Es ist ein Prozess voller Widersprüche, bei dem am zweiten Verhandlungstag Staatsanwalt Markus Wagner dann auch irgendwann der Kragen platzte. Es geht um eine Schlägerei zwischen zwei Gruppen junger Männer – die einen aus Pakistan und die anderen aus Syrien. Sie sollen sich, so die Anklage, am 13. Dezember 2017 am Zentralen Omnibusbahnhof in Tuttlingen zu einer Schlägerei verabredet haben. Dabei wurde einer der Syrer mit einem Messer schwer verletzt. Wie es dazu kam, ob man sich wirklich verabredet hatte und wer nun wirklich zugestochen hat: All das wurde auch am zweiten Verhandlungstag nicht klar. Jede Zeugenaussage machte das Geschehen noch verwirrender.

Messer und Akkukabel als Waffen mitgenommen

Zunächst sagte der Hauptangeklagte A., ein Zwanzigjähriger Pakistaner, aus. Er soll derjenige sein, der das Messer mitgenommen und dem Opfer zweimal in den Nacken gestochen haben soll. Er erzählte von Drohungen im gegenüber. Ein Mädchen, die Ex-Freundin des Bruders des Opfers, habe ihm erzählt, dass ihr Verflossener ihn umbringen wolle. Er habe Angst gehabt, mit seinen Freunden Marihuana geraucht und Wodka getrunken. Die Araber, wie er die gegnerische Gruppe nannte, hätten ihn beleidigt. Wenn er sich nicht stelle, sei er kein Mann, so die Provokation. Darum habe er das Messer und das Ladekabel seines Laptops zum Treffpunkt mitgenommen, um sich und seine Freunde im Notfall zu verteidigen. Beim Zusammentreffen sei er dann durchgedreht. Er könne sich nicht mehr wirklich an die Tat erinnern. Zwar bedaure er es sehr, sagte der 20-Jährige, der seit dem Vorfall in Untersuchungshaft sitzt. Aber: "Hätte ich nicht zugestochen, hätten die mich vielleicht umgebracht!"

Nach der Tat sei er heimgegangen. Dann hätten ihn die "Araber" jedoch in den Stadtgarten gelockt. Dort hätten 50 bis 60 Leute auf ihn gewartet, und ihn zu einer Schlägerei Mann gegen Mann aufgefordert. Das habe er aber nicht gewollt, er sei nach Hause gegangen, die anderen hinterher, hätten sich um das Haus gestellt und ihn weiter beleidigt, bis er dann die Polizei gerufen habe. Er habe eine Gelegenheit gesucht, sich bei seinem Opfer zu entschuldigen. Dieser habe das jedoch nicht gewollt.

Polizei wertet Handyprotokolle aus

Die Version seines Opfers klang dann völlig anders. Der Syrer sagte, dass er von anderen gehört habe, dass die Pakistani ihn suchen würden. Auch bei dieser Version kommt die Ex-Freundin wieder ins Spiel. Laut dem Opfer soll sie gesagt haben, dass der Hauptangeklagte ihn umbringen wolle. Eine Version, die seine 13-jährige Schwester im Zeugenstand halbwegs bestätigt. Der Geschädigte wiederum brachte Staatsanwalt Wagner gegen sich auf, weil er standhaft behauptete, er habe von einer Verabredung am Busbahnhof nichts gewusst. Auch als man ihm ausgewertete Handyprotokolle vorhielt, blieb er dabei, dass er die Sprachnachrichten vor der Tat mangels Internet nicht habe lesen können. Erst als Wagner ihm drohte, ihn wegen Falschaussage anzuklagen, knickte er ein und gab zu, von dem Treffen gewusst zu haben. Allerdings brachte er einen vierten Mann ins Spiel und sagte, dieser habe ihn mit dem Messer verletzt, nicht der Angeklagte. Der Prozess wird heute fortgesetzt.