Drei junge Männer aus Pakistan stehen seit Donnerstag vor dem Rottweiler Landgericht. Sie sollen am 13. Dezember 2017 am Busbahnhof in Tuttlingen bei einer Schlägerei mit einer Gruppe Syrer zwei von ihnen schwer verletzt haben.

Der hauptangeklagte 20-Jährige sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Er soll, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, ein Messer dabeigehabt haben, mit dem er einem der Syrer zweimal in den Nacken gestochen haben soll. Dabei sei die acht Zentimeter lange Klinge durch die Wucht des Stoßes abgebrochen. Es sei reiner Zufall gewesen, dass Lunge und Niere nicht getroffen worden seien, so Staatsanwalt Markus Wagner. In beiden Fällen sei dies durch Knochen verhindert worden. Danach hätten alle drei Angeklagten einen der Syrer, der wohl einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und sich deshalb auf eine Bank im Innenbereich des Busbahnhofs gesetzt hatte, von der Bank gestoßen, mit einem Gürtel oder oder Kabel auf ihn eingeschlagen und auch mit Füßen getreten.

Hintergrund war wohl, dass sich ein Mädchen, das zuvor mit dem Bruders des später Verletzten zusammen war, von ihm trennte. Er ging wohl davon aus, dass die Trennung mit dem damals 19-jährigen Hauptangeklagten zu tun habe, und daher verabredete man sich am Busbahnhof, um zu reden. Laut Staatsanwaltschaft seien beide Gruppen aber davon ausgegangen, dass man nicht nur reden werde. Wie es dann auch kam.

Der Prozeß am Donnerstag startete verzögert, denn die zwei 18- und 19-jährigen Mitangeklagten hatten den Zug verpasst, der eine wohnt jetzt in Trossingen, der andere noch in Tuttlingen. Was ihnen dann beim Eintreffen auch gleich eine Rüge vom Vorsitzenden Richter Karlheinz Münzer einbrachte. „Das ist sehr ärgerlich“, sagte Münzer. Wenn das wieder vorkomme, würden sie von der Polizei abgeholt.

 Erster Verhandlungstag beleuchtet die Lebensgeschichten 

Die Tat selbst kam am ersten Verhandlungstag nicht zur Sprache, dafür ausführlich Leben und Hintergrund der drei Angeklagten. A., derjenige, der mit dem Messer zugestochen haben soll, wuchs in einem Dorf auf, die Eltern besaßen einen Hof, und er konnte zwölf Jahre die Schule besuchen. Die Familie habe aber fliehen müssen, so A. Wo sie sich aufhalte, wolle er aus Angst nicht verraten. Auch nicht, wie sein ältester Bruder umgekommen ist.

Fünf Monate sei er von Pakistan nach Deutschland unterwegs gewesen, per Anhalter, zu Fuß, mit Boot, Bus und Zug. Vier Monate arbeitete er in Istanbul, dann ging es weiter. In Deutschland angekommen, integrierte er sich offenbar gut, er spricht so gut Deutsch, dass der Dolmetscher nicht viel Arbeit hat, den Ausbildungsvertrag zum Einzelhandelskaufmann hatte er in der Tasche, doch als sein Arbeitgeber von der Tat erfuhr, wurde ihm gekündigt.

Eines seiner Probleme scheinen Drogen zu sein. Schon mit elf Jahren habe er regelmäßig Hasch geraucht. Dazu kommen ein Alkoholproblem und eine affektive Störung, die die Zuhörer am Donnerstag erleben konnten: Er bricht unvermittelt in Lachen aus und versteckte immer wieder sein Gesicht in den Armen oder hinter einem Flyer.

Seine beiden Mitangeklagten haben eine ähnliche Reise von Pakistan hinter sich, einer erzählte von 10 000 Euro, die er gespart habe, und die ihn die Schlepper kosteten. Er, der 18-Jährige, habe schon als Elfjähriger auf Baustellen gearbeitet. Auch er hat einen Ausbildungsplatz, und der bleibt ihm erhalten, trotz des Gerichtsverfahrens, wie er sagte, danach dürfe er Koch lernen.

Der dritte im Bunde, 19 Jahre alt, erzählte, dass sein Vater ihn auf die Reise nach Deutschland geschickt habe, nachdem er in der Heimat bedroht worden sei. Er ist arbeitslos ohne Aussicht auf Anstellung oder Ausbildung.

Der Prozess geht am Dienstag, 11.September weiter, dann soll es um die Tat gehen.