimieren wurde von hinten ein Einschnitt bis zum Kern des Stammes vollzogen“, erklärt der Bildhauer. „Ich hänge an dieser Skulptur“, gibt Wolfgang Kleiser zu. Vermutlich wird er sich nie vor Ort ein Bild machen können, wo die Stele in Buda Koschelewo ihren endgültigen Platz findet. Anhand seiner Skizzen soll das Fundament gefertigt werden, auch alle weiteren Details für das sachgemäße Aufstellen wurden von ihm vorbereitet.
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  • Verein wird aufgelöst: „Wir gehen zurück nach Sachsen. Der Verein Hilfe nach Tschernobyl Vöhrenbach wird zum 31. Dezember aufgelöst“, bedauern Fred Heinze und Verena Schafranski. Viele ähnliche Vereine würden sich wegen Überalterungs- oder finanziellen Gründen so nach und nach ebenfalls auflösen, wissen sie. Die Strahlensituation in der Unglücksregion sei zwar besser geworden, doch nachweislich ist der Erholungswert der Kinder hoch einzuschätzen. „Die Kinder werden vor und nach dem dreiwöchigen Aufenthalt im Schwarzwald auf Strahlung gemessen. Teilweise reduziert sich der Wert um die Hälfte“, so Verena Schafranski. „Es ist für uns eine große Ehre, dass ein so renommierter Künstler wie Wolfgang Kleiser diese Stele für uns geschaffen hat“, betont Fred Heinze. Wolfgang Kleiser wiederum sieht seine Stele als bleibendes Objekt für 14 erfolgreiche Jahre Hilfe für Tschernobyl und schenkt sie deshalb dem Verein.